Das warme Licht ist eine Aufforderung. Von vielen Spiegeln gebrochen, strahlt es auf den Bürgersteig der Great George Street in Leeds hinaus. Auf der Südseite verdunkelt die schmutzige Sandsteinfassade des Rathauses den Bürgersteig, gegenüber aber leuchtet die Fassade des Victoria-Pubs. Komm doch herein, scheint das Licht zu rufen: Hier ist es warm, gesellig, gemütlich, und gutes Bier und leckeres Essen gibt es auch.
Es ist ein Ruf, der immer seltener wird. Jeden Tag stirbt ein Pub in Großbritannien. Vor 25 Jahren gab es noch 64.000 im gesamten Vereinigten Königreich; im vergangenen Jahr waren es noch 45.000. Die Gründe dafür sind so zahlreich wie die Versuche, das Sterben aufzuhalten. Nicht immer scheitern sie.
Auch das „Dog Inn“ und das „New Clarence“ standen vor der Schließung
Das „Victoria & Commercial“ in Leeds etwa, wie der Victoria-Pub vollständig heißt, ist nach Jahren des Leerstands wieder lebendig. Auch das „Dog Inn“ in Belthorn, gut 70 Kilometer westlich, und das „New Clarence“ in Hull, 90 Kilometer östlich von Leeds gelegen, standen kurz vor der Schließung und haben doch überlebt. Wer sie besucht, erfährt, wie das gelang und warum es doch die Ausnahme bleibt. Und er erfährt, was ein Pub für eine Gemeinschaft bedeutet – und was ohne ihn verloren geht.
Der Mann, der dem Victoria-Pub neues Leben eingehaucht hat, ist ein graubärtiger Hüne namens Steve Holt. Bevor er den Pub übernahm, hatten fünf Jahre Leerstand das Inventar verwüstet. „Hier lagerten Zementsäcke und Baustoffe,“ erzählt Holt im großen Gastraum neben der Bar. Ein neuer Hauseigentümer baute die oberen Stockwerke zu Apartments um, für das Erdgeschoss, dessen Einrichtung unter Denkmalschutz steht, hatte er keine Verwendung.
Holts Eltern führten selbst eine Gastwirtschaft. „Ich bin im Pub groß geworden“, sagt er. Später wurde er Brauereigeschäftsführer, machte sich dann mit einem Bierhandel selbständig und führt seit rund eineinhalb Jahrzehnten eine eigene Craft-Beer-Brauerei. Zur Marke Kirkstall gehören mittlerweile knapp ein Dutzend Pubs und Bars in Leeds. Das Victoria ist die neueste Ergänzung und eine besondere; eine Art holtsches Privatmuseum.
Viele mit Werbung für Biermarken bedruckte Spiegel, die alle aus seiner eigenen Sammlung stammen, hängen an den Wänden. Englisches, vor allem auch schottisches Bier wurde einst in alle Winkel des britischen Empires geschickt und mit solchen Spiegeln beworben; die Abkürzung „IPA“ (India Pale Ale), die für ein hopfiges haltbares Bier steht, erinnert noch immer daran.
Holt weiß, wie wichtig die Atmosphäre eines Pubs für dessen Erfolg ist. Die Beleuchtung spielt eine große Rolle. Das Licht muss warm sein, aber nicht zu hell. Dabei helfen dunkle Wände in Grün oder Bordeauxrot.
Vom Teppichboden angefangen, der den Schall schluckt und Bierpfützen aufsaugt, über die Holzvertäfelung, in der im Victoria noch emaillierte Klingelknöpfe stecken, die einst den Kellner an den Tisch brachten, bis hin zum Tresengeländer, dessen blanke Messingstange von stilisierten Elefantenköpfen gehalten wird, macht das Mobiliar im Victoria-Pub einen großen Teil des Charmes aus. Aber das ist längst nicht alles.
„Ein Pub muss einfach jeden anziehen“
Wichtig für die Atmosphäre sind außerdem Geschichte, Tradition, Stabilität, sagt Holt. Und „comfort“, ein englisches Wort, das mit Komfort nicht vollständig übersetzt ist, sondern eher ein umfassendes Wohlgefühl ausdrückt. Geschichte meint auch nicht unbedingt Alter und Historie, sondern den Umstand, dass möglichst viele Leute eine Begebenheit mit diesem Ort verbinden. „Fast jeder in Leeds ist schon mal hier gewesen.“
Viele hätten ihn angesprochen und erzählt, dass sie Freund oder Freundin an diesem Tresen kennengelernt hätten oder nach der Hochzeit im Rathaus gegenüber im Pub feierten. Holt sagt: „Ein Pub muss einfach jeden anziehen.“
Das weiß sogar der König. Charles III. hat schon vor Jahrzehnten, damals noch als Prince of Wales, persönlich eine Bürgerinitiative namens „Pub is The Hub“ gegründet, also etwa: Die Kneipe ist der Knoten. Das zielte auf die soziale Rolle, die Pubs vor allem auf dem Land spielen.
Sie stillen nicht nur Hunger und Durst, sondern sind Treffpunkt, Gesprächsquelle, Nachrichtenbörse. Und während alles das in den drei englischen Buchstaben „hub“ steckt, enthält das genauso kurze Wörtchen „pub“ noch viel mehr Bedeutungen und Zuschreibungen.
Seine Herkunft bezieht sich auf den Begriff „public house“, der sich vor rund 400 Jahren einbürgerte, um Etablissements zu bezeichnen, in denen jedermann Ale und Cider, also Bier und Apfelwein, bestellen und an Ort und Stelle konsumieren konnte. Der Kneipenwirt, der die Lizenz zum Ausschank hielt, wurde dementsprechend zum „publican“. Und ausgerechnet diese über Jahrhunderte gewachsenen Orte der Zusammenkunft drohen nun zu verschwinden, weil ihnen die Lebensgrundlagen entzogen werden.
Mit der Auflösung der Industriearbeitswelt endete in den Städten die Gewohnheit, nach der Feierabend-Sirene im nächsten Pub den Staub aus der Kehle zu spülen. Gleichzeitig ist das Bier in den Supermärkten immer billiger, an den Zapfhähnen hingegen immer teurer geworden.
Mittlerweile hat der durchschnittliche Preis für ein Pint, also einen knappen halben Liter, die Marke von fünf Pfund überschritten. Das sind sechs Euro. Auch die Nebenkosten der Gasthäuser klettern, Mindestlöhne und Versicherungsbeiträge sind zuletzt stark gestiegen.
Als jetzt die Regierung in London auch noch die Steuererleichterungen aufheben wollte, die der Gastronomie während der Covid-Pandemie gewährt worden waren, gab es politische Proteste. Viele Wirte klebten Halteverbotsschilder an ihre Eingangstür, unter denen zu lesen war, dass der Premierminister und die Abgeordneten der Labour-Regierungspartei draußen bleiben müssten.
Vielerorts übernahmen Immobilienkonzerne Pubs
Auch das 300 Jahre alte „Dog Inn“ in Belthorn lockt Besucher mit heller Wärme: Ein Feuer knistert im gusseisernen Ofen, der in einer alten Kaminwölbung steht. Hinter der Bar hängt ein ausgestopfter Hundekopf.
„Das ist Patrick“, sagt der Mann, der das „Dog Inn“ einst vor dem Untergang rettete. Patrick gehörte schon zum Inventar, bevor vor elf Jahren das ganze Dorf den Pub übernahm, oder jedenfalls fast das ganze. 180 Anteilseigner hat die Kooperative, die das Gasthaus damals kaufte, 250 Haushalte zählt Belthorn.
Dave Hollings, der Retter, hält auch einen Anteil, er wohnt im Nachbardorf. Hollings ist Geschäftsführer einer Beratungsagentur für gemeinnützige Unternehmensformen, hilft auch bei der Gründung von Kindergärten oder Nachbarschaftsläden. Das „Dog Inn“ war die siebzehnte Gastwirtschaft, die er vor der Schließung bewahrte. Mittlerweile, sagt er, sind es mehr als fünfzig.
Viele Pubs enden als Wohnbauparzellen oder Büroflächen
Der Berater Hollings kennt einen weiteren Grund, der erst zum Siechtum und dann häufig zum Tod einer Wirtschaft führt. Die meisten Pubs gehören in England nicht mehr den Brauereien; denen verbot das vor Jahrzehnten schon ein Monopolgesetz.
Stattdessen bildeten sich Immobilienkonzerne, die Hunderte, sogar Tausende Pubs übernahmen und deren Geschäftsinteresse sich eher an Grundstückswerten und Mietrenditen orientiert als am Getränkeabsatz. So enden viele „public houses“, nachdem der Pächter pleite ist oder das Geschirrtuch wirft, als Wohnbauparzellen oder Büroflächen.
Auch das traditionsreiche „Dog Inn“ hätte in Apartments verwandelt werden sollen. Hollings erzählt: „Wir hatten zwei Monate Zeit, um so viel Geld einzusammeln, dass wir die Bauträgergesellschaft überbieten konnten.“ Es klappte, sogar ohne Streit und Missgunst. Der Grundstücksmakler von damals sei neulich zur zehnjährigen Jubiläumsfeier der Pub-Eigentümergemeinschaft erschienen und habe die Torte angeschnitten.
Es reicht ein Blick auf den Bierdeckel, um zu erfassen, wie sehr das „Dog Inn“ zum Knotenpunkt von Belthorn geworden ist. Die Pappe zeigt keine Bierwerbung, sondern lädt unter der Aufforderung „Sei ein Teil davon“ zu einem ganzen Dutzend Aktivitäten ein: zu Halloween und zum Weihnachtsliedersingen, zum Ostereiersuchen auf der rückwärtigen Wiese, zur Traktorparade und zu Märchenstunden für die Grundschulkinder während der Ferien.
Dann gibt es noch feste Termine: immer dienstags nachmittags „Craft and Chat“, also etwa Handarbeiten und Plaudern, mittwochs Bridge, jeden Donnerstag ein Pubquiz.
Bei einem kurzen Rundgang mit Hollings schimmert der Stolz des ruhigen Manns auf das gemeinsame Werk in seinem Lächeln durch. Es zeigt sich, dass viele aus dem Dorf mit der Kneipe verbunden sind. Da ist ein pensionierter Handwerker, der oben im kleinen Saal die Schemel nachlackiert, die zur Gaststube gehören.
Da ist Rosie, die wegen gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr arbeiten gehen kann, aber nachmittags den Shop im Pub betreut. Der winzige Laden in einer Nische des Gastraums würde in deutschen Großstädten vielleicht als „Späti“ etikettiert. Hier, in dem windigen Dorf am Abhang der Pennines-Berge, bietet er ein ganz ähnliches Sortiment aus Konserven, Snacks, Milch und Softdrinks an – nur Bier gibt es logischerweise nicht; das sollen die Gäste schließlich im Pub trinken. Und für die Blumen auf den Tischen ist Clive zuständig, erzählt Hollings, im Moment stehen gerade Osterglocken in den kleinen Vasen.
Die nächsten Pläne richten sich darauf, auf der Wiese hinter dem Haus einige Schrebergartenparzellen abzustecken, vielleicht könnte dort frisches Gemüse für die Speisekarte wachsen, und Gärtnern macht ja auch Durst.
Mit dieser Vielfalt ist Belthorns „Dog Inn“ in der Sprache der Soziologie zu einem beispielhaften „Dritten Ort“ geworden, einem schrankenlosen Treffpunkt, der nicht bloß Dienstleistungen für das Dorf bewahrt, sondern seinen Bewohnern auch Fluchtwege aus der wirklichen oder virtuellen Einsamkeit bietet, mithin jenen Austausch, den immer mehr Menschen weder in der Familie noch in der Arbeitswelt erfahren.
Das Gasthaus bringt – für den Preis eines Drinks – beiläufig den sozialen Kontakt, der immer öfter an öffentlichen Orten mutwillig erzeugt werden soll, etwa an Supermarktkassen, über denen der Hinweis hängt, hier könne man ein Schwätzchen halten, oder auf Parkbänken in englischen Landschaftsgärten, auf deren Lehne der Satz „Wir können gern reden“ aufgemalt ist.
In Hull half die Stadtverwaltung bei der Rettung eines Pubs
Auch in der Hafenstadt Hull sollte ein Pub unlängst Wohnungen weichen, und auch hier intervenierte eine Gemeinschaftsinitiative. Dass das „New Clarence“ weiter eine Gaststätte ist und kein Wohnheim, ist Simon Barry und Catherine Murray zu verdanken. Er ist ein einstiger Paralympics-Athlet im Rollstuhl, sie arbeitet als Managerin an einer Londoner Universität, aber ist in Hull zu Hause.
Auch die beiden mussten innerhalb weniger Wochen genügend Anteilseigner zusammenbringen, um das Eckhaus am Nordrand der Innenstadt erwerben zu können. Zwar fanden sie in wenigen Tagen fast 400 Mitstreiter. Trotzdem hatten sie es schwerer als die Dorfgemeinschaft in Belthorn. Denn der Eigentümer wollte nicht an sie verkaufen und baute immer neue Hindernisse auf. „Sogar die Bierleitungen im Keller waren plötzlich durchgeschnitten“, erzählt Barry.
Allerdings kam ihnen die Stadtverwaltung entgegen, indem sie das „New Clarence“ als „Vermögenswert der Gemeinschaft“ einstufte – ein Schutzstatus im Baurecht für öffentliche Orte wie Büchereien, Sportstätten, Spielplätze und in Ausnahmefällen eben auch Pubs. Das verhinderte am Ende den freien Verkauf der Immobilie.
Das Schicksal des „New Clarence“ ist damit – vorerst – eine von vielen Erfolgsgeschichten im ganzen Land: Die Zahl der Gemeinschaftspubs ist mittlerweile auf mehr als 200 gewachsen. Fast alle halten durch, sagt der Kooperativen-Fachmann Hollings, „aber jede Gemeinschaft ist anders“.
Das „Dog Inn“ trägt das Dorf, in dessen Mitte es steht. In den Städten sind es mitunter motivierte Einzelne wie Barry und Murray, die sich zu Pubrettern aufschwingen. Und manchmal kommt die Rettung, wie in Leeds, auch in Gestalt eines engagierten Brauereibesitzers.
Jamie Reading, der nun ein halbes Jahr als „publican“ hinterm Tresen des „New Clarence“ steht und der trotz seines jugendlichen Lächelns schon fast zwei Jahrzehnte im Gastronomiemetier hinter sich hat, ist vorerst zufrieden. Seine Erwartungen seien mehr als erfüllt. Zum einen hätten nochmals 100 weitere Interessenten Anteile an der Pubgemeinschaft gekauft, zum anderen sei der Umsatz besser als vermutet.
Dartscheibe, Bier, Fish and Chips
Da das „New Clarence“ nicht vertraglich an eine bestimmte Brauerei gebunden ist, kann Reading seinen Kunden immer neue Biervarianten bieten. Momentan läuft „Black Sheep“ aus dem Hahn, ein Ale aus der Gegend, aber auch bayerisches „Löwenbräu“. Für den Sommer plant der Wirt ein erstes Bierfestival, da will er mehr als 20 Sorten im Angebot haben.
An diesem späten Vormittag ist es noch kalt in Readings Gastraum; nachts war die Heizung ausgefallen. Zwei Monteure werkeln im Keller, tauchen auf und bestellen erst mal Mittagessen: zweimal Fish and Chips. Der Koch, der sich bis dahin die Zeit an der Dartscheibe vertrieben hat, verschwindet in der Küche. Im Nu füllt sich das Lokal.
Zwei ältere Ehepaare kommen, die sich hier verabredet haben, und ein Geschäftsmann aus der Gegend. „Sorry, ist ein bisschen kalt heute“, warnt ihn der Wirt. „Solange das Bier läuft, kannst du meinetwegen die Fenster aushängen“, entgegnet der Gast.
Dann taucht ein Mann mittleren Alters mit einem Trilby-Hütchen auf, in dessen Krempe ein LED-Leuchtkranz blinkt. Er sei wegen des Ciders hier, sagt er – Reading hat immer eine Auswahl von Apfelweinen kleiner Keltereien im Angebot. Der Mann greift das Pint-Glas, seine Fingernägel sind rotlackiert, und setzt sich an einen Ecktisch.
Hier, in Leeds und in Belthorn zeigt sich: Es ist eine Komposition aus vielen Vorlieben und „comforts“, die einen Pub zum Erfolg führen. Im „New Clarence“ wird weiter gewerkelt, im Sommer soll ein Saal im Obergeschoss fertig sein. Es gebe jetzt schon ungeduldige Buchungen für Feiern da oben, sagt der Wirt. Und Simon Barry, der Vorsitzende der Gemeinschaftseigentümer, hat früh dafür gesorgt, dass auch ein behindertengerechter Aufzug eingebaut wird.
Im Victoria-Pub in Leeds steht Steve Holt abends an der Bar, kneift die Augen zusammen und gibt dann Anweisung, das Licht ein bisschen zu dimmen: Das mache es gemütlicher. Und im „Dog Inn“ zieht Patrick, der ausgestopfte irische Wolfshund, immer wieder Blicke und Fragen neuer Gäste auf sich.
Früher habe er über dem Kamin gehangen, erzählt die Wirtin, aber die trockene Hitze dort habe ihm nicht gutgetan. So hätten sie eine Sammelaktion gestartet, um Patrick fachgerecht neu präparieren zu lassen. Im Nu seien 800 Pfund zusammengekommen.
Source: faz.net