Frau Ministerin Nathanielsen, US-Präsident Donald Trump hat verkündet, dass er eine Rahmenvereinbarung über Grönland erreicht habe. Nun herrscht Konfusion darüber, was diese Rahmenvereinbarung enthält. Können Sie uns aufklären?
Es gibt keine Rahmenvereinbarung. Wir müssen den Dialog erst beginnen – zwischen dem Königreich Dänemark auf der einen Seite und der US-Regierung auf der anderen, so wie wir es beim Treffen in Washington beschlossen haben. Im Moment haben wir nichts Konkretes dazu gehört, welche Themen die Amerikaner besprechen wollen. Wir rechnen mit Gesprächen auf NATO-Ebene über verstärkte militärische Präsenz im hohen Norden. Dann steht ein trilateraler Dialog mit Grönland, der US-Regierung und Dänemark über Verteidigung, nationale Sicherheit und die Aktualisierung eines Abkommens von 1951 über militärische Präsenz an. Und dann gab es Medienberichte über Mineralien; dazu haben wir von der US-Administration aber nichts Konkretes gehört.
Mit anderen Worten: Die Rahmenvereinbarung ist im Grunde nur die Absichtserklärung, Gespräche führen zu wollen?
So ist das. Wir freuen uns auf einen direkten Dialog. Wir haben gleichzeitig rote Linien, die mit Souveränität zu tun haben. Aber wir haben kein Interesse daran, über die Medien zu diskutieren.
In Ihrer Sicht: Was trieb Trumps Vorstoß, Grönland übernehmen zu wollen?
Wir machen einen Fehler, wenn wir versuchen, diese komplexe Realität auf ein einzelnes Thema zu reduzieren. Es sind viele Themen auf dem Tisch. Es gibt viele Gruppen rund um die US-Regierung mit unterschiedlichen Interessen. Ein Aspekt ist die nationale Sicherheit, ein anderer der Zugang zu Mineralien und anderen Ressourcen. Schwer zu begreifen ist für uns dieses Element einer expansionistischen Ideologie. Wir hatten diese Art des Denkens nach dem Zweiten Weltkrieg hinter uns gelassen. Jetzt taucht es wieder auf, und wir wissen nicht wirklich, wie wir damit umgehen sollen.
Sie haben vor einem Jahr in einem Beitrag geschrieben, dass Grönland 39 von 50 Mineralien enthält, die die USA als kritisch einstufen. Sie schrieben zugleich, dass nur ein US-Unternehmen eine Bergbaulizenz hatte. Hat sich das geändert?
Wir haben weiterhin Bodenschätze, die andere Länder als kritisch einstufen. Nicht alle sind abbauwürdig – etwa, weil sie nicht zugänglich sind oder die Vorkommen nicht groß genug sind. Aber wir haben sie, und wir haben ein Interesse daran, die Mineralien zu fördern – in Zusammenarbeit mit anderen Ländern. Ich habe seit Januar letzten Jahres aber keinen großen Schub amerikanischer Investitionen gesehen. Es gibt etwas mehr Interesse, aber eher von Unternehmen, die schon lange hier aktiv sind, oder von europäischer Seite. Ich sehe nicht viele neue Unternehmen, die nach Grönland kommen. Im Moment sehe ich keine großen amerikanischen Investitionen.
Zeitungsberichten zufolge hat der Milliardär Ronald Lauder, Erbe des Lauder-Kosmetikkonzerns, Trump auf die Idee gebracht, Grönland zu kaufen. Klingt das plausibel?
Lauder interessiert sich seit langer Zeit für Grönland, auch schon vor dem vergangenen Jahr. Für uns ist sein Interesse nicht neu. Ob er an der Formung einer Politik des „Grönland-Kaufs“ beteiligt war, weiß ich nicht. Wir sind aber sehr interessiert, Investitionsbeziehungen mit den USA zu entwickeln – aber wir wollen, dass sie den „Vordereingang“ nutzen. Wir wollen, dass sie sich an unsere Regeln und Vorschriften halten, und als einfache Basis: internationales Recht respektieren. Wenn das alles erfüllt ist, heißen wir sie willkommen.
Hat Lauder nach aktuell Geschäftsinteressen in Grönland?
Ich denke, er hat Minderheitsanteile an einigen Projekten. Hätte er eine Mehrheit an einer Mineralgesellschaft oder eine Wasserlizenz, hätten wir das genehmigen müssen. Davon ist mir nichts bekannt.
Wie haben Grönländer die USA vor Trumps Übernahme-Rhetorik gesehen – als Sicherheitspartner oder Freund, als entfernte Macht, als kommerzielle Chance?
Wir hatten im Grunde dieselbe Sicht wie unsere Verbündeten in Europa und im Vereinigten Königreich. Wir sind Verbündete – formal im Rahmen der NATO-Zusammenarbeit. Wir sehen uns als Teil der westlichen Welt und jener demokratischen Werte, die den Westen über viele Jahrzehnte geprägt haben. Beim Geschäftlichen haben wir versucht, mehr amerikanische Investoren nach Grönland zu holen, etwa über Tourismus oder Fischerei – mit nicht dem größten Erfolg.
Aber Sie hätten gerne mehr Geschäftsbeziehungen mit den USA?
Ich bin als Ministerin für Wirtschaft verpflichtet, Investoren für unser Land zu finden. Unsere außenpolitische Strategie sieht vor, dass wir besonders Investoren aus gleichgesinnten Ländern wollen. Deshalb waren diese letzten zwei Wochen für uns schwierig, weil wir nicht nur mit der Idee konfrontiert wurden, Grönland zu erwerben, sondern auch mit der Drohung einer militärischen Invasion. Welcher Freund macht so etwas? Am Anfang gab es viel Angst und Sorge in meinem Land, und jetzt nehme ich einen Trauerprozess wahr. Menschen werden wütend. Menschen sind verärgert – auch über Kommentare, die NATO sei gar nicht hilfreich. Natürlich spüre ich eine tiefere Frustration und vielleicht sogar Wut in der Bevölkerung. Wir versuchen zu balancieren und herauszufinden: Was will die USA, und wie sieht sie uns als Verbündete? Ich rätsele darüber wie andere Entscheider auch.
Ein Blick zurück: Als die USA 1952 die Thule Air Base bauten, wurden 130 Inuit mit wenig Vorlauf umgesiedelt. Ist diese Geschichte heute noch präsent, prägt sie Einstellungen gegenüber den USA?
Absolut, kein Zweifel: Unsere Geschichte prägt unsere Politik. Wir haben eine Geschichte, in der größere Länder für uns entschieden und uns herumgeschoben haben. Diese postkoloniale, post-imperialistische Geschichte macht uns sehr sensibel, wenn andere Länder Wünsche in Richtung Grönland äußern. Man konnte das in Debatten der letzten Zeit sehen – Menschen waren aufgebracht und sagten: Wir sind nicht zu verkaufen. Wir bestehen auf unserer Kultur.
Und dieses konkrete Ereignis 1952 – die Umsiedlung – ist den Leuten bewusst?
Ja. Dieser Teil unserer Geschichte wirkt und prägt uns. Es passt in ein größeres Bild des „Herumgeschobenwerdens“.
Gab es jemals den Moment, dass Sie dachten, das große Geld-Angebot von angeblich 100.000 Dollar pro Person könnte die öffentliche Meinung drehen – zugunsten einer Integration in die USA?
Sie lachen?
Ich lache darüber, weil: Würden Sie für 100.000 Dollar aufgeben, Deutscher zu sein?
Vermutlich nicht. Nein.
Eben. Es geht um mehr als Geld. Wir sind mehr als Geld. Wir alle wissen: Da ist mehr. Wir existieren nicht nur, um Geld zu haben. Kein Land tut das. Es bindet uns so viel mehr an das Land, auf dem wir leben – ob wir Grönländer sind oder Deutsche oder Amerikaner. Eine kollektive Geschichte und Stolz, hoffe ich. Also nein: Ich habe viele Interviews gesehen, und ich habe niemanden gesehen, der das auch nur eine Sekunde erwogen hätte.
Wenn ein US-Präsident Grönland-Politik mit mehr diplomatischer Finesse und langfristiger Strategie betrieben hätte: Hätte Washington mehr Kooperation erreichen können als unter Trumps Ansatz?
Das würde voraussetzen, dass ich genau wüsste, was sie wollen – und das weiß ich noch nicht. Im Moment können wir nur bewerten, was in den Medien gesagt wurde: dass sie uns kaufen oder eine Invasion wollen. Wir sind froh, dass die Temperatur aus der Rhetorik genommen wurde. Aber wir müssen verstehen: Was wollen sie genau, das nicht ohnehin zu bekommen ist? Wir sagen seit Langem: Wir haben kein Problem damit, die militärische Präsenz zu stärken – bis zu einem gewissen Grad. Wir sind für mehr Installationen in Sachen Monitoring und so weiter. Und wir haben strategisch versucht, die Zahl amerikanischer Investitionen in Grönland zu erhöhen. Wir bleiben daher ziemlich ratlos.
Trump ernannte den Gouverneur von Louisiana zum Sondergesandten für die „Grönland-Übernahme“ und verband das mit dem Louisiana Purchase. Hat das das Gesprächsklima vergiftet?
Es hat die Verwirrung vergrößert. Zu dem Zeitpunkt, als der Sondergesandte ernannt wurde, hatten wir gerade einen Besuch in Grönland vom neuen US-Botschafter in Dänemark – im Königreich – und hatten gute Treffen. Es war überraschend, dass wir nach so wenigen Tagen von einer ganz neuen Person hörten, die offenbar etwas mit Grönland zu tun hatte. Deshalb war es ein sehr positiver Moment, dass wir tatsächlich mit Außenminister Marco Rubio und dem Vizepräsidenten J.D. Vance sprechen konnten. Das sind Personen, die wir akzeptieren und respektieren müssen, weil sie die amerikanische Perspektive vertreten. Wir freuen uns auf diese Dialoge.
Der Klimawandel verändert die strategische Bedeutung der Arktis; Russland und China haben dort große Ambitionen. Man kann die Dringlichkeit der USA also verstehen – oder?
Wir verstehen die Sorge, und wir haben keine Einwände gegen mehr Monitoring oder Präsenz im Hohen Norden, in der Arktis. Das betrifft natürlich auf alliierter Seite mehr als nur Grönland; es betrifft auch andere Länder mit aktiver Präsenz. Wir erkennen auch an, dass die Klimakrise in den nächsten Jahrzehnten die Nordwestpassage verändern wird – wir sollten jetzt schon Diskussionen darüber führen, wie wir damit umgehen. All das kann durch Dialog erreicht werden. Am Ende wollen wir alle dasselbe: eine friedliche Welt, in der offener Handel die gemeinsame Sprache ist.
Grönland strebt Unabhängigkeit an, ist aber finanziell von Dänemark abhängig und in der Verteidigung auf USA/NATO angewiesen. Was ist das dann für eine Unabhängigkeit?
Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. In Grönland hat uns über Jahrhunderte ein konstanter Drang nach mehr Selbstbestimmung geeint. Wir drängen seit 1721 darauf und sind heute an einem Punkt, an dem wir eine eigene Regierung und ein eigenes Parlament haben. Wir bestimmen immer mehr Politik selbst, während wir im Königreich Dänemark bleiben. Alle Parteien teilen diese Idee, mehr Selbstbestimmung zu erreichen. Sehr wenige Parteien haben eine erklärte Position, dass sie vollständig souverän werden wollen, weil wir alle sehen: Verteidigung – 57.000 Menschen in einem riesigen Land – das wird nicht passieren. Die meisten Grönländer sind zufrieden innerhalb des Königreichs Dänemark.