Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni regte sich auf. Frankreichs Präsident Emanuel Macron kritisierte scharf. Spaniens Premier Pedro Sánches beschuldigte Israel. Das Weiße Haus meldete sich direkt bei der israelischen Regierung. Und die handelte: Nachdem sich Staatschef Itzchak Herzog schon öffentlich entschuldigt hatte, wies Premierminister Benjamin Netanjahu höchstpersönlich seine Behörden an, „uneingeschränkten und sofortigen Zugang“ zu gewähren.
Was brachte so viele Spitzenpolitiker auf der ganzen Welt in Wallung?
Man kann es so formulieren: Dass ein Priester nicht zu seinem Amtssitz konnte. Man kann es aber auch so formulieren: Dass der höchste katholische Würdenträger im Heiligen Land nicht in die Grabeskirche in Jerusalem durfte.
Bei diesem Würdenträger handelt es sich um Kardinal Pierbattista Pizzaballa. Pizzaballa ist der Patriarch von Jerusalem und wollte etwas tun, das eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, in diesen Kriegszeiten aber nicht ist: eine Messe feiern an dem Ort, an dem Jesus der Erzählung nach bestattet worden ist.
Es geht also um viel mehr als nur einen Menschen, der beten möchte. Es geht um Symbolik und um Macht. Und da mischen alle gerne mit. Dröseln wir es auf.
Am Palmsonntag wollte der Kardinal mit nur einem Begleiter eine Messe in seinem Amtssitz feiern. Aus Sicherheitsgründen verweigerte ihnen das die israelische Polizei. Pizzaballa machte die Entscheidung öffentlich, was zu eben jenem weltweiten Protestschrei führte, der Benjamin Netanjahu zum Handeln brachte. Die Sachlage ist nun klar: Die Osterfeierlichkeiten dürfen in der Grabeskirche stattfinden und per Streaming übertragen werden. Aber die Emotionen, die sind noch lange nicht besänftigt.
Das Verbot gilt für alle heiligen Stätten
In Jerusalem prallen wieder einmal die Weltreligionen aufeinander und der Staat Israel hat alle Hände voll damit zu tun, gleichzeitig die Sicherheit zu gewährleisten und die Befindlichkeiten der Glaubensgemeinschaften zu respektieren.
Seit Beginn des Krieges sind alle heiligen Stätten in der Altstadt von Jerusalem nicht zugänglich. Das gilt für den Felsendom, für die Klagemauer und für die Grabeskirche. Auch während des Fastenmonats Ramadan, der am 19. März zu Ende ging, war den hohen Würdenträgern des Islams der Zutritt zum Felsendom verwehrt worden. Von dort soll Mohammed in den Himmel aufgestiegen sein, deswegen gilt der Ort als besonders heilig. Das Verbot, dort zu beten, traf die muslimischen Gläubigen ebenso schwer wie die jüdischen, die nicht an die Klagemauer gelangen konnten. Der katholische Patriarch hatte aber trotz der Verbote den Zugang zur Kirche am Palmsonntag verlangt. Er gab an, sich an alle Auflagen der Behörden gehalten zu haben, denn Gruppen von unter 50 Personen könne der Zugang nicht verwehrt werden.
Die Empörung des Kardinals schien eine Steilvorlage für Christen weltweit zu sein, die sich in der Ausübung ihrer Religion behindert sehen, was in zahlreichen Staaten zweifellos der Fall ist. Der Vatikan bemüht sich aber zurzeit mit allen Kräften, die katholische Kirche aus einem sich anbahnenden weltweiten religiösen Konflikt herauszuhalten. Denn der vermeintlich kleine Konflikt in Jerusalem fällt in eine Zeit, in der zahlreiche proschiitische Gruppen versuchen, den Krieg gegen den Iran als einen Religionskrieg der Christen gegen gläubige Muslime darzustellen. Pizzaballas Chef, Papst Leo XIV., war es deshalb sehr daran gelegen, sofort gegenzusteuern. Er lehnte eine offizielle Protestnote gegen Israel ab. Und Kardinal Pizzaballa sprach schnell von einem Missverständnis.
Keine Extra-Wurst für Katholiken
Damit mag die weltweite Wut der Spitzenpolitiker besänftigt sein. Doch für den Papst hat sich die Lage noch nicht verbessert. Denn er muss erleben, dass schon wieder ein alter Konflikt in seiner Kirche aufgebrochen ist. Die Hardliner verlangen bedingungslosen Gehorsam gegenüber Gott. Am Ort des Todes und der Auferstehung von Jesus, in der Kirche in Jerusalem, müsse der Patriarch Gottes Sohn am Palmsonntag gedenken, egal welche Regeln ein Staat erlasse. Papst Franziskus musste während der Pandemie einen ähnlichen Konflikt aushalten. Die Hardliner verlangten damals, dass im Namen Gottes alle Kirchen trotz Ansteckungsgefahr geöffnet bleiben, wenigstens im Vatikan. Papst Franziskus lehnte damals ab. Seine Botschaft: keine Extra-Wurst für Katholiken. Die Kirchen blieben geschlossen.
Papst Leo XIV. sieht das jetzt genauso. Im Vatikan betonten Vertraute des Papstes, dass die israelische Armee derzeit mit allen Kräften alle Bewohner Israels vor den Raketenangriffen schütze, auch die Christen. Die israelische Armee verweist schon seit Langem darauf, dass es in der Altstadt von Jerusalem schließlich keine geeigneten Schutzräume gebe. Dort schlagen aber immer wieder Raketenteile ein – und die unterscheiden nicht zwischen den Religionen.