„Goodbye June“: Im Januar braucht man anderen Trost

Weihnachten ist
nun endgültig vorbei, und das neue Jahr zwingt uns, wieder Haltung anzunehmen
vor all den Aufgaben und Problemen, die auf uns warten. Innerlich sind wir also
ein bisschen robuster gestimmt, weniger märchenselig und sicher etwas weniger
sentimental als im Dezember mit seinen Weihnachtsschlagern und
Weihnachtsfilmen. Seltsamerweise hat Netflix den Film Goodbye June, das
Regiedebüt von Kate Winslet, erst am Heiligabend ins Programm genommen, also einen
Post-Weihnachtsfilm aus ihm gemacht, der in der frisch-frostigen Stimmungslage
des Januars kaum noch genießbar ist, so als müsste man jetzt den ganzen Rest des
Stollens auf einmal aufessen.

Goodbye June, nach einem Drehbuch von Winslets
Sohn Joe Anders, wiederholt ziemlich ungeniert ein geläufiges
literarisch-cineastisches Schema: Vorm Fest, wenn die Gefühle ohnehin
bloß liegen, gerät die Familie, oft ausgelöst durch einen Schicksalsschlag, in
die Krise. Dann sieht sie schwierigen Wochen entgegen. Sie muss sich
zusammenraufen, dabei alte Zwiste lösen oder austragen, ein jeder muss das
Dasein der übers Jahr ignorierten anderen zur Kenntnis nehmen und unschöne
Wahrheiten schlucken, kurz: Sie muss sich eine neue Ordnung suchen.

Manchmal
gelingt das nicht und alles fällt auseinander, aber im Weihnachtsfilm haut es
eigentlich immer hin. Der Post-Weihnachtsfilm dagegen muss an dieser Stelle achtgeben,
dass er nicht zu dick aufträgt. Goodbye June, eine britische Produktion,
zieht trotzdem die dicke Spritze mit dem Zuckerguss hervor. Sie möchte die
künstliche Herzenswärme Hollywoods mit dem spröden Realismus des englischen
Films versöhnen, sie spielt in der unteren Mittelschicht und präsentiert
kauzige Charaktere, um dann in einen sehr erwartbaren amerikanisch-versöhnten Schluss
einzumünden. Da stimmt etwas nicht. Das können auch große Stars nicht
ausgleichen, im Gegenteil, sie machen die Unwucht nur deutlicher.

Helen Mirren
spielt die alte Mutter June, die, lange schon krebskrank, plötzlich wieder ins
Krankenhaus muss. Die Diagnose ist diesmal niederschmetternd. Es bleibt nur
noch wenig Zeit. Die Familie hat sich auseinandergelebt. Die drei Töchter sind
zerstritten, Julia (Kate Winslet) ist eine überbeschäftigte Geschäftsfrau
geworden, Molly (Andrea Riseborough) eine überforderte Übermutter, Helen (Toni
Collette) hat sich ausgeklinkt und arbeitet als esoterische Therapeutin. Sohn
Connor (Johnny Flynn), ein schwieriger Nachkomme, vermag als Einziger zu
trauern, während der Vater Bernie (Timothy Spall), ein alter humpelnder Skipper
mit angenähtem Fuß, bereits erste kognitive Ausfälle zeigt und das nun
anhebende Tohuwabohu um seine Frau am liebsten ignorieren würde.

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