„Good Fortune“ im Kino: Klassenfrieden wie Komödie

Was ein Minijob ist, ist in Deutschland genau geregelt, lässt aber noch Möglichkeiten nach unten offen. Denn längst gibt es ja auch die sogenannte Gig Economy, in der Menschen manchmal für ein paar Stunden etwas zu tun haben, und das war es dann auch schon wieder. Arj zum Beispiel steht gelegentlich an. Er steht dann vor einer dieser angesagten Bäckereien, vor denen sich immer wieder eine lange Schlange bildet, und versucht ein paar der offensichtlich in aufwendigster Handarbeit hergestellten Zimtschnecken zu erhaschen, auf die alle so scharf sind.

Er tut das nicht für sich selbst, sondern für eine App, auf der jemand ihn dafür engagiert hat. Als er endlich dran ist, hat er doch noch das Nachsehen. Ein Mann taucht auf, für ihn wird spornstreichs das Regal leer geräumt. Er ist, so wird Arj belehrt, einer der Investoren, die Geld in diese Bäckerei gesteckt haben.

Schutzengel für größere Vergehen

Diese bezeichnende Szene bildet das erzählerische Gelenk in der Komödie „Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel“ von Aziz Ansari. Der amerikanische Komiker mit indisch-tamilischer Herkunft spielt selbst die Hauptrolle: Er ist Arj, einer aus dem Millionenheer der Menschen, die sich in Los Angeles einfach so durchzuschlagen versuchen, weit entfernt von jeder Daseinssicherheit, geschweige denn einer Kapitalakkumulation. Seth Rogen spielt das Gegenüber: den Investor Jeff, der in einer Villa mit Pool und Blick auf die Skyline lebt, in einem dieser Klischee-Paradiese, die man aus Kalifornien so oft zu sehen bekommt.

Arj und Jeff sind durch die Abstraktionen des modernen Plattformkapitalismus miteinander verbunden. Konkret wird die Verbindung, als Arj es schafft, ein wenig Kontinuität in seine Gigs zu bringen. Er dient sich Jeff als Assistent an, nun wird er nicht mehr von einer App herumgeschickt, sondern wenigstens von einem einzelnen Menschen, der mit seinen Launen durchschaubare Algorithmen schreibt.

So richtig komisch soll „Good Fortune“ durch einen Vermittler werden, den Aziz Ansari bemüht, um die Verhältnisse durcheinanderzuwürfeln. Keanu Reeves spielt Gabriel, einen Schutzengel, der mit seiner Spezialisierung hadert. Er ist ausschließlich für Menschen zuständig, die im Auto ihr Handy bedienen. Er klopft ihnen rechtzeitig auf die Schulter und verhindert so zahlreiche Unfälle. Gabriel fühlt sich zu Größerem berufen. Er möchte zwar nicht die herrschenden Verhältnisse ändern. Aber er möchte eine „verlorene Seele“ wieder in die Spur bekommen. Also mischt er sich in das Leben von Arj ein. Denn der hat gerade seinen Job bei Jeff verloren. Er hat dessen Kreditkarte zweckentfremdet.

Actionheld mit der ikonischen Erscheinung

Die Formen des Reichtums haben das amerikanische Kino immer schon beschäftigt. Die Sprache weist den Weg: Wenn jemand ein „Vermögen“ macht, ein „fortune“, dann hat das oft mit brillanten Ideen zu tun, nicht selten aber auch mit Übervorteilung, Monopolbildung, Naturzerstörung und Ausbeutung. Und weil das amerikanische Wirtschaftswunder ja schon eine Weile andauert, sind Menschen wie Jeff gar nicht so selten. Dem fällt erst durch die Bekanntschaft mit Arj auf, dass er in seinem ganzen Leben noch nie einen Moment finanzieller Sorge hatte. Er wurde ja schon in ein „fortune“ hineingeboren, und nun steckt sein Kapital in Firmen, die das Leben oft in Subminijobgigs fragmentieren.

Aziz Ansari wurde mit der Serie „Parks and Recreations“ bekannt, die eine Form von (Lokal-)Politik zelebrierte, die heute schon, keine zwei Jahrzehnte später, wie ein fernes Echo einer lange verschwundenen Zeit wirkt, in der es noch so etwas wie einen handwerklichen, gemeinschaftlichen Alltag im politischen Betrieb gab.

Ansari ist ein Schulbeispiel für die Inte­grationskraft der populären Kultur in Amerika, die allerdings bis vor wenigen Jahren weiterhin die geläufigen Hierarchien reproduzierte: Im Mittelpunkt muss letztendlich doch immer ein weißer Star stehen. Dieser Umstand wird in „Good Fortune“ ironisch überspitzt. Keanu ­Reeves, der Actionheld mit der ikonischen Erscheinung, spielt hier den himmlischen Tölpel, der aber mit seinen langen, glatten Haaren noch immer die Herzen vieler Frauen höherschlagen lässt.

Populismus der goldenen Ära des Kinos

Bei seinen Interventionen in das soziale Gefüge erweist Gabriel sich hingegen als ungeschickt. Er lässt Arj und Jeff die Rollen tauschen, weiß dann allerdings nicht, wie er die ursprüngliche Situation wiederherstellen kann. Damit wird es erst interessant, denn nun geht es um Interessensausgleich: Ein Superreicher will seine Privilegien zurück, hat nun aber ein Bewusstsein dafür, wie es sich außerhalb der Blase für das eine Prozent der Privilegierten lebt.

Die Lösung, die „Good Fortune“ nahelegt, ist resonant für die allgemeine Stimmung im Lagerkampf der Gesamtansätze. Während von links der Klassenkampf mindestens mit den Mitteln des Steuerstaats geführt werden soll, machen sich von rechts die Eliten über ebendiesen Steuerstaat lustig – sie demontieren ihn so lange, bis er von Dubai oder anderen Fluchtpunkten nicht mehr zu unterscheiden ist.

„Good Fortune“ hingegen schließt an den Populismus der goldenen Ära des Hollywood-Studiokinos an. Es geht also um einen Ausgleich, der sich schon dadurch nahelegt, dass Jeff gewöhnlich allein in seinem Pool planscht. Aziz Ansari denkt mit seinem Kollegen Seth Rogen den Klassenkampf vom designierten Ende in einer Buddy-Komödie her: Wenn man Kapital und (Mini-)Arbeit als Spaßgesellen denkt, dann könnten sie sich doch prächtig miteinander amüsieren.

Das Glück liegt in den einfachen Dingen

Schließlich ist nicht nur theoretisch genug für alle da. Bleibt als Herausforderung nur der Engel, der undialektische Dritte im Bunde, der eigens auf seine Flügel verzichtet hat, um eine Ahnung von den physischen Verhältnissen des Daseins zu gewinnen.

Gabriel ist besonders von der mexikanischen Küche angetan, die sich selbst als Fast Food immer noch verkaufen lässt, als käme sie direkt von Mama. Das Glück liegt in den einfachen Dingen.

Ein wenig mehr Schärfe hätte der Komödie sicher nicht geschadet, aber als Vision für eine denkbare Reintegration des flagranten Reichtums hat „Good Fortune“ doch Signalwert. Ein „gutes Vermögen“ ist besser als jede obszöne Anhäufung.

Source: faz.net