Das jüngste Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China hat keine Eskalation des amerikanisch-chinesischen Handelskonflikts gebracht, sondern eine zumindest vorübergehende Entspannung. Die Risiken eines regelrechten Handelskriegs sind für beide Seiten nicht kalkulierbar, aber potentiell höchst schädlich.
Weil Ricardos Theorem im Unterschied zum kurzatmigen Aktionismus der Protektionisten die ökonomische Logik auf seiner Seite besitzt, steht die Globalisierung im Gegensatz zu einer verbreiteten alarmistischen Aufregung auch nicht vor ihrem Ende. Sie passt sich, ebenso wie die auf ihr beruhenden internationalen Lieferketten, dem im Wandel befindlichen politischen Umfeld an.
Die Daten belegen eine Zunahme des regionalen Handels und eine Festigung der Wirtschaftsbeziehungen sich politisch nahestehender Länder. Noch immer fänden mehr als 70 Prozent der internationalen Wirtschaftstätigkeit nach Regeln der totgesagten Welthandelsorganisation statt, war kürzlich auf der Wirtschaftskonferenz Berlin Global Dialogue zu hören.
Die Vereinigten Staaten und China sind verletzlich
Ob der Multilateralismus trotz der Ambitionen der Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China, die Weltwirtschaft nach ihren jeweiligen Vorstellungen zu formen, erledigt ist, lässt sich hinterfragen. Unbeschadet aller verbalen Kraftmeierei können weder die Vereinigten Staaten noch China wirtschaftliche Allmacht beanspruchen; vielmehr sind beide Länder, wenn auch auf unterschiedliche Weise, verletzlich.
Auf einer Geoökonomie-Konferenz des Kieler Instituts für Weltwirtschaft in Paris hat der erfahrene amerikanische Handelsökonom Robert Staiger für ein reformiertes Welthandelssystem plädiert. Ihm zuzuhören, erscheint sinnvoll, auch wenn Staiger als designierter Chefökonom der Welthandelsorganisation ein Interesse am Wohlergehen des Multilateralismus unterstellt werden kann.
Selbst im Zeitalter geopolitischer Spannungen sieht Staiger die wirtschaftliche Logik des Außenhandels nicht beeinträchtigt; auch rivalisierende Großmächte bleiben daran interessiert, solange sie keine beherrschende Stellung erlangen. Ohne Reformen des Welthandels wird es nicht gehen; Staiger sieht wenig Aussicht für ein Festhalten an den Prinzipien der Reziprozität und der Nichtdiskriminierung im globalen Handel.
Der Missbrauch der Welthandelsordnung bleibt folgenlos
Auch andere Teilnehmer der Pariser Konferenz betonten Probleme der Welthandelsordnung: Ihr Missbrauch durch China wurde nicht nur von den Vereinigten Staaten beklagt. Dennoch blieb er folgenlos. Auch hat sich die WTO nicht als ein Forum erwiesen, auf dem Fragen der verbotenen Subventionierung zufriedenstellend behandelt werden konnten.
Jede Reform des Welthandelssystem erspart seinen Mitgliedern nicht die Beschäftigung mit Abhängigkeiten, die sich im Falle politischer Spannungen als wirtschaftlich verhängnisvoll herausstellen können. Denn sobald ein Land eine dominierende Stellung erlangt, nimmt seine Neigung zu, in Konflikten wirtschaftliche Abhängigkeit zu seinem Vorteil zu nutzen. Schon Ricardo war sich dieses Themas bewusst, allerdings vermochte er als Brite großzügig darüber hinwegzusehen, da das British Empire über seine Beherrschung der Weltmeere eine Diversifizierung seiner Absatz- wie seiner Beschaffungsmärkte verwirklichen konnte.
Die drei Abhängigkeiten Deutschlands
Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten den gegenteiligen Weg mit seinen berühmt-berüchtigten drei Abhängigkeiten von den Vereinigten Staaten (militärische Sicherheit), Russland (Energiesicherheit) und China (Exporterfolg) eingeschlagen. Jeder Quartalsabschluss eines deutschen Autokonzerns belegt eine erhebliche Bedeutung des chinesischen Markts, die sich kurzfristig nicht substituieren lässt.
Manche Strategen in Deutschland sehen wegen des schwierigen transatlantischen Verhältnisses sogar eine Notwendigkeit, die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen zu intensivieren. Unter diesen Befürwortern finden sich manche Architekten der verhängnisvollen Annäherung an Russland in den vergangenen Jahrzehnten. Die deutsche Wirtschaft benötigt möglichst viele offene Märkte. Weitere Freihandelsabkommen sollten der Wirtschaft eine Diversifizierung erleichtern.