Was der Polizist auf der Wache im südfranzösischen Carpentras, in die Gisèle Pelicot am 2. November 2020 einbestellt worden war, zu ihr sagte, betraf sie nicht. So steht es auf den ersten Seiten ihres Buchs, auf das die Öffentlichkeit seit dem Ende des Pelicot-Prozesses im südfranzösischen Avignon gewartet hatte. Dominique Pelicot – das hatte ihr der Kommissar eröffnet – habe seine Ehefrau Gisèle, also sie, jahrelang sediert und zusammen mit über achtzig Männern im eigenen Schlafzimmer vergewaltigt.
Gisèle Pelicot, damals Ende sechzig, betrachtete die Bilder und war sich sicher, dass es sich um Fotomontagen handeln müsse, dass nicht sie da in ihrem Bett liege. Ihr Mann, den sie 1971 bei der Schwester ihrer früh verstorbenen Mutter kennengelernt hatte, sei ein „feiner Kerl“, sagte sie der Polizei. Er hatte lediglich ein paar Frauen im französischen Kaufhaus Leclerc unter den Rock gefilmt und war dabei ertappt worden. Wie ein ungezogener Flegel. Das war zwar unappetitlich, zumal in einer Kleinstadt. Gisèle Pelicot war aber bereit, großzügig darüber hinwegzusehen.
Rund zweihundert dokumentierte Vergewaltigungen
Wenige Wochen nach dem Vorfall im Leclerc wurde Dominique Pelicot vorgeladen. Zusammen mit seiner Ehefrau. Im Zuge der Leclerc-Affaire hatte man Pelicots Computer beschlagnahmt. Was die Kommissare darauf zu sehen bekamen, verschlug ihnen die Sprache. Jetzt mussten sie Gisèle, die leblose Hauptfigur der sichergestellten Filme, befragen. Ob sie manchmal Mittagschlaf halte. Ob sie häufig Besuch im gemeinsamen Haus empfingen und ob sie Partnertausch pflegten. Gisèle Pelicot war empört. So etwas sei nicht nach ihrem Geschmack.
Der Polizist sagte, er müsse Madame Pelicot jetzt Fotos und Videos zeigen, die ihr nicht gefallen würden. An diesem Tag begann für Gisèle Pelicot, die als Tochter eines französischen Soldaten 1952 im süddeutschen Villingen geboren worden war, eine zweite Hölle. Die erste hatte sie nicht bei Bewusstsein erlebt.
Die rund zweihundert dokumentierten Vergewaltigungen im eigenen Schlafzimmer wurden an einer totengleichen Frau verübt, die während der Übergriffe laut und vernehmlich schnarchte. Gisèle Pelicot wurde von ihrem Ehemann mindestens seit 2013 mit Zolpidem und Temesta sediert. Sie litt über Jahre an massiven Gedächtnisstörungen, an Abgeschlagenheit und gynäkologischen Problemen, die niemand richtig zu deuten wusste. Da die Schlafmittel zu einer völligen Erschlaffung der Muskulatur geführt hatten, ließen sich im Vaginalbereich keine Verletzungen durch die untersuchenden Ärzte nachweisen.
„Ihre Stimmen würden meine zwangsläufig übertönen“
Viele Außenstehende konnten nicht glauben, dass eine Frau über so viele Jahre so massiv missbraucht worden war, ohne etwas zu bemerken. Die Tat schien so ungeheuerlich und gleichzeitig so unwahrscheinlich, dass von Anfang an der Verdacht im Raum stand, die Vergewaltigte habe vielleicht doch ihr Einverständnis zu diesem Verbrechen gegeben. Ein Narrativ, das alle Frauen, die schon einmal sexuelle Übergriffe erlebt haben, kennen dürften: ein bisschen selbst sind sie immer schuld, weil entweder der Rock zu kurz, die Signale zu zweideutig oder die Empfindlichkeit zu groß gewesen war – diese Sicht war lange öffentlicher Konsens.
Gisèle Pelicot schreibt in ihrem Buch von den vielen schmerzhaften Erkenntnissen und den öffentlichen Unterstellungen, mit denen die Familie Pelicot – Gisèle, ihre drei Kinder und ihre Enkelkinder – seit dem 2. November 2020 zu tun bekam. Es waren nicht nur Solidaritätsadressen, sondern auch machohaft auftretende Angeklagte, die ihre Schuld relativierten. Beeindruckend ist eine Stelle im Buch, an der Gisèle Pelicot beschreibt, wie sie im Gerichtssaal bald ihren fünfzig Vergewaltigern gegenübersitzen würde.
Die Stimmung im Gerichtssaal könnte jederzeit eskalieren. „Ja, ihnen wurden schwere Taten zur Last gelegt, und selten war die Beweislage so erdrückend gewesen. Das änderte nichts daran, dass fünfzig Männer in diesem Saal einen Block bilden würden. Ihre Stimmen würden meine zwangsläufig übertönen. Hinzu kämen diese fünfzig Augenpaare. Die Mauer, die diese Männer Schulter an Schulter vor mir bilden würden.“
Ein über Frankreich weit hinausragender Gesellschaftsprozess
Gisèle Pelicot beschließt in diesem Moment, von ihrem ursprünglichen Plan abzurücken und den Prozess öffentlich zu machen. Er hatte am 2. September 2024 begonnen und einen Erdrutsch in der öffentlichen Wahrnehmung von Sexualstraftaten ausgelöst. Im Windschatten der noch nicht weit zurückliegenden MeToo-Bewegung aus dem Jahr 2017, die durch die Klagen gegen den verurteilten Vergewaltiger Harvey Weinstein, ausgelöst worden war, wurde der Fall Pelicot zu einem weit über Frankreich hinauswirkenden Gesellschaftsprozess.
In welcher Umgebung leben wir, in der es möglich ist, dass ein Sexualverbrecher, innerhalb kürzester Zeit um die achtzig Mittäter in der Nähe seines Wohnortes für eine Gruppenvergewaltigung rekrutiert? Achtzig Männer, die es in Ordnung finden, eine bewusstlose Frau zu penetrieren. Achtzig Männer, die nicht zur Polizei gehen und die ihre Tat teilweise filmen lassen, um sich ihrer Mannestaten hinterher noch einmal versichern zu können.
Gisèle Pelicot lässt ihren Lebens- und Liebesbericht mit ihrer Kindheit beginnen. Der frühe Verlust der Mutter, die an einem Gehirntumor zugrunde gegangen war, hatte einen gebrochenen Vater und bei Gisèle eine klaffende Wunde hinterlassen. Ihr weiteres Leben ist dem Schließen dieser Wunde gewidmet. Das Gründen einer eigenen Familie, das Aufziehen ihrer Kinder, die hingebungsvolle Betreuung ihrer Enkel, eine fünfzig Jahre haltende „gute“ Ehe mit ihrer Jugendliebe Dominique gaben ihr die Geborgenheit zurück, die ihr in der Kindheit plötzlich abhandengekommen war.
Ein liebevoller Partner, mit dem sie ihrer Kindheit entkommen war
Man muss diese Hintergründe kennen, um zu begreifen, weswegen Gisèle Pelicot ihrem inhaftierten Ehemann noch Kleidung ins Gefängnis bringen ließ, was ihre Tochter und die erstaunte Öffentlichkeit ihr übel nahmen. Und es hilft auch dabei, zu verstehen, warum es ihr über die vier Jahre zwischen Verhaftung und Prozess ein dringendes Bedürfnis gewesen war, mit Dominique zu reden. Schließlich war er doch ihr Seelenverwandter gewesen: ein liebevoller Partner, mit dem sie ihrer Kindheit entkommen war. Er war, so macht dieses Buch glaubhaft, ein engagierter Vater gewesen, ein guter Hausmann, der während seiner Arbeitslosigkeit ohne zu murren seine Rolle erfüllte, während seine Frau beim französischen Stromkonzern EDF eine respektable Karriere hinlegte.
Sogar einen Seitensprung verzeiht ihr Dominique und sie ihm seinen. Ein Paar, das es also schafft, über fünfzig Jahre miteinander zu wachsen und sich dabei noch fester aneinander zu binden. Als im ersten Jahr der Covid-Pandemie, im Fernsehen Aufnahmen von intubierten Patienten gezeigt werden, bricht Dominique in Tränen aus und sagt, dass er es nicht ertragen könnte, Gisèle so zu sehen.
Das war die Wahrheit, in der Gisèle Pelicot fünfzig Jahre lang lebte. Sie lässt sich nicht mit der anderen Wahrheit in Übereinkunft bringen. „Wenn ich alles löschte, wäre ich tot“, antwortet Gisèle Pelicot all jenen, die nicht begreifen, dass sie bis heute nicht imstande ist, Dominique Pelicot ausschließlich als Monster zu sehen. Auch die Psychologen, die Gutachten über Gisèle und Dominique verfassen sollen, sind mit dem Fall überfordert. Ihr Schema von Dominanz und Unterwerfung haut nicht hin.
Schließlich der Zerfall der Familie
Dieses Buch setzt der Uneindeutigkeit und der Unerklärlichkeit des Falls ein gelebtes Leben entgegen. Es hilft, zu verstehen, wer Gisèle Pelicot bis zum 2. November gewesen war. Es hilft nicht, zu verstehen, wer Dominique Pelicot ist.
Vielmehr wirft es – den literarischen Lebensberichten von Annie Ernaux nicht unähnlich – ein Licht auf die Gesellschaft von der französischen Nachkriegszeit bis heute. Was sind die Erwartungen, die eine Sozialaufsteigerin wie Gisèle Pelicot einerseits erfüllte und mit denen sie andererseits brach? Die Ehe war für sie kein Erfüllen von Konventionen, wie man meinen könnte, sondern die Flucht aus einer trostlosen Nachkriegskindheit in die französische Mittelschicht. Die lebenslangen Überschuldungsprobleme der Pelicots zeugen von einem gewissen Wagemut, dem gemeinsamen Traum von sozialer Geborgenheit einiges zu opfern.
Das Buch handelt aber nicht nur von der heilen Familie vor den Enthüllungen. Es handelt auch vom Zerfall einer Familie. Der bewiesene Missbrauch treibt einen Keil zwischen die Geschwister Pelicot. Psychische Zusammenbrüche und lebensnotwendige Distanzierungsmaßnahmen zum Beispiel zwischen Mutter und Tochter sind die Folge und werden im Buch taktvoll beschrieben.
Nicht auf die Opferrolle reduziert werden
„Die Vergessenen des Prozesses“ hat Caroline Darian, die Tochter der Pelicots, all diejenigen genannt, die ebenfalls Opfer des Sexualverbrechers Dominique Pelicot geworden waren. Von ihr sowie den Schwiegertöchtern waren ebenfalls Fotos aufgetaucht, ohne dass Vergewaltigungen nachgewiesen werden konnten. Auch ein Enkel der Pelicots hat später Klage gegen seinen Großvater eingereicht.
„Alles ging zu Bruch“, heißt es einmal im Buch. „Die Gegenstände. Unsere Geschichte. Ich mit jedem Augenblick ein wenig mehr. Dann stürmte Caroline in den Flur, hängte ein Bild ab, das ihr Vater gemalt hatte, die Rückenansicht einer nackten Frau. Sie hatte ihm immer gesagt, dass sie dieses Bild nach seinem Tod als Erbe wollte. Jetzt versuchte sie, es auf der Terrasse zu zerschmettern, dabei kam dessen Titel zum Vorschein, mit schwarzem Stift auf der Rückseite festgehalten: Die Unterwerfung.“
Vier Monate lang standen Frauen und auch Männer in Avignon während des Prozesses Spalier, wenn Gisèle Pelicot, das Gerichtsgebäude betrat oder verließ. Stolz und „würdevoll“, wie es in vielen französischen Zeitungen hieß. Gisèle Pelicot wollte, wie erklärt, nicht auf die Opferrolle reduziert werden. Sie hatte so viel Leid erfahren, die Familie wurde vor so viele Prüfungen gestellt, dass sie ihre Handlungsfähigkeit zurückerlangen musste. Bis dahin war es ein weiter Weg.
„Letztendlich mein Sieg“
Gisèle Pelicot hat ihr Buch zusammen mit der französischen Journalistin und Romanautorin Judith Perrignon geschrieben. Wir lesen darin die Geschichte eines Opfers, das sich sein Leben zurückerkämpft hat. Mit über siebzig zieht Gisèle Pelicot sich auf die Île de Ré zurück, wo sie wieder eine Liebe findet.
Zum großen Unverständnis, teilweise auch ihrer eigenen Kinder, hat sie sich bestimmte Erinnerungen an das vergangene halbe Jahrhundert im Herzen bewahrt. Niemand wird Gisèle Pelicot ernsthaft einen Vorwurf daraus machen können. Sie ist die Überlebende eines der größten Sexualverbrechen der vergangenen dreißig Jahre.
„Dennoch hat die Liebe mich nie verlassen“, schreibt sie. „Sie ist nicht gestorben. Ich bin nicht gestorben. Ich bin immer noch in der Lage, anderen zu vertrauen. Das war einst meine große Schwäche, heute ist es meine Stärke. Letztendlich mein Sieg.“
Gisèle Pelicot: „Eine Hymne an das Leben“. Die Scham muss die Seite wechseln. Gemeinsam mit Judith Perrignon. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Piper Verlag, München 2026. 256 S., geb., 25,– €.
Source: faz.net