A
wie Albert Einstein
Physikgenie, Pazifist, Sozialist – all das verkörperte Albert Einstein. Der berühmteste Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts war nicht nur Theoretiker der Relativität, sondern auch ein engagierter Gegner von Krieg und Militarismus. Im Ersten Weltkrieg verweigerte er den Dienst an der Waffe, im Dritten Reich wurde er zu einer Symbolfigur des emigrierenden Antifaschismus. Auch in den USA blieb er ein Mahner gegen nationale Aufrüstung und staatliche Gewalt. Einstein war überzeugt: „Verfolgung von Kriegsdienstverweigerernist für einen modernen Staat eine Schande – und eine Art Geständnis der öffentlichen Gewalt, kriegerische Ziele zu begünstigen.“ Für ihn war die Gewissensentscheidung gegen Krieg keine Schwäche, sondern Ausdruck von Zivilcourage und Humanität. „Die Definition von Wahnsinn ist: immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“, lautet ein berühmtes Einstein-Zitat. Immer wieder aufrüsten, damit der Frieden kommt? Die Frage ist aktueller denn je. Jens Siebers
B
wie Bausoldaten
Wenige Monate vor der Vereinigung, am 7. Mai 1990, traten die ersten Zivis der DDR ihren Dienst an. Die Regierung Modrow hatte diese Regelung durchgebracht. Zuvor gab es in der DDR nur „die mit dem Spaten“, so wurden die Bausoldaten genannt – vom Kriegsdienst an der Waffe freigestellte NVA-Angehörige. Sie waren am Spaten auf dem Schulterstück zu erkennen. Ziviler Ersatzdienst war das Bausoldatentum nicht, aber damit bot die DDR als einziger sozialistischer Staat den Eingezogenen an, keine Waffe in die Hand zu nehmen. Die Baueinheiten wurden 1962 eingeführt, weil die Regierung den Umgang mit den vielen Wehrdienstverweigerern suchte. Kirchen und die Friedensbewegung informierten über die Bausoldaten, die in der Hack-Ordnung der Armee ganz unten standen, als Oppositionelle gebrandmarkt wurden und Nachteile hatten. Tobias Prüwer
F
wie Freiwilligendienst
Das Freiwillige Soziale Jahr und sein ökologisches Pendant (FSJ, FÖJ) gibt es seit dem 20. Jahrhundert, den Bundesfreiwilligendienst (BFD) erst seit Sommer 2011 – eingeführt als Reaktion auf die ausgesetzte Wehrpflicht. Anders als FSJ und FÖJ richtet sich der BFD theoretisch an alle Altersgruppen. Immerhin jede fünfte Person im Bundesfreiwilligendienst war im März 2025 zwischen 27 und 65 Jahre alt. Und zwei Prozent der BFD-Leistenden waren älter als 65 Jahre. Gerade ältere Menschen engagieren sich ehrenamtlich – dass das aber auch für den Freiwilligendienst gilt, überrascht. Finanziell überzeugt der BDF eher semi: Statt eines ordentlichen Gehalts gibt es ein Taschengeld in Höhe von maximal 644 Euro monatlich. Dafür wird der Freiwilligendienst auf die Mindestversicherungszeit der gesetzlichen Rente angerechnet. Trotzdem: In den vergangenen Jahren sank die Zahl der BFD-Leistenden kontinuierlich, um etwa 20 Prozent seit 2017, zuletzt waren es 34.000 Menschen weniger als beim FSJ (47.000). Ben Mendelson
G
wie Gemeinschaft
Für die kanadische Künstlerin Althea Tauberger bildet der Zivildienst ein ideales Untersuchungsfeld, weil sie sich für die Gemeinschaft junger Männer, für Selbstdarstellung und Individualismus interessiert. Sie untersucht in ihrer künstlerischen Forschung über mehrere Monate die Wünsche und Vorstellungen der teilnehmenden Zivis, stellt Fragen nach Identität, Arbeitsethik, Zusammensein (→ Touristen). Bei der Schau Zivildienst ≠ Kunstprojekt, die 2006 im Künstlerhaus Bethanien und später in Montreal gezeigt wurde, sind aus Performances verschiedene achtminütige Schwarz-Weiß-Kurzfilme entstanden. Die Proben und Aufnahmen wurden live im Ausstellungsraum umgesetzt. Man sieht dort Männer, die eng zusammenstehen, im Kreis zusammensitzen, anderen helfen, aber auch Szenen, in denen Gewalt angedeutet wird. Marc Peschke
H
wie Heimschläfer
Wahrscheinlich waren die Zeiten, da Kriegsdienstverweigerer als „Drückeberger“ galten, erst endgültig vorbei, als in der Fernsehserie Die Schwarzwaldklinik (1985 – 1989) ein Zivildienstleistender namens Mischa zum Publikumsliebling avancierte. Der kam aber auch nicht in den Genuss einer „Heimschlaferlaubnis“, denn ein Zimmer war in dem idyllisch gelegenen Krankenhaus immer frei. Die meisten Dienststellen verfügten nicht über solche Möglichkeiten und gestatteten es ihren „Zivis“, zu Hause zu übernachten. Ein unschätzbares Privileg im Vergleich zu ihren kasernierten Altersgenossen, die sich zu viert eine Schlafstube teilten. Damit sich die Wehrdienstleistenden nicht benachteiligt vorkamen, galt es, die Alternative unangenehmer zu gestalten. Doch „Zivildienstkasernen“ wie in Castrop-Rauxel, wo ab 1977 eine Hundertschaft Kriegsdienstverweigerer als mobile soziale Einsatztruppe stationiert war, erwiesen sich als untauglich. Wahrscheinlich waren „Heimschläfer“ schlicht billiger. Joachim Feldmann
K
wie Krankenhaus
Meinen Zivildienst leistete ich Mitte der 1980er im Krankenhaus ab, als einer der Ersten, die ohne Gerichtsverfahren, nur schriftlich verweigerten. Zivildienst wurde zum Massenphänomen, wir fluteten als Billig-Arbeitskräfte den Gesundheitssektor. Ich fuhr mit Walkie-Talkie in der Jackentasche zugekifft auf einem Lastenrad durch die Kellergänge eines Großklinikums und beförderte Blutkonserven. Kurz zuvor war das noch ein Studentenjob. Das Krankenhaus mit seinen Uniformen und Hierarchien war der Bundeswehr nicht unähnlich (→ Heimschläfer). Ein renitenter Kollege wurde gar ins klinikeigene Kraftwerk strafversetzt, wo er Kohlen schippte. Schichtdienst, Schwesternwohnheim, und das für 20 lange Monate, in denen mir ständig der Satz eines Freundes durch den Kopf ging: „Das nächste Mal mache ich Drückeberger bei der Bundeswehr.“ Florian Schmid
M
wie Morbus
Meine Mitschüler, die keine Lust auf Bundeswehr hatten, gingen in den 1970er Jahren nach Westberlin, das war der Weg des geringsten Widerstands (→ Albert Einstein). Wer nicht in die „Frontstadt“ wollte, konnte sich durch das damals lange Verweigerungsprozedere quälen, das – ohne Gewähr – in den Zivildienst führte. Aber da gab es vorher noch etwas anderes, das mir mal ein etwas älterer WG-Genosse erklärte, der auf „Morbus Scheuermann“ machte. Nein, das ist keine Witzfigur waffenunwilliger junger Männer (→ Gemeinschaft), wie ich dachte, sondern eine anerkannte Wachstumsstörung bei Jugendlichen, die sich in Rundrücken und Fehlhaltungen äußert. Komisch nur, dass das damals vor allen Dingen den männlichen Teil meiner Generation erwischte. Keine Ahnung, wie viele dieser Männer damals wegen „Rücken“ ausgemustert wurden, es waren jedenfalls viele. Heute finde ich im Netz lauter Fragen von Wehrwilligen, die sich Sorgen machen, deshalb nicht zur Bundeswehr zu dürfen, weil sie nicht lang genug stehen oder marschieren können. So ändern sich die Zeiten! Ulrike Baureithel
T
wie Touristen
Er wollte in ein alternatives Jugendzentrum in Amsterdam, aber da war kein Platz mehr frei. So landet der deutsche Zivi Sven (Alexander Fehling) in der Gedenkstätte Auschwitz. Er soll dort einen Holocaust-Überlebenden betreuen, fährt ihn zu Gymnastikterminen und Besucherveranstaltungen, wo der Zeitzeuge jungen Gruppen von seinen Erinnerungen aus dem Lager berichtet. Abends restauriert er die Koffer ermordeter Juden. Robert Thalheims Debütfilm Am Ende kommen Touristen (2007) erzählt sehr lebendig, ohne Pathos und auch komisch davon, wie es ist, in dieser Umgebung zu leben. Sven geht auf Punkkonzerte, trifft am Postkartenstand der Gedenkstätte Ania und verliebt sich (→ Zimmer). Aber sie will weg aus Oświęcim, nach Brüssel. Regisseur Thalheim hat selbst seinen Zivildienst am Ort des einstigen Vernichtungslagers absolviert. Maxi Leinkauf
V
wie Verweigern
„Oho“, murmelte mein Gegenüber, als der Mann mein Vier-Seiten-Konvolut überflogen hatte, „da müssen Sie noch einmal ran.“ Ich war empört, hatte ich mir doch wirklich Gedanken gemacht, warum ich den Kriegsdienst verweigern wollte. Um meinen Vater ging es, Jahrgang 1914, kriegstraumatisiert. Frieden und Entspannung kamen vor, der Kalte Krieg sei schließlich vorbei! Ein paar schicke Sätze über Soziale Verteidigung fehlten nicht, die ich vom Politiklehrer hatte. Und nun musste ich bei der KDV-Beratung hören: „Das sind politische Argumente, das kommt nicht durch.“ – „Aber so denke ich!“ – „Das ist hier nicht die Frage, Sie müssen über Ihr Gewissen schreiben.“ Kurz danach an diesem Tag im Juni 1992 saß ich im Bus, schluderte fünf Sätze mit dem Wort „Gewissen“ (→ Albert Einstein) auf eine weitere Seite Papier und war um zwei Einsichten reicher: Mein Staat verlangte beim Erwachsenwerden als Erstes eine glatte Lüge. Und der Mann, der mir das beibrachte, war der bibeltreuste Protestant der Stadt: der Jugenddiakon der Zwingli-Gemeinde zu Konstanz.Velten Schäfer
Z
wie Zimmer
Er war Zivi beim Roten Kreuz, in der Antifa und hatte blaue Haare. Ich ging noch zur Schule. Er rauchte selbst gedrehte Zigaretten und kam mir sehr erwachsen vor. Das lag auch an dem Ort, an dem wir uns trafen, es war sein Zivi-Zimmer: ein Orientteppich, eine Matratze auf dem Boden unter der Dachschräge. Dort hörten wir Musik, auch die Bananenplatte von Velvet Underground. Wenn ich die ersten klingelnden Töne der Melodie von Sunday Morning höre, sehe ich noch immer das Muster des Teppichs vor meinem inneren Auge, spüre ich bis heute die Aufregung der Verliebtheit (→ Touristen). Als ich dann nach dem Sommer von einer Interrail-Reise zurückkam, hatte er eine andere, jetzt durfte sie sein Zivi-Zimmer mit ihm teilen. Und ich schrumpfte zurück auf das Format des kleinen Mädchens, das noch immer bei den Eltern wohnte. Beate Tröger