Auf ihrem langen, scheinbar unaufhaltsamen Weg an die Macht setzen Frankreichs Rechtsextreme seit 2011 auf „Entteufelung“ („dédiabolisation“). In jenem Jahr übernahm Marine Le Pen den heutigen Rassemblement national (RN) von ihrem Vater, den sie 2015 nach einer x-ten, die Schoa verharmlosenden Provokation aus der Partei ausschließen ließ, die er 1972 mitgegründet hatte.
Ziel war, mit der Ahndung allzu anstößiger Äußerungen dem RN jenen Firnis von Respektabilität zu geben, dessen Fehlen über Jahrzehnte hinweg einen Abschreckungsring („cordon sanitaire“) um die Bewegung herum aufrechterhalten hatte. Namentlich den Antisemitismus, unter Le Pen Vater ein kaum verhohlener Grundpfeiler der Partei, galt es, wo nicht auszumerzen, so zumindest unter den Tisch zu kehren. Denn Judenfeindlichkeit ist in Frankreich absolut nicht mehrheitsfähig, trotz verbreiteter entsprechender Vorurteile und einer seit Langem hohen Zahl von Übergriffen – im vergangenen Jahr wurden deren 1320 verzeichnet.
Vom Vorwurf der Judenfeindlichkeit reinwaschen
Das Entteufelungsmanöver gelang: Sogar Serge Klarsfeld stellte dem RN einen Persilschein aus. Im Fall einer Stichwahl zwischen diesem und der linksradikalen Partei La France insoumise (LFI), gab der in Ehren ergraute Nazijäger 2024 zu Protokoll, würde er ohne Wenn und Aber für die Rechtsextremen stimmen. Die Mehrheit von Frankreichs Juden scheint Klarsfelds Position zu teilen, was vom Rechtsdrall der mosaischen Gemeinschaft zeugt. Der lange Zeit israelkritische RN steht heute klar hinter der Regierung von Benjamin Netanjahu.
Deren – freundlich ausgedrückt – grobe Menschenrechtsverletzungen und mittlerweile offene Annektierungspolitik in Gaza sind Frankreichs Rechtsextremen herzlich egal. Wie im Übrigen auch die Juden als solche, ob in Israel oder in Frankreich – bloß 0,65 Prozent der französischen Bürger (und folglich Wähler) sind jüdischen Glaubens. Worauf es ankommt, ist, den RN in den Augen des Stimmvolks vom Vorwurf der Judenfeindlichkeit reinzuwaschen. Und stattdessen mit dem Vorwurf des Antisemitismus auf die arabischen Landesbewohner und auf deren linke Verbündete einzuprügeln.
Die Justiz ermittelt wegen des Verdachts auf vorsätzliche Tötung
Der weitgehend vollzogenen Entteufelung folgt jetzt die Verteufelung der Gegner. LFI, wie die gesamte Linke ein Anwalt der Palästinenser, gibt dem RN seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 wiederholt Gelegenheit, antisemitische Entgleisungen aus den eigenen Reihen zu geißeln. Doch die brutale Tötung von Quentin Deranque liefert dem RN jetzt noch effektivere Munition. Der 23 Jahre alte rechtsextreme Aktivist war am 12. Februar in Lyon unweit einer Konferenz der LFI-Europaabgeordneten Rima Hassan gelyncht worden.
Deranque sollte ein „femonationalistisches“ Kollektiv, das gegen diese Veranstaltung protestierte, gegen linke Angreifer verteidigen (was seine Familie indes bestreitet). Anscheinend fand er sich im Lauf konfuser Handgreiflichkeiten durch mindestens ein halbes Dutzend Vermummter umringt, die ihm tödliche Kopfverletzungen zufügten. Elf Personen wurden seit Dienstag in Polizeigewahrsam genommen, gegen sechs von ihnen haben Lyoner Untersuchungsrichter am Donnerstagabend Ermittlungsverfahren wegen vorsätzlicher Tötung eröffnet, gegen einen siebten ein Verfahren wegen Anstachelung zu selbiger Straftat.
Zwei der mutmaßlichen Täter sind junge Mitarbeiter des LFI-Abgeordneten Raphaël Arnault. Dieser hatte als antifaschistischer Aktivist 2018, sechs Jahre vor seiner Wahl in die Nationalversammlung, eine Gruppe namens „La Jeune Garde“ gegründet, als deren Pressesprecher er bis 2022 fungierte. Die „Junge Garde“, die 2025 wegen Gewalttätigkeit durch das Innenministerium aufgelöst wurde, deren Mitglieder aber zum Teil noch immer aktiv zu sein scheinen, war ein Produkt des sehr spezifischen Lyoner Milieus.
Mit einer Fülle von Splittergruppen, die von Kollektiven rabiater Nationalisten über Vereinigungen von Royalisten oder Identitären bis hin zu Gemeinden fundamentalistischer Katholiken reichen, gilt die Stadt am Zusammenfluss von Rhône und Saône als Frankreichs Kapitale der Rechtsextremen. Linksradikale reagieren auf die buchstäblich physische Besetzung bestimmter Straßenzüge namentlich im Vieux Lyon mit der Errichtung von Gegen-„Bastionen“; praktisch wöchentlich kommt es zu Zusammenstößen, zu Raufereien oder Straßenschlachten, zur Stürmung der Lokale der einen durch Kräfte der anderen zwecks Heimführung von Trophäen. Das Ganze, meist kindisch, manchmal tragisch, stets aber postpubertär „viril“, gemahnt an die Welt der Burschenschaften und Männerbünde, freilich ohne deren Regelwerk.
Zaghafte Distanzierung von der „Jungen Garde“
Bande zwischen den mutmaßlichen Tätern und LFI treten also schon jetzt zutage, auch wenn vieles noch im Dunkeln liegt. Die Frage ist indes, inwieweit die linkspopulistische Bewegung für das Lyoner Drama verantwortlich gemacht werden kann. Die „Jeune Garde“ war keine Hervorbringung der Partei: Diese besitzt ihren eigenen Ordnungsdienst, der bei der besagten Konferenz von Rima Hassan auch zum Einsatz kam.
Doch über die personelle Verbindung via den genannten Parlamentsabgeordneten hinaus hat der Führer der Linkspopulisten höchstselbst in den drei letzten Jahren an Sommerlagern der „Jungen Garde“ teilgenommen. Und er hat deren ehemaligen Mitgliedern am Dienstag abermals sein Vertrauen ausgesprochen. „Wir befürworten ihren Widerstand, wir befürworten ihre Organisation, auch wenn uns Meinungsverschiedenheiten trennen“, bekräftigte Jean-Luc Mélenchon. Man hat weniger zaghafte Distanzierungen gekannt.
„Die Ultralinke tötet“, sagte der amtierende Justizminister
Freilich konzedierte selbst die Tageszeitung „Le Figaro“, die sich zunehmend auf rechtsextreme Propaganda verlegt, in einem lesenswerten Beitrag von Jacques de Saint Victor, LFI rufe nicht nach Gewalt, sondern nach einer „Bürgerrevolution“, also einer Revolution durch Wahlen. So sei die Partei inspiriert durch einen Theoretiker des gewaltfreien Antagonismus, Ernesto Laclau, „der in seiner Schrift ‚Die populistische Vernunft‘ (2005) argumentierte, dass die Demokratie durch den Antagonismus zwischen einem ‚Volk‘ und einer ‚Elite‘ strukturiert sei, und anregte, um der Logik des ‚Konsenses‘, die die liberale Demokratie strukturiere, ein Ende zu setzen, zu einer konfliktreichen, ‚agonistischen‘ Logik zurückzukehren, welche die eigentliche Quelle der Freiheit sei“. Diese Kultur der Konfrontation hätten indes Eiferer in den Rängen von LFI zu einer Brutalisierung des öffentlichen Diskurses pervertiert, was ein „Kontinuum der (verbalen) Gewalt“ um die Partei herum geschaffen habe.
Diese Kritik lässt sich gut nachvollziehen. Entschieden zurückzuweisen ist hingegen der Versuch vieler Vertreter des rechten und rechtsextremen Lagers, die Linkspopulisten geradewegs zu Komplizen der Totschläger zu stilisieren. „Die Ultralinke tötet“, sagte Gérald Darmanin in alle Mikrofone, noch bevor die erste Festnahme stattgefunden hatte. Als amtierender Justizminister hätte sich der Macronist mehr Zurückhaltung auferlegen können.
Vertreter der Regierungsminderheit echoten dem Scharfmacher, wie auch Verantwortliche des RN bis hin zum Parteiführer, Jordan Bardella. Besonders unangenehm war die Abhaltung einer Schweigeminute in der Nationalversammlung zu Ehren Quentin Deranques. Der junge Mann verdiente in keiner Weise, gelyncht oder auch nur physisch angegriffen zu werden; die Autoren seiner ebenso feigen wie brutalen Tötung gilt es unnachgiebig zu verfolgen.
Eine Schweigeminute in der Nationalversammlung
Aber als Mitkämpfer der royalistischen Action française, als Mitglied reaktionärster katholischer Kirchengemeinden und als Mitgründer einer neofaschistischen Splittergruppe, die im vergangenen Mai am traditionellen Pariser Aufmarsch der Neonazis teilgenommen hat, taugt Deranque schwerlich zum republikanischen Märtyrer.
Die von fast allen Abgeordneten hingenommene, wo nicht gar begrüßte Ehrbezeugung zeigt, wie wenig Widerstand Frankreichs politische Klasse mittlerweile dem Rechtsextremismus entgegensetzen kann oder will. Ein einziger zentristischer Volksvertreter verwies auf eine Übereinkunft von 2025, wonach derlei Schweigeminuten für verstorbene Politiker und Inhaber der Staatsgewalt sowie für Terrorismusopfer vorbehalten sind.
Kaum Gehör für Forscher, die auf politische Gewalt spezialisiert sind
Doch ähnlich wie Trumps MAGA-Bewegung nach der Ermordung von Charlie Kirk suchen in Frankreich derzeit Rechtsextreme, nach Kräften unterstützt durch viele Rechte, die Linkspopulisten, wo nicht gar sämtliche Linke als Terroristen zu brandmarken. Kaum Gehör finden da spezialisierte Forscher wie Nicolas Lebourg oder Isabelle Sommier, die vorrechnen, Rechtsextreme hätten in den vergangenen 40 Jahren landesweit 59 (Lebourg) beziehungsweise 52 (Sommier) Menschen getötet, Linksradikale deren sechs respektive fünf.
Dabei geht es wohlgemerkt nicht darum, Leben gegen Leben aufzurechnen – jedes Todesopfer, ganz gleich aus welchem Lager, verdient betrauert zu werden, als Mensch wie als Symbol für das Versagen des Zusammenlebens. Aber wo allzu viele dieser Tage mit durchschaubaren Hintergedanken Brandreden halten über eine „linke Gefahr für die Demokratie“, sei doch festgehalten: Rechtsextreme töten in Frankreich zehnmal mehr als Linksradikale. Und im Gegensatz zu jenen haben sie reale Chancen, in näherer Zukunft an die Macht zu kommen.
Source: faz.net