Monatelanges Warten auf Hilfe ist für viele in Deutschland Realität. Nun drohen pauschale Vergütungskürzungen der Psychotherapieleistungen. Die Folgen für Patient:innen und das Gesundheitssystem könnten gravierend sein
Betroffene warten teilweise bis zu einem Jahr auf einen Therapieplatz – nun dürften die Wartezeiten weiter steigen
Foto: Sinitta Leunen
Warten lautet die Devise, wenn die Psyche am Boden liegt. Und das oft monatelang. Denn ob lähmende Angststörungen, Depressionen oder Suchterkrankungen Körper und Seele niederdrücken – helfen kann meist nur eine Psychotherapie. Und genau dort, wo es schon jetzt an Kapazitäten mangelt, soll nun noch weiter gespart werden. Zum Leidwesen aller, denn psychische Krisen können jeden treffen.
Vom 1. April an – so entschied ein Schiedsgremium – soll die Vergütung für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent sinken. Während die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) dagegen stimmte, forderten die gesetzlichen Krankenkassen ursprünglich sogar eine Kürzung von zehn Prozent.
Lange Wartezeiten, wenig Therapieplätze
Heutzutage eine Psychotherapie zu beginnen, ist längst nichts Ungewöhnliches mehr. Für manche ist sie ein Leben lang begleitend, anderen hilft sie, eine Erkrankung zu überwinden. Und doch warten viele Betroffene noch immer aus Scham, bis das Leiden unerträglich wird. Jede vierte Person ist in Deutschland laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) psychisch erkrankt.
Ganz offensichtlich, sagt Roland Stahl, Sprecher der KBV, „interessieren sich die Krankenkassen keineswegs für die Belange ihrer Versicherten“. Die Nachfrage nach psychotherapeutischer Leistung sei in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Das zeigt auch der jüngste Trendreport des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung auf.
Chronisch unterfinanziert
Fassungslos über den Beschluss ist auch die Psychotherapeutin Johanna Alisa Jung. Denn schon jetzt würden viele Patient:innen sogar bis zu einem Jahr auf einen Therapieplatz warten müssen, sagt sie. Die Kürzungen würden den wirtschaftlichen Druck auf die Praxen konkret erhöhen. „Das könnte dazu führen, dass Praxen ihre Kapazitäten für gesetzlich Versicherte reduzieren oder stärker auf privat finanzierte Behandlungen ausweichen müssen.“
Der ambulante Bereich sei chronisch unterfinanziert, ergänzt Roland Stahl. Schon jetzt würden erbrachte Leistungen teilweise nicht vergütet. Das wären vor allem die Unterstützungsleistungen bei akuter Suizidalität oder anderen Krisensituationen. Steige der wirtschaftliche Druck hier weiter, werde das „schwerwiegende Folgen zu Lasten der Menschen in akuten psychischen Krisen haben“, warnt Psychotherapeutin Jung.
97 Prozent der medizinischen Versorgung findet in den Praxen statt, und nur drei Prozent im Krankenhaus. „Diese drei Prozent machen aber 33 Prozent der Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen aus“, sagt Stahl. Der ambulante Bereich nehme hingegen nur 16 Prozent der Kosten in Anspruch, der Rest der Gesamtkosten entfällt für Leistungsbereiche wie Apotheken. Damit sei der ambulante Bereich kostengünstig und effizient. „Hier wird also am falschen Ende gespart“, betont der KBV-Sprecher.
Scham und Unsicherheit
Jung hingegen sorgt sich um die Zukunft ihres Berufs, denn dieser habe schon jetzt schwierige Zugangsbedingungen: Die Ausbildung sei langwierig und aufwendig, gleichzeitig müssten sich angehende Psychotherapeut:innen auf „erhebliche finanzielle Belastungen im fünfstelligen Bereich“ einstellen, so Jung. Denn die Ausbildungs- und Fortbildungskosten müssen selbst getragen werden – viele verschulden sich dafür.
Für Betroffene ist der Weg zu einem Therapieplatz oder zu einer psychotherapeutischen Unterstützung oft ein schwieriger Prozess. Scham und Unsicherheiten halten viele Menschen davon ab, sich Hilfe zu suchen. Vor diesem Hintergrund, sagt Jung, „kann eine Kürzung der Leistungen für Betroffene das Gefühl verstärken, dass ihr Leiden nicht ausreichend ernst genommen wird“.
Am Ende bleibt die Frage: Was ist die Gesundheit der Bevölkerung wert? Wer ausgerechnet dort spart, wo Menschen in Krisen Hilfe brauchen, verschärft nicht nur individuelles Leid, sondern auch ein strukturelles Problem.
Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Krankheitstage und Arbeitsausfälle. Wer hier kürzt und somit am falschen Ende spart, verlagert bloß die Kosten – und die Gesellschaft zahlt in Zukunft einen deutlich höheren Preis dafür.