Gespräche mit Israel: Die Hizbullah will weiterkämpfen

„Irgendwann muss es doch aufhören“, sagt einer der Männer am Krater. Knapp eine Woche nach dem „schwarzen Mittwoch“ beobachten die Anwohner noch immer etwas ungläubig die Aufräumarbeiten. Von fünf Einschlägen berichten sie, einige noch immer traumatisiert von den heftigen israelischen Luftangriffen, die Beirut am 8. April erschütterten. Ein verkohltes Autowrack steht noch immer mitten auf der Straße, die Fassade eines anliegenden Hauses ist eingerissen von Raketeneinschlägen, Häuserwände sind rußgeschwärzt.

Während die libanesische Hauptstadt sich den Schock noch nicht ganz aus den Gliedern geschüttelt hat, verhandelt die Führung in Beirut mit der israelischen Regierung über ein Ende der Gewalt. In Washington soll unter amerikanischer Regie ein Anfang gemacht werden, einen Ausweg aus der bewaffneten Konfrontation zwischen Israel und der von den iranischen Revolutionswächtern gelenkten Hizbullah zu eröffnen. Es sind die ersten direkten Verhandlungen seit Jahrzehnten.

„Wir werden nicht kapitulieren“

Doch nicht alle im Land sind dafür. Viele Libanesen, mit denen man dieser Tage spricht, sind kriegsmüde. Vielen ist es egal, wie der Krieg zwischen Israel und der Schiitenmiliz aufhört. Hauptsache, er hört auf. Es könne so nicht weitergehen, sagen sie. Aber es gibt auch noch Menschen und Kräfte im Land, bei denen Hass oder Wut stärker sind. Die Hizbullah und ihre Verbündeten verurteilen die Kontakte als „Verrat“.

Noch am Montag, einen Tag vor den geplanten Gesprächen in den USA, verlangte ihr Anführer Naim Qassem: „Ich fordere die libanesische Regierung auf, ihre Entscheidung rückgängig zu machen.“ Diese dürfe sich nicht zum „Werkzeug“ Israels machen, sagte er. Sie sei dabei, sich gegen das eigene Volk zu stellen, anstatt das Land gegen den äußeren Feind zu einen. „Wir werden nicht kapitulieren und bis zum letzten Atemzug auf dem Schlachtfeld bleiben“, tönte der Hizbullah-Anführer.

Anhänger der Schiitenmiliz und andere Gegner der Friedensgespräche waren vor einigen Tagen auf die Straße gegangen und hatten Plakate in die Höhe gereckt, auf denen der libanesische Regierungschef Nawaf Salam mit Schläfenlocken abgebildet war und als „Zionist“ bezeichnet wurde. Hizbullah-Vertreter und Sprachrohre der Organisation, die sich die Vernichtung Israels auf die Fahnen geschrieben hat, drohen der Regierung wieder und wieder mit Bürgerkrieg.

Angst vor Gewalt im Inneren

Auch die iranischen Hauptsponsoren der Hizbullah versuchen, die Führung in Beirut einzuschüchtern. Ali Akbar Velayati, ein Berater des Obersten Führers, drohte Nawaf Salam, die Rolle der „heroischen Hizbullah“ zu ignorieren, könne Libanon „irreparablen Sicherheitsrisiken“ aussetzen. Der libanesische Regierungschef hat eine Reise in die amerikanische Hauptstadt abgesagt. In Beirut heißt es dazu aus politischen Kreisen, das habe nur zum Teil mit der Sorge zu tun, dass die Spannungen im Inneren weiter zunehmen und eskalieren könnten. Andere Lesarten sehen die Sorge des Regierungschefs, dass er in der Fremde von den amerikanischen Gastgebern überrumpelt und zu Dingen gedrängt werden könnte, die sich in der Heimat kaum vertreten lassen.

Die Töne sind dort auch deshalb so scharf, weil es um die Entwaffnung der vom iranischen Regime aufgerüsteten Hizbullah geht. Das ist eine zentrale Forderung Israels, aber auch ein Ziel der libanesischen Regierung, die das „Monopol auf Waffen“ erlangen will. Beirut ist allerdings kaum in der Lage, dieses Ziel zu erreichen, schon gar nicht so schnell, wie Israel es verlangt. Die libanesische Armeeführung sträubt sich gegen eine Konfrontation mit der kampfstarken Hizbullah aus Angst vor Gewalt im Inneren. Schon der Versuch der ausgezehrten Streitkräfte, die Grenzregion zu demilitarisieren und unter ihre Kontrolle zu bringen, war ein offensichtlicher Misserfolg, der die ohnehin sehr geringe israelische Bereitschaft, die Sache den Libanesen zu überlassen, weiter geschwächt hat.

Zugleich untergräbt der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit den fortgesetzten Angriffen die Entwaffnungsbemühungen der libanesischen Regierung und deren Autorität. Auch am Dienstag dauerten die Luftangriffe auf Hizbullah-Ziele und die Kämpfe in Südlibanon an, wo die Hizbullah den vorrückenden israelischen Truppen Gegenwehr leistet. Die israelische Luftangriffswelle des 8. April wird in Beirut auch als Drohbotschaft verstanden: Die Kosten für die Libanesen, eine Lösung weiter hinauszuzögern, sind hoch – und könnten weiter steigen.

Source: faz.net