Ein Londoner cornershop im Jahr 2080: Ein grauhaariger Mann kauft seine tägliche Ration Ale. Gelangweilt zieht der Verkäufer die beiden Flaschen übers Band. Doch als der gebückte Herr auf die Zigaretten hinterm Tresen deutet, wird sein Gegenüber aufmerksam: „Könnte ich bitte Ihren Ausweis sehen?“
Was bisher nur als Witz in den sozialen Medien kursiert, könnte demnächst Wirklichkeit werden: Am Dienstagabend verabschiedete das britische Parlament ein Gesetz, dass den Verkauf von Zigaretten an alle 2009 oder später Geborenen für immer verbietet. Künftige Generationen würden vor einem „Leben in Sucht“ bewahrt, jubelte Gesundheitsminister Wes Streeting. Da auch Charles III. als überzeugter Nichtraucher gilt, dürfte das ausstehende königliche Placet nur noch Formsache sein.
Bei der Gesundheit hört der Liberalismus auf
Nun mag manch einer aufschrecken: Ausgerechnet im liberalen Großbritannien? Dem Land also, in dem Alterskontrollen schon heute mitunter schwerfallen, weil niemand einen Ausweis mit sich führen muss? Wer schon einmal länger im Königreich unterwegs war, weiß freilich, dass es bei „health and safety“ mit dem britischen Liberalismus aufhört. In Studentenwohnheim kann man die Fenster nicht öffnen und darf keine Kerzen anzünden. Schon seit zwei Jahrzehnten gibt es eine Gesundheitsampel auf den meisten Lebensmitteln im Supermarkt, mittlerweile müssen auch große Restaurants die Kalorienzahl ihrer Speisen offenlegen. Nach ein paar Fahrten in der Londoner U-Bahn hat man auf lange Zeit das „mind the gap“ im Ohr.
Schwieriger zu beantworten ist die Frage, ob der britische Gesundheitskommunitarismus Schule machen wird und sollte. Wer nie mit dem Rauchen anfängt, dem kann durch dessen Verbot auch nichts genommen werden, könnte man zugunsten der generationellen Abstufung argumentieren. Andere finden das australische Modell gerechter: Dort kostet eine Packung Zigaretten schon jetzt umgerechnet mehr als 25 Euro, die Steuern darauf werden jedes Jahr um fünf Prozent erhöht. Auch hier entsteht freilich eine Zweiklassengesellschaft, zwischen Arm und Reich statt zwischen Alt und Jung.
Dass sich der Staat überhaupt so stark in den Tabakkonsum seiner Bürger einmischen sollte, ist denn auch gar nicht so leicht zu begründen. Den auch durch neue Therapien steigenden Gesundheitskosten und den wirtschaftlichen Produktivitätsausfällen durch das Rauchen stehen geringere Rentenausgaben gegenüber, weil Raucher früher sterben.
Andererseits: Sollte ein Staat, ganz abgesehen von den Kosten, tatenlos dabei zu sehen, wie seine Bürger sich schädigen – und wenn ja, bis zu welchem Maße? Heroin, Kokain oder Ecstasy scheinen das Maß nach allgemeiner Auffassung zu überschreiten. Tabak wird in Großbritannien bald dazugehören.
Alkohol immerhin dürfte so schnell nicht verboten werden, denn dann würde es die breite Mehrheit, nicht nur eine Minderheit treffen. Zwei Flaschen Bier wird ein Rentner vermutlich auch 2080 noch ohne Kontrolle kaufen können.
Source: faz.net