In einer Welt, in der Informationen in Echtzeit fließen, Meinungen sich wie Lauffeuer verbreiten und die Aufmerksamkeit in Sekundenbruchteilen aufgezehrt wird, stellt sich die Frage: Wer gibt uns noch zu denken? Wer bleibt, wenn die Lärmkulisse der sozialen Medien verstummt, und wer vermag zu helfen, wenn die Echos der eigenen Überzeugung allein in einem virtuellen Käfig widerhallen? Die Antwort auf diese Fragen ist nicht nur eine akademische, sondern eine für das Gelingen unserer Demokratie bedeutsame.
Mit den Intellektuellen haben jene professionellen, dabei dem Idealbild nach unabhängigen und kritischen Öffentlichkeitsarbeiter heute einen besonders schweren Stand. Die Rolle, die sie spätestens seit der Aufklärung und nochmals verstärkt durch ein differenziertes Medien- und Wissenschaftssystem seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in der öffentlichen Debatte einnehmen, wird zunehmend entwertet und infrage gestellt. Doch ist dies ein erneutes Indiz für den Untergang des Intellektuellen, dem schon wiederholt ein Grabmal errichtet wurde, oder durchläuft dieser Sozialtypus nur ein weiteres Mal eine Phase der Umgestaltung?
Die Figur des Intellektuellen ist kein zeitloser Mythos, sondern ein historisches Phänomen, das sich in den Spannungen zwischen Macht und Freiheit, Ideologie und Wissen, Einheit und Pluralität entwickelt hat. Seine Geburtsstunde wird üblicherweise in der französischen Affäre Dreyfus an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gesehen. Ein einzelner Justizfall wurde zu einem Prüfstein der öffentlichen Moral. Der Schriftsteller Émile Zola formulierte mit seinem berühmten offenen Brief „J’accuse . . .!“ den Schlachtruf einer neuen sozialen Figur: des Intellektuellen als Anwalt des Allgemeinen und Kämpfer gegen Unrecht und spezifische Machtinteressen. Ein Intellektueller war nicht auf die Funktion eines kontemplativen Denkers reduziert, sondern verstand sich als moralischer Akteur, der sich für universelle Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit und Wahrheit weit vernehmbar einsetzt.
Anpassung und Widerstand
Die Geschichte des Intellektuellen präsentiert sich allerdings keineswegs als lineare Entwicklung von Heldentaten. Sie ist geprägt von Kontinuität und Brüchen, von Anpassung und Widerstand. In der Weimarer Republik, während der viel beschworenen Goldenen Zwanziger, wurde der Intellektuelle zu einer markanten Figur einer blühenden Kulturszene. Zeitschriften und Zeitungen wie die „Weltbühne“, die „Neue Rundschau“, die „Frankfurter Zeitung“ oder das „Berliner Tageblatt“ waren nicht nur Medien, sondern Orte der politischen und kulturellen Auseinandersetzung. Sie verkörperten kritische Stimmen gegen die autoritären Tendenzen der Zeit. Manches Mal fiel die Kritik an der Republik – wenngleich mit dem Ziel, sie zu verbessern – allerdings so scharf aus, dass sie die existierende Demokratie überforderte und somit eher schwächte, anstatt sie zu stärken.
Auf der rechten Seite des politischen Spektrums formierten sich Intellektuelle mit Oswald Spengler, Carl Schmitt und Ernst Jünger an der Spitze, die das demokratische politische System als Symptom der politischen Niederlage wie einer kulturellen Krise verabscheuten und nach einer „konservativen Revolution“ riefen. In dieser Phase zeigte sich bereits die Ambivalenz des Intellektuellen, der sich mitten im Kampf um die Zukunft der Demokratie wiederfand. Er konnte sowohl als kritischer Außenstehender auftreten, der die Mächtigen infrage stellte, als auch als Teil des Establishments, das seine Expertise wie seinen ideologischen Eifer zur Legitimation von Macht einsetzte.
Die Großdiktaturen des 20. Jahrhunderts, ob der Nationalsozialismus oder der Stalinismus, bedeuteten für die Intellektuellen eine existenzielle Prüfung. Viele erlagen dem Druck, arrangierten sich mit den Potentaten, wurden zu willfährigen Gesellen und gaben den „Versuchungen der Unfreiheit“ (Ralf Dahrendorf) wie der „Verlockung des Autoritären“ (Anne Applebaum) nach. Andere standen für ihre Überzeugungen ein, manche sogar bis zum Tod. Einerseits fand der Begriff des Partei-Intellektuellen seine radikalste Ausprägung: Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler, die sich aktiv an der Propaganda beteiligten, wurden zu innerweltlichen Heilsverkündern und Trägern einer totalitären Weltanschauung.
Andererseits entstanden in der Emigration neue Formen des Widerstands: Die Exil-Intellektuellen in Prag, Paris, London und New York, darunter Thomas Mann, Albert Einstein, Gabriele Tergit und Hannah Arendt, nutzten ihre internationalen Kontakte, um das Naziregime zu kritisieren und die Idee einer freien, aufgeklärten Öffentlichkeit in geradezu aktivistischer Weise zu verteidigen. Sie arbeiteten zudem an der Herausbildung einer wehrhaften, zu ihrer Verteidigung zunehmend kampfbereiten Demokratie. Die Erfahrung des Exils zeigte darüber hinaus, dass der Intellektuelle nicht nur innerhalb einer nationalen Öffentlichkeit wirksam sein kann, sondern dass transnationale Netzwerke ein wichtiges Mittel zur Verteidigung von Menschenrechten und Demokratie darstellen.
Ein neues Selbstverständnis
Schon vor dem zivilisatorischen Epochenbruch mit der Chiffre „1933“ ist die Geschichte des Intellektuellen dargestellt worden als eine, die zwischen Verrat und Heldenhaftigkeit oszilliert. Der französische Philosoph Julien Benda warnte in seiner klassischen Studie „La trahison des clercs“ (1927) vor dem „Verrat der Intellektuellen“ in Gestalt der Verführung durch politische Leidenschaften und eines übersteigerten Ordnungsdenkens unter Verdrängung der universellen Werte von Vernunft und Gerechtigkeit. Doch auch Benda, der das ein wenig weltfremde Bild vom Intellektuellen als Mönch („clerc“) zeichnete, der sich in der Abgeschiedenheit eines Klosters ganz den geistigen Dingen widmet, war kein unantastbarer Idealist. Seine Kritik war geprägt von einer geistesaristokratischen Verachtung des „Massenmenschen“. Dies entsprach einer Grundauffassung, die Intellektuelle als Exponenten eines Demokratiediskurses selbst in Gefahr bringen konnte.
In der Bundesrepublik, die aus der tatsächlichen wie moralischen Trümmerlandschaft ein demokratisches Grundgesetz schuf, entstand ein neues Selbstverständnis. Der Intellektuelle sollte nicht mehr als radikaler Gegner, sondern als engagierter, mit Gesellschaft und demokratischer Ordnung grundsätzlich verbundener Beobachter fungieren – als kritischer öffentlicher Begleiter, nicht aber Systemsprenger. Die Intellektuellen der Bundesrepublik wandelten sich, um mit den Begriffen Michael Walzers zu sprechen, von „externen“ zu „internen Gesellschaftskritikern“. Sie erhoben zwar nach wie vor den Argwohn zum Berufsprinzip, sahen sich aber nicht mehr als außerhalb des politischen Systems stehend. Dadurch trugen sie entscheidend zur Institutionalisierung der Rolle des Intellektuellen in Deutschland und damit zur Verankerung eines zentralen Elements der westlichen in der bundesrepublikanischen politischen Kultur bei.
Die Gruppe 47, zu der Schriftsteller wie Hans Werner Richter, Günter Grass und Heinrich Böll gehörten, verkörperte ungeachtet ihrer Klage über „restaurative“ Zustände während der Adenauer-Ära diese Haltung. Sie sahen sich als Element einer Streitkultur, in der offene Debatten und kritische Auseinandersetzungen als notwendige Voraussetzung für das Funktionieren einer liberalen Demokratie verstanden wurden. Richter kritisierte als Begründer der Gruppe ausdrücklich den intellektuellen Kampfmodus aus Weimarer Tagen als nunmehr abzulehnende „Tucholsky-Methode“. Sie habe zum Verächtlichmachen und zur Unbedingtheit geneigt.
Stattdessen wollte Richter einen Streitstil forcieren, der sich den angelsächsischen Grundsatz des „agree to disagree“ zum Vorbild nehmen sollte. Widerworte als Selbstzweck und Ausdruck von Kompromisslosigkeit in der geistig-politischen Auseinandersetzung schienen ihm nicht mehr adäquat zu sein, sosehr auch er mit der hohen Integrations- und Absorptionskraft der Bundesrepublik haderte und die Risikolosigkeit intellektueller Intervention gegenüber früheren Epochen insgeheim beklagte.
Ein neuer Typus: Der Partei-Intellektuelle
Dem Trend zur Annäherung der Intellektuellen an den Staat der Bundesrepublik entsprach auch die Ausbildung eines neuen Typus des Partei-Intellektuellen. In den Parteien entwickelte sich ein Bedarf nach fachlich fundierten Stimmen, die das politische Programm mit intellektueller Tiefe und wissenschaftlicher Expertise untermauern konnten. So stellten Akteure von Carlo Schmid und Ralf Dahrendorf bis zu Erhard Eppler und Kurt Biedenkopf ihre intellektuelle Autorität in den Dienst einer politischen Bewegung, ohne jedoch in Distanzlosigkeit zu verfallen. In diesen Personen verschmolz das Bild des unabhängigen Kritikers mit dem des sachkundigen Experten, und der Intellektuelle wurde zu einem Vermittler zwischen Wissenschaft, Kultur und Politik. Er übte sich in der Deutungshoheit über Begriffe und rang, gleich ob links, liberal oder rechts, als Quasi-Gramscianer um Einflusssphären der „kulturellen Hegemonie“. In Zeiten zunehmend fluider Wählermilieus und nachlassender Parteibindung wollte er als öffentlicher „Bewusstseinsarbeiter“ neue Konsensangebote und als schreibender Mittler Erzählungen anbieten.
Im Osten, in der DDR, entwickelte sich ein anderes Modell. Dort wurde der Intellektuelle vorrangig zu einem Teil der Intelligenzija, einer staatlich organisierten Elite, die ihre Autorität aus der Zugehörigkeit zu einer Partei und der wissenschaftlichen Qualifikation ableitete. Ein markantes Beispiel ist der Völkerrechtler Peter Alfons Steiniger, der zunächst in der Weimarer Republik als ungebunden links positionierter Publizist aktiv war und regelmäßig für die „Weltbühne“ schrieb. Nach 1946 fügte er sich rasch in die Rolle eines bald wohlgelittenen SED- Kaders, Rechtswissenschaftlers und Experten für Verfassungsfragen ein. Seine Laufbahn verdeutlicht, wie der Intellektuelle sich in einem autoritären System von einem unabhängigen „eingreifenden Denker“ zu einem Funktion(är)s-Intellektuellen wandeln konnte, dessen Aufgabe es sein sollte, das Regime mit fachlicher Expertise zu legitimieren. Die DDR-Intelligenzija bot damit insgesamt ein Gegenbild zur westdeutschen Öffentlichkeit: Hier stand die Nähe zur Macht im Vordergrund, während die kritische Distanz eher als Gefahr denn als Ressource angesehen wurde.
Dieser Befund gab neuerlich einem intellektuellengeschichtlichen Niedergangsszenario Nahrung. Aber er verdeckt das Wirken von Dissidenten in der DDR und noch mehr in anderen ostmitteleuropäischen Staaten: Sooft die Intellektuellen auch Verrat an universalen Grundsätzen, an Moral und letztlich an sich selbst geübt hätten, habe das späte 20. Jahrhundert mit dem Untergang der kommunistischen Diktaturen in Ost- und Mitteleuropa doch eine „Rehabilitation des Intellektuellen“, ja sogar „sein heroisches Comeback auf der politischen Bühne“, erlebt, meinte der Soziologe Wolf Lepenies einmal regelrecht beglückt – und mit einigem Recht.
Begriff und Rollenbilder des Intellektuellen, die in keinem Gesetz, in keiner DIN-Norm oder Ausbildungsordnung näher bestimmt werden, sind seit jeher nicht nur vielfältig, sondern auch nach wie vor von einer kritikwürdigen männlichen Codierung geprägt. Der „allgemeine Intellektuelle“ mit terminologischen Spuren von Karl Mannheim bis Jean-Paul Sartre versteht sich als freischwebender Beobachter, der auf allen Seiten kritisch prüft und dabei ein hohes kulturelles Kapital besitzt. Der „öffentliche Intellektuelle“ nach Dahrendorf sieht seine Aufgabe darin, die Öffentlichkeit mit fundierten Analysen und Urteilskraft zu bereichern, ohne sich einer Partei zu verschreiben.
Der „spezifische Intellektuelle“ nach Michel Foucault ist in ein bestimmtes Wissensfeld eingebettet und nutzt seine Expertise, um Machtstrukturen zu analysieren und zu beeinflussen. Der „kollektive Intellektuelle“ schließlich, wie ihn Pierre Bourdieu sich dachte, operiert in Netzwerken von Autoren, Verlegern und Medien, die gemeinsam Diskurse formen. Und der „Partei-Intellektuelle“ verbindet fachliche Kompetenz mit politischer Loyalität, um die Programmatik einer Partei zu untermauern und Narrative anzubieten mit dem Ziel, neue Wählerschichten zu erschließen und gesellschaftliche Kohäsionskräfte zu bündeln.
In der Praxis wechselten Vertreter der Intellektuellenspezies bisweilen munter zwischen diesen Rollenzuweisungen. Insgesamt zeigt sich daran, wie wenig nur die Figur des Intellektuellen einem monolithischen Bild entspricht. Vielmehr konstituiert sie sich auf einem dynamischen Feld ständig neu.
Die unterschiedlichen Typologien zeigen indes, dass der Intellektuelle entgegen dem vielfach gepflegten Selbstbild nicht zureichend als Solitär zu verstehen ist, sondern als ein soziales Phänomen, das in einem Geflecht von Beziehungen, Netzwerken und Institutionen existiert. Die Frage, wer ein Intellektueller ist und als solcher wirken kann, hängt nicht zuletzt von den Strukturen der Öffentlichkeit ab, von den Medien, in denen er sich äußert, und von den Institutionen, die ihm Gehör verschaffen. Da mögen die Intellektuellen auch noch so sehr ihre unabhängige, autonome, nonkonforme Disposition oder gar ihr Außenseiter- und Rebellentum hervorheben.
Transformation der Öffentlichkeit
Die größte Herausforderung für die Intellektuellen heute liegt in der Transformation der Öffentlichkeit. Jürgen Habermas hat diese Entwicklung als „neuen Strukturwandel“ und „Entformalisierung“ der Öffentlichkeit ebenso klar beschrieben wie heftig beklagt. Die klassische, hierarchische Struktur der öffentlichen Debatte mit ihren Gatekeepern, Redakteuren, Verlagen und akademischen Institutionen ist durch die digitalen Medien erschüttert worden. Das Internet hat die Kontrolle über die Wissensvermittlung schwinden lassen. Jeder kann nunmehr Informationen verbreiten, Meinungen äußern, sich vernetzen. Dies hat zu einer Pluralisierung und in mancher Augen sogar zu einer Demokratisierung der Öffentlichkeit geführt.
Doch diese Entwicklung hat ihre Schattenseiten. Eine derartige Dezentralisierung führt nicht zwangsläufig zu einer besseren Diskussion. Vielmehr entstehen Echokammern, in denen nur noch die eigenen Überzeugungen Platz finden. Die Kritik an einer „digitalen Diktatur“ oder einem „technologischen Totalitarismus“ gilt nicht mehr nur einer theoretischen Drohkulisse, sondern entspringt praktischer Erfahrung. Die Algorithmen der Plattformen verstärken die gesellschaftliche Polarisierung, fördern die Verbreitung von Verschwörungstheorien und Populismus. Die Intellektuellen, die sich auf die Kraft der rationalen Argumentation verlassen, finden sich in einer Welt wieder, in der Emotion, Identität und Affekt dominieren.
Der deutsche Diskurs über die AfD, die französische Debatte über Marine Le Pen, Viktor Orbáns Leitbild einer „illiberalen Demokratie“ und nicht zuletzt Donald Trumps MAGA-Bewegung zeigen zudem, wie populistische Akteure das Bild des Intellektuellen als abgehobenen Technokraten zu entwerten suchen und dabei Plattformen gezielt einsetzen, um Misstrauen zu säen. Dabei dringt die alte Schimpfwort-Tradition des Begriffs durch, die Bezeichnung Intellektueller ist nicht mehr als Ehrentitel zu verstehen. Diese Anti-Intellektualismus-Strategie nutzt emotionale Narrative, vereinfachte Slogans und gezielte Desinformation, um Fachwissen zu delegitimieren und vermeintlich einseitige linke Weltbilder zu entlarven.
Rechtsintellektuelle hadern im Übrigen traditionell mit dieser Form der Selbstbezeichnung und inszenieren sich gerne als Antiintellektuelle, die vor einer „Priesterherrschaft“ linker Ideologen warnen (so einst der Münsteraner Soziologe Helmut Schelsky). Der Intellektuelle befindet sich somit in einem paradoxen Spannungsfeld: Er gilt einerseits als unabdingbares Frühwarnsystem und Träger kritischen Denkens, andererseits wird er häufig als abgehoben und unverbunden mit den Alltagserfahrungen der Bevölkerung wahrgenommen oder lediglich als Sprachrohr eines linken Mainstreams.
Habermas‘ Klage
Habermas’ Klage über den intellektuellen Positionsverlust ist nicht nur nostalgisch gefärbt, sondern wirkt demokratietheoretisch so begründet wie drängend. Die klassische Gestalt des Intellektuellen, der in einem Buch, in einer Zeitschrift, in einem Vortrag seine Gedanken ausformuliert, hat in einer digitalen wie populistisch angeheizten Öffentlichkeit an Kraft verloren. Doch dies bedeutet nicht, dass die Intellektuellen überflüssig geworden wären. Vielmehr müssen sie sich selbst befragen und am Ende womöglich von einem Präzeptorenstatus à la Grass, Habermas oder Enzensberger Abschied nehmen. Sie müssen lernen, in den neuen Medien zu kommunizieren, in Netzwerken zu arbeiten und insoweit kollektiv zu denken. Der „vernetzte Intellektuelle“ ist kein Gegensatz zum „freischwebenden“, sondern dessen Fortsetzung in einer neuen Ära.
Auch dieser neue Typus wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Zeitgeist und Zeitkritik, wirkt aber stärker als Vermittler und Koordinator. Er verbindet Fachwissen mit gesellschaftlicher Relevanz, er verknüpft verschiedene Perspektiven, er schafft Brücken zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Für die Intellektuellen heißt das, nicht nur zu schreiben, sondern zu interagieren, nicht nur zu analysieren, sondern zu gestalten. Es genügt nicht, im digitalen Zeitalter über den Verfall einer alten Öffentlichkeit zu jammern. Vielmehr sind die Intellektuellen selbst gefordert, sich diesen Umbauten anzupassen, wenn sie mit ihrer Stimme vernehmbar bleiben wollen.
Die Geschichte der Intellektuellen zeigt, dass sie sich schon wiederholt neu positionieren mussten. In der Aufklärung waren sie Philosophen, Enzyklopädisten und Schriftsteller. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wuchsen sie in die Rollen von Wissenschaftlern und Experten hinein. Im 20. Jahrhundert avancierten sie, sofern sie sich nicht Faschismus oder Kommunismus andienten, zu politischen Kritikern und moralischen Vorbildern. Heute stehen sie vor der Herausforderung, diesen positiven Markenkern in Zeiten einer gewandelten Öffentlichkeit und neuer Krisen zu bewahren.
Die Frage, ob „wir“ Intellektuelle noch brauchen, sollte man nicht leichtfertig abtun, indem man diesen Typus als historisches Phänomen der Vergangenheit übereignet. Letztlich ist sie eine Frage nach der Zukunft der Demokratie. Denn die Demokratie ist nicht nur ein institutionelles Arrangement, sondern eine lebendige politisch-kulturelle Angelegenheit. Sie lebt von der Fähigkeit, über gemeinsame Werte zu streiten und sich selbst infrage stellen zu lassen. Hinzu kommt die Bereitschaft, die Gegenposition zu respektieren. Diese Kultur ist gefährdet. In einer Welt, in der die Wahrheit relativiert wird, Fakten manipuliert werden und Emotionen die Argumente verdrängen, braucht es genau die Stimmen, die sich auf vernunftbasiertes Denken, evidenzgestützte Wahrheitssuche und transparent gemachte Gerechtigkeitsmaßstäbe berufen.
Dem Freund-Feind-Denken entgegenwirken
Die Intellektuellen sind nicht die einzigen, die diese Werte vertreten. Gerade mit den Lehren des „vergessenen 20. Jahrhunderts“ (Tony Judt) voller ideologischer Verwerfungen und gewaltsamer Exzesse im Geistesgepäck sind sie aber diejenigen, die sie systematisch, kritisch und hartnäckig verteidigen sollten. Ihnen obliegt es, komplexe Zusammenhänge zu erklären, langfristige Folgen von Entscheidungen abzuwägen und die ethischen Dimensionen von Politik, Wirtschaft, Technik sichtbar zu machen und einem neu entfachten Freund-Feind-Denken entgegenzuwirken.
Die Zukunft der Intellektuellen wird davon abhängen, inwieweit es ihnen gelingt, kritische Distanz mit konstruktiver Beteiligung zu verbinden, digitale Sichtbarkeit mit intellektueller Tiefe zu vereinen und nationale Verantwortung mit transnationaler Solidarität zu verknüpfen. Das bedeutet, dass sie nicht nur als entrückt wirkende Wächter fungieren, sondern auch und vor allem als lebensnahe Vermittler, die unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammenbringen.
In einer Welt, die von Echokammern und identitären Selbstbestätigungsritualen geprägt ist, gewinnt diese Vermittlerrolle an Bedeutung. Intellektuellen dürfte stärker als in früheren Zeiten ein Wirken über ihre schriftlichen Werke hinaus durch interaktive Präsenz in digitalen Räumen abverlangt werden. Auf diese Weise mag es ihnen im besten Fall glücken, sowohl kritische Reflexion als auch partizipative Einbindung zu fördern und damit zwei Elemente, die für die Stabilität und Weiterentwicklung demokratischer Gesellschaften unabdingbar sein dürften.
Wenn es also heißt, der Intellektuelle sei tot, so ist das nur die halbe Wahrheit. Angesichts seiner wechselhaften Geschichte und vielfältigen Erscheinungsformen sollte man diese anpassungserprobte Sozialfigur nicht zu früh abschreiben. Oder anders ausgedrückt: Es lebe der Intellektuelle!
Source: faz.net