Geschichte welcher Monroe-Doktrin: Amerika den US-Amerikanern!

Ein Gespenst geht um in der internationalen Politik, das Gespenst der „Monroe-Doktrin“. War sie immer wieder totgesagt worden, hat sie Donald Trump als „Donroe-Doktrin“ wiederbelebt und mit ihr zugleich den Anspruch der USA auf Vorherrschaft in der „westlichen Hemisphäre“: Seit dem amerikanischen Angriff auf Venezuela Anfang Januar 2026 und der Entführung von Präsident Nicolás Maduro ist sie in aller Munde.

Dabei bleibt allerdings häufig nebulös, wofür diese „Doktrin“ eigentlich konkret stehen soll. Schon 1923 schrieb die „New York Times“ treffend: „Ohne ihre genaue Bedeutung oder die genaue Verpflichtung, die sie uns auferlegt, zu kennen, haben wir sie in fast allen unseren Beziehungen zu anderen Ländern als Substitut für Nachdenken verwendet.“ Das war hundert Jahre nach ihrer ersten Formulierung, aber der Befund wirkt heute fast noch passender.

Der Kern der Monroe-Doktrin liegt in ihrer Janusköpfigkeit: Sie lässt sich gleichermaßen für Intervention wie auch für Nichtintervention ins Feld führen, sowohl für Legitimation als auch Limitation von Gewalt, für Imperialismus und Antiimperialismus. Sie war damit stets anschlussfähig sowohl für internationalistische als auch für isolationistische Außenpolitik.

Zur Abwehr von europäischen imperialen Ambitionen

Die Geburtsstunde der Monroe-Doktrin wird für gewöhnlich auf die Rede zur Lage der Nation des fünften Präsidenten der USA vom 2. Dezember 1823 zurückgeführt: Darin untersagte James Monroe jegliche imperiale Einmischung der europäischen Großmächte in die inneren Angelegenheiten des amerikanischen Doppelkontinents. Aber auch zuvor war in den USA bereits über eine eigene westliche Hemisphäre nachgedacht worden, nämlich vom dritten US-Präsidenten, Thomas Jefferson. Sein Traum von den USA als „Reich der Freiheit“ ging einher mit expansiven Vorstellungen einer langfristigen US-Hegemonie auf Kosten Spanisch-Amerikas.

James MonroePicture Alliance

Letztere wurde insbesondere nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 in die Tat umgesetzt. Die USA traten zunehmend selbstbewusst auf – gegenüber Europa, aber auch gegenüber lateinamerikanischen Staaten. Mit dem Roosevelt-Korollar von 1904 beanspruchten sie, anstelle Europas in der „westlichen Hemisphäre“ für Recht und Ordnung zu sorgen. „Chronisch unzivilisiertes Fehlverhalten“, so Theodore Roosevelt im Kontext der Venezuela-Krise von 1902/03, könne die Intervention einer „zivilisierten Nation“ erforderlich machen. Ersteres meinte tadelnd die lateinamerikanischen Staaten, Letzteres ermächtigte die USA.

Die Monroe-Doktrin bedeutete nun immer weniger „Amerika für die Amerikaner“, sondern vielmehr: „Amerika für die US-Amerikaner“. Sie war vollends zur Rechtfertigung hemisphärischer Hegemonie geworden. Auch im zwanzigsten Jahrhundert verwiesen US-Präsidenten weiter auf die Monroe-Doktrin: Kennedy etwa im Kontext der Kubakrise von 1962 oder Johnson (indirekt) im Rahmen der US-Intervention in der Dominikanischen Republik von 1965.

Die Neuinterpretation Carl Schmitts

An diese expansive Seite der Monroe-Doktrin ist seitdem immer wieder zur Begründung imperialer Gewalt angeknüpft worden. Eine der radikalsten Neuinterpretationen findet bei dem NS-Juristen Carl Schmitt, der 1939 in ihr einen „Präzedenzfall für ein internationales Rechtsprinzip der Großräume“ erkennen wollte. Die so ausgelegte Doktrin sollte der Rechtfertigung eines „Großdeutschen Reichs“ und damit des Vernichtungskrieges in Osteuropa dienen. Zugleich sollte der eigene „Großraum“ durch ein „Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ (Schmitt) abgesichert werden.

Adolf Hitler verwies auf die US-amerikanische Anwendung der Monroe-Doktrin in Lateinamerika, um Kritik an der Besetzung der Tschechoslowakei zurückzuweisen. Die Krux dabei war, dass mit der Limitation der Gewalt „von außen“ die Legitimation von Gewalt innerhalb des zu schaffenden „Großraums“ einherging. Um Letzteren zu schaffen, wollte man sich vor allem auf das Recht des Stärkeren verlassen, wie Hitler kurz vor dem Überfall auf Polen 1939 klarmachte: „Bei Beginn und Führung des Krieges kommt es nicht auf das Recht an, sondern auf den Sieg. Herz verschließen gegen Mitleid. Brutales Vorgehen. (…) Der Stärkere hat das Recht.“

Es kann kaum überraschen, dass Schmitts neoimperiale Interpretation der Monroe-Doktrin bis heute besonders dort beliebt ist, wo antiliberale Rechtsaushöhlung und imperiale Landnahme auf der Tagesordnung stehen: bei Kreml-nahen Figuren wie Alexander Dugin, dem Xi-treuen Politik- und Rechtswissenschaftler Jiang Shigong oder bei MAGA-Politikern beziehungsweise libertären Tech-Feudalisten wie J.D. Vance und Peter Thiel. Klar ist zudem, dass dieses neue Großraumdenken mit dem universellen Völkerrecht und seinen Gewalt- und Interventionsverboten völlig inkompatibel ist. Macht scheint das Recht zu überwinden.

Die Nutzung für eine antiimperiale Agenda

So weit die eine Seite der Medaille, das expansive beziehungsweise imperiale Gesicht der Monroe-Doktrin, die angesichts von Trumps narzisstischem Größenwahn und Herrschaftsanspruch über die „westliche Hemisphäre“ heute im Vordergrund steht. Dabei wird aber die andere Seite der Monroe-Doktrin häufig übersehen. Zunächst war sie, in ihrer Erstfassung von 1823, keine expansive Gewaltrechtfertigung im Sinne der aktuell formulierten „Donroe-Doktrin“. Im Gegenteil: Sie stand nach Etablierung der USA als postkolonialer Staat für eine antiimperiale Agenda, auch zum Schutz der jungen Republiken Lateinamerikas vor europäischem Einfluss. Man sollte dabei keiner naiven Nostalgie verfallen: Wie das Beispiel Jeffersons zeigt, gab es natürlich auch zur Zeit der ersten Fassung der Monroe-Doktrin bereits expansive Bestrebungen der USA in Richtung von Spanisch-Amerika.

Zugleich bestanden gegenläufige Tendenzen, die auf Versuche einer Panamerikanisierung der Monroe-Doktrin verweisen: Monroe und Adams warben – gegen den Widerstand des US-Senats – für die Bildung einer panamerikanischen Allianz, um imperiale Interventionen der europäischen Monarchien abzuwehren, notfalls mit Gewalt. Zu einer solchen Allianz kam es zwar nicht, aber die Idee blieb wirkmächtig.

Sie war zudem nicht neu: Don Manuel Torres, Simón Bolívars Vertreter in Washington, kritisierte 1821 nicht nur „die Machenschaften der Heiligen Allianz, um Amerika von Europa abhängig zu halten und die Errichtung freier Regierungen zu verhindern“. Er plädierte zugleich für einen Schutz der republikanischen Institutionen durch Gründung einer amerikanischen Allianz. Solcher Widerstand Lateinamerikas gegen europäischen und US-amerikanischen Imperialismus wird in Geschichten der Monroe-Doktrin häufig unterschlagen.

Dabei waren es gerade lateinamerikanische Politiker, Diplomaten und Juristen wie etwa Luis María Drago oder Alejandro Alvarez, die im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert an dieser antiimperialen Tradition der Monroe-Doktrin als panamerikanischem Projekt festhielten und durchaus mit handfesten Erfolgen: Der argentinische Außenminister Drago entwickelte die Monroe-Doktrin zu einem Verbot des militärischen Eintreibens von Schulden weiter, das 1907 auf der Zweiten Haager Friedenskonferenz beschlossen wurde (Drago-Porter-Konvention).

Dabei gelang es, US-Interventionen und Expansionen im Namen der Monroe-Doktrin als panamerikanisches Projekt der Nichtintervention und souveräner Gleichheit aller Staaten zu skandalisieren und politischen Druck auf die USA auszuüben: diplomatisch auf panamerikanischen Konferenzen, aber auch rechtlich durch Schiedsgerichtsverfahren. Diese Delegitimierung der hegemonialen Praktiken der USA seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts bildete einen wichtigen Hintergrund für Franklin D. Roosevelts Good Neighbourhood Policy, die eine Abkehr von offenen Interventionen vorsah.

Was lässt sich aus der Geschichte dieser janusköpfigen Doktrin für die Gegenwart lernen? Heute überwiegt aus nachvollziehbaren Gründen der Fokus auf ihre imperialen Züge. Eine Blickweitung auf die antiimperialen Kämpfe in dieser Geschichte aber ist angezeigt. Wenn es gilt, dem Recht des Stärkeren à la Putin, Trump und Xi die Stärke des Rechts entgegenzusetzen, so zeigt sie: Widerstand lohnt sich.

Hendrik Simon ist Historiker und Politikwissenschaftler am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Universität Frankfurt, sowie am Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung.

Source: faz.net