Der Tourist hatte es von Anfang an nicht leicht. Zum ersten Mal taucht der Begriff um 1770 im Englischen auf, und zwar gleich in einer abfälligen Bemerkung. Als tourists bezeichnet Adam Smith junge Männer aus gutem Haus, die die kostbarsten Jahre ihres Lebens mit „liederlichem Müßiggang“ verschwenden. Da ist es nur gut, dass Touristen grundsätzlich nur die anderen sind. Man selbst ist stattdessen „Reisender“, was nach Völkerverständigung und Individualität klingt, während „Tourist“ gemeinhin mit gedankenlosem Konsum und Menschenhorden assoziiert wird.
Es ist das große Paradoxon des Tourismus – nach manchen Berechnungen der größte Wirtschaftszweig der Welt, der auch in Deutschland mehr Beschäftigte zählt als die Automobilindustrie –, dass zwar kaum einer auf seine Urlaubsreise verzichten mag, Tourist aber nicht genannt werden will.
Die gehobene Klasse musste sich stets neue Ziele suchen
Denn seit sich der Tourismus in der heutigen Form zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelt hat, war Reisen auch immer ein Mittel der sozialen Distinktion: Sobald ein Ort oder eine Art zu reisen, die bislang exklusiv waren, von der Masse erobert wurden, musste für die gehobene Klasse ein neues Ziel her, um sich abzuheben. Schon 1849 schreibt der Reiseführer Baedeker vom „unerträglichen Reisepöbel, der sich durch das Rheintal quält“ – ohne dabei zu hinterfragen, dass ein Großteil derer, die er beschimpft, lediglich der eigenen Empfehlung folgt.
Dabei haben der Pöbel aus dem Rheintal und die Sonnenanbeter von der Playa de Palma mehr mit deutschen Geistesgrößen gemein, als man zunächst denken könnte. Der moderne Tourist ist genauso wie Joseph von Eichendorff oder Caspar David Friedrich ein Kind der Romantik, wie der Historiker und Soziologe Hasso Spode in seinem äußerst lesenswerten Buch „Traum Zeit Reise. Eine Geschichte des Tourismus“ ausführt.
Zwar waren die praktischen Geburtshelfer des Tourismus die Eisenbahn, die Pauschalreise und der moderne Reiseführer als die drei Innovationen, die es brauchte, um die Massen in Bewegung zu setzen. Weitaus wichtiger war jedoch der Wandel des Denkens und Fühlens, der die Gebildeten im achtzehnten Jahrhundert erfasste, um dem Urlaub zum Durchbruch zu verhelfen.
Gereist waren die Menschen schon immer, aber selten ohne konkreten Zweck, sondern um Handel zu treiben, vor dem Elend zu fliehen, Ungläubige zu missionieren oder durch eine Pilgerfahrt ihr eigenes Seelenheil zu retten. Und auch die Grand Tour, die für die männlichen Sprösslinge des europäischen Adels ab der Renaissance zum festen Bestandteil der Ausbildung wurde, war weniger eine Lustfahrt, sondern galt der Geistesbildung und dem Knüpfen von Kontakten.
Eine neue Sicht auf die Natur und Geschichte
Spode legt schlüssig dar, dass es erst eine neue Sicht auf die Natur und die eigene Geschichte brauchte, damit der Mensch den mühsamen Weg von einem Ort zum anderen auf sich nahm, ohne dadurch einen direkten wirtschaftlichen, gesundheitlichen oder sozialen Vorteil zu erzielen. Bis dahin galt die Natur als furchtbarer und gefährlicher Ort, den der Mensch möglichst meiden sollte. Besonders deutlich wird das bei der Betrachtung der Alpen, die jahrhundertelang mit Attributen wie „wüst“ und „schrecklich“ bedacht wurden. Doch im 18. Jahrhundert wandelte sich der Blick; aus dem Unort wurde ein Sehnsuchtsort, die schroffen und unwirtlichen Berge bekamen etwas Erhabenes, die Gipfel wurden zum Hort der Freiheit verklärt.
Auch der Blick auf die Fremde wandelte sich. Je schneller sich die eigene Welt entwickelte, desto mehr wurde ein Ausflug in die Peripherie zu einer Zeitreise: Das Andere wurde als „ursprünglich“ und „authentisch“ erlebt, der Weg in die Ferne zum Pfad zurück in die eigene Geschichte. Historische Bauwerke, die bislang vor allem als Steinbrüche dienten, wurden jetzt konserviert oder gleich im alten Stil wieder aufgebaut.
Mit der Industrialisierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bekam der Urlaub noch einen weiteren Zweck zugeschrieben, der bis heute Gültigkeit hat: Er soll vor allem der Erholung dienen. Dabei wurde der Mensch analog zur Maschine betrachtet, die im Laufe der Zeit verschleißt und deshalb eine Pause braucht, um sich zu regenerieren.
Es ist ein weiteres Paradoxon des Tourismus, dass diese Erholung nicht zuerst denjenigen zugute kommt, die körperlich am härtesten arbeiten – am meisten Urlaub machen die, die den geringsten körperlichen Belastungen ausgesetzt sind, nämlich die Gebildeten, Jungen und Wohlhabenden. Wie wirkmächtig die Erzählung von der Erholung trotzdem ist, die Spode als den „großen Mythos des Urlaubs“ bezeichnet, lässt sich daran ablesen, dass das Recht auf regelmäßigen bezahlten Urlaub 1948 in der UN-Charta für Menschenrechte verankert wurde. Das Recht auf sauberes Trinkwasser wurde hingegen erst 2010 als Menschenrecht anerkannt.
Vom Luxus- zum Konsumgut
Den endgültigen Wandel vom Luxus- zum Konsumgut erfuhr die Urlaubsreise in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, als sie sich im Zuge eines generelles Aufbruchs zum Massenkonsum als „schönste Zeit des Jahres“ für die Mittelklasse durchsetzte. Vor allem die Nazis benutzten Tourismus als politisches Instrument: Um der marxistischen Idee des Klassenkampfes das Fundament zu entziehen, sollte die Mittelschicht mit besseren Konsummöglichkeiten, die früher nur Besserverdienern vorbehalten waren, zufriedengestellt werden. Dazu gehörten das Radio, das Auto und die Urlaubsreise, die vom NS-Freizeitwerk „Kraft durch Freude“ eifrig gefördert wurde, um das „bürgerliche Urlaubsprivileg zu brechen“, wie es bei den Nazis hieß. Kein Wunder, dass „Reisefieber“ als Modewort aus dieser Zeit stammt.
Reisten die Deutschen vor dem Krieg noch mit vor Nationalstolz geschwellter Brust, war das Selbstbewusstsein der deutschen Auslandsurlauber nach dem Zweiten Weltkrieg verständlicherweise gestört. Zwar wurde man schnell wieder zum „Reiseweltmeister“, Italien war als Ziel aber nicht nur wegen des sonnigen Wetters und des guten Essens besonders beliebt, sondern auch, weil die Deutschen bei den ehemaligen „Waffenbrüdern“ besser gelitten waren als in den anderen westlichen Nachbarländern. Immerhin entlarvt Spode das Vorurteil, Deutsche benähmen sich im Ausland schlechter als andere Nationen, als wirklichkeitsferne Folge eines gestörten Selbstbildes des „Tätervolkes“.
Und wie steht es um die Zukunft des Tourismus? Erleben wir ein „Ende des Reisezeitalters“ aufgrund des Klimawandels, wie zum Beispiel der Tourismusforscher Stefan Gössling behauptet?
Spode glaubt nicht daran, auch wenn er der Pseudogenetik eine Absage erteilt, die sich auf das touristische Reisen als menschliches Grundbedürfnis infolge des früheren Nomadentums beruft. Aber die Menschen liebten das Reisen viel zu sehr, als dass sie es sich durch Snobs oder Tugendwächter verbieten lassen würden. „Denn ohne, dass sie recht wissen, warum, macht das Verreisen die Menschen glücklich.“
Hasso Spode: „Traum Zeit Reise“. Eine Geschichte des Tourismus. BeBra Verlag, Berlin 2025. 336 S., geb., 30, – €.
Source: faz.net