Die nachhaltige Ausrichtung der Wirtschaft mit dem Ziel, den Klimawandel zu bremsen, hat durch die Skepsis des amerikanischen Präsidenten Donald Trump einen Rückschlag erlitten. Trotzdem hat das Thema in dem sich immer mehr digitalisierenden Technologiekonzern Siemens weiterhin eine hohe Priorität. Für die Nachhaltigkeit zeichnet dort Eva Riesenhuber verantwortlich. Im Gespräch mit der F.A.Z. zeigt sie sich überzeugt: „Die nachhaltige Ausrichtung der Wirtschaft ist auf der ganzen Welt ein Thema.“
Dafür nennt sie mehrere Beispiele: Basierend auf einer langfristigen Planung sei China führend in der Dekarbonisierung und in der Kreislaufwirtschaft. Das zeigt sich ihrer Ansicht nach abermals in den Klimazielen im 15. Fünfjahresplan Chinas. Indien habe sein Ziel, mehr als 50 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien zu beziehen, fünf Jahre früher erreicht. Japan habe einen Transformationsplan im Volumen von einer Billion Dollar aufgelegt. Die EU richte sich auf Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft aus.
Anderes Vokabular in den USA
„Das beobachten wir auch in den USA, nur wird dort derzeit ein anderes Vokabular verwendet“, fügt Riesenhuber hinzu. Die US-Zollpolitik verteure den Import von Rohstoffen. Daher rücke die Kreislaufwirtschaft in den Fokus. Solar- und Windenergie seien die günstigsten Energieformen, was für die amerikanische Wirtschaft von Interesse sei. „Energieeffizienz und Resilienz haben auch für amerikanische Unternehmen einen hohen Stellenwert. Nachhaltigkeit aus ökonomischen Gründen ist für sie sinnvoll“, betont die Siemens-Managerin.
Sie verweist auf eine Untersuchung der klimapolitischen Denkfabrik Climate Policy Initiative: Wenn die Weltwirtschaft 266 Billionen Dollar bis zum Jahr 2050 in den Klimaschutz investieren würde, ließen sich im Zeitraum 2050 bis 2100 Schäden in Höhe von 1266 Billionen Dollar vermeiden. „Das verdeutlicht, warum sich Nachhaltigkeit aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll rechnet“, sagt Riesenhuber. Ihrer Ansicht nach sorgt Nachhaltigkeit für Resilienz. Damit hat das Thema angesichts der im Zuge des Nahostkonflikts nach oben schießenden Preise für fossile Energien wieder Aktualität erlangt.
Die Resilienz durch Nachhaltigkeit hat nach den Worten Riesenhubers für Siemens eine sehr hohe Priorität. Ein weiterer Aspekt ist die Kreislaufwirtschaft, die sich die Europäische Union bis 2050 zum Ziel gesetzt hat. Mit dem zweiten Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft der Europäischen Kommission soll der Anteil der Materialien, die in der EU recycelt und der Wirtschaft wieder zugeführt werden, bis 2030 verdoppelt werden. 2020, also im Jahr der Verabschiedung des zweiten Aktionsplans, lag er bei 11,7 Prozent.
Weniger abhängig von Lieferketten
„Die Kreislaufwirtschaft sorgt für Stabilität, da sie die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten verringert“, sagt Riesenhuber. Für sie hat die Kreislaufwirtschaft verschiedene Aspekte. Die Produkte könnten überarbeitet, generalüberholt oder zerlegt werden, um den Lebenszyklus der Produkte zu verlängern, einzelne Komponenten als Ersatzteile zu verkaufen oder am Ende die Rohstoffe zurückzugewinnen. Sie verweist auf eine Studie der UN-Organisation Unitar aus dem Jahr 2024, wonach es in der Welt im Jahr 62 Millionen Tonnen Elektroschrott gibt.
Darin seien 90 Milliarden Dollar an Gold, Silber und anderen knappen Rohstoffen enthalten, fügt sie hinzu. „Wir werden in Deutschland eine darauf ausgerichtete Recyclingindustrie brauchen. Die muss sich noch weiterentwickeln“, sagt sie. Den größten Markt für Kreislaufwirtschaft gibt es nach ihrer Beobachtung in China mit einem Volumen von 600 Milliarden Dollar.
Bruchteil des aktuellen Bedarfs
Am Ende müssten die eingesetzten Rohstoffe wiedergewonnen werden. Das sorge für geopolitische Unabhängigkeit, nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Volkswirtschaften. „Wenn wir nur das ersetzen müssen, was sich nicht mehr retten lässt, sind wir bei einem Bruchteil des aktuellen Bedarfs.“ Riesenhuber verweist auf mutige Prognosen, wonach sich bis 2040 der Materialbedarf in der EU zu 80 Prozent durch die Kreislaufwirtschaft abdecken lässt.
Doch sie sieht auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft noch große Herausforderungen: „Die Umstellung auf die Kreislaufwirtschaft ist eine Systemtransformation.“ Eine solche Transformation müsse politisch gesteuert werden, um die Gesellschaft mitzunehmen. „Es hilft nicht, wenn viele heute Nachhaltigkeit mit Regulierung gleichsetzen“, gibt sie zu bedenken.
Siemens will hier mit gutem Beispiel vorangehen: „Wenn wir Züge zurücknehmen, werden wir sie zerlegen, um die vielen Rohstoffe zurückzugewinnen. Wir haben schon einen Marktplatz, auf dem wir die gebrauchten Ersatzteile verkaufen“, berichtet Riesenhuber. Nachhaltig ist für sie auch die Software für Stromnetze, mit der sich aus den bestehenden Netzen 30 Prozent mehr Strom gewinnen lasse. Das senke den Bedarf zum Ausbau der Stromnetze.
Ähnliche Angebote hat Siemens für den Energiebedarf in Gebäuden. Ein Krankenhaus könne damit seine jährlichen Stromkosten um mehrere Hunderttausend Euro senken. Ein konkretes Beispiel ist das St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin: Im Rahmen des Energieeffizienzprojektes konnten 1300 Tonnen an CO₂-Emissionen vermieden und jährliche Kosten von 300.000 Euro eingespart werden.
Als weiteres Beispiel nennt Riesenhuber die Siemens-Systeme zur Erkennung von Wasserlecks, mit denen sich die undichten Stellen in Wasserrohren sehr schnell ausfindig machen lassen. Das sei enorm wichtig, wenn zum Beispiel in Italien dadurch 40 Prozent des Süßwassers in den Trinkwassersystemen verloren gehen. „Das können wir uns angesichts der zunehmenden Wasserknappheit nicht leisten.“
Mehr eingespart, als Deutschland ausstößt
Siemens will durch seine Produkte 1000 Megatonnen CO₂-Emissionen bei seinen Kunden bis zum Jahr 2030 vermeiden. „Hier sind wir auf einem guten Weg, das Ziel schon früher zu erreichen“, zeigt sich Riesenhuber überzeugt. In den vergangenen drei Jahren habe Siemens schon knapp 700 Megatonnen eingespart. Das sei mehr als der jährliche CO₂-Ausstoß von Deutschland.
Nachhaltigkeit bedeutet für Siemens nach ihren Worten die Transformation des Geschäftsportfolios sowie die des Konzerns selbst. Der Konzern baut Züge, automatisiert die Industrie und elektrifiziert Gebäude und Infrastruktur. „Bis zum Jahr 2030 wollen wir im Einklang mit den Zielen der Climate Group sein: eine vollständige elektrische Flotte, nur erneuerbare Energien verbrauchen sowie die Produktions- und Gebäudeumstellung auf Energieeffizienz und Dekarbonisierung.“ Diese Ambitionen spiegelten sich in dem Siemens-Ziel wider, bis 2030 den Ausstoß von CO₂ im operativen Geschäft um 90 Prozent zu reduzieren.
Darüber hinaus richtet der Konzern sein Portfolio auf die Kreislaufwirtschaft aus. „Unsere sehr langlebigen Produkte wie zum Beispiel die Züge müssen, wenn sie uns nach 20 oder 30 Jahren zurückgegeben werden, in der ein oder anderen Form wiederverwertbar sein“, sagt Riesenhuber. Sie nennt ein Beispiel: Einzelne Komponenten und eingesetzte Rohstoffe sollten trennbar sein, um dann entweder auf Sekundärmarktplätzen verkauft zu werden oder über Recycling wieder in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden zu können. Das erfordere eine strategische Planung und ein entsprechendes Produktdesign. „Zu viel Müll in einem Produkt stellt für uns einen Designfehler dar.“