Die Wahl von Alice Weidel zur Bundeskanzlerin könne für Frauen ermutigend wirken – so wurde Alice Schwarzer kürzlich zitiert. Ihre Aussagen seien aus dem Kontext gerissen worden, sagt die Frauenrechtlerin nun.
Frauenrechtlerin Alice Schwarzer hat betont, sich gegen AfD-Chefin Alice Weidel als mögliche Bundeskanzlerin auszusprechen. Im Interview mit dem „Tagesspiegel“ sagte sie: „Dass ich persönlich eine Kanzlerin Weidel nicht ermutigend finde, dürfte bekannt sein. Ich finde ja die gesamte AfD eine Katastrophe und bedauere, dass sie durch eine in Teilen unrealistische Migrationspolitik so wachsen konnte.“
Schwarzer reagierte damit auf die Aussagen, mit denen sie wenige Tage zuvor vom „Spiegel“ zitiert wurde. Im „Spitzengespräch“ mit Markus Feldenkirchen hatte Schwarzer zu einer möglichen Kanzlerschaft von Weidel gesagt, trotz politischer Differenzen einen positiven Effekt für Frauen zu sehen. „Es hätte trotz alledem vermutlich auch den Effekt, ermutigend für Frauen zu sein“, wurde sie zitiert.
Schwarzer stellte nun klar: „Das ist aus dem Kontext gerissen. Ich habe auf die Frage des Kollegen Feldenkirchen, ob eine Kanzlerin Weidel ermutigend für Frauen wäre, geantwortet, das sei schwierig zu sagen, aber vermutlich trotz alledem Ja.“
Schwarzer erklärte im Gespräch mit dem „Tagesspiegel“ auch, in ihrem Leben „manchmal Menschen unrecht getan“ zu haben. Politische Fehler habe sie aber nie begangen. Schwarzer verteidigte dabei auch die Petition, die sie 2023 zusammen mit Sahra Wagenknecht initiiert und mit der sie den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz aufgefordert hatte, die „Eskalation der Waffenlieferungen“ an Russland zu stoppen und sich für Friedensverhandlungen einzusetzen.
Auf die Frage des „Tagesspiegel“, ob sie sich damit nicht auch für den russischen Präsidenten Wladimir Putin starkgemacht habe, antwortete Schwarzer: „Für Putin? Für Verhandlungen statt noch mehr Waffen! Und wie recht wir damit hatten und haben, sehen wir ja ein paar Hunderttausend Tote später. Nein, auf mein Engagement für Frieden in der Ukraine bin ich stolz!“
„Ein interessanter Sport für Frauen, Männern gelassen zu begegnen“
Schwarzer bekräftigte ihre Kritik gegenüber einer Frauenquote. „Ich kenne die Jungs. Sie setzen schwache Frauen auf Quotenplätze und sagen: ‚Ha, Alice, siehst du! Konnte ja nicht funktionieren.‘“
Schwarzer betonte, dass es für sie nur zwei biologische Geschlechter gebe. „Aber es gibt viele, viele Geschlechterrollen. Für deren Vielfalt, unabhängig vom biologischen Geschlecht, hat niemand sich so radikal eingesetzt wie wir Feministinnen“, sagte sie. Dass es immer mehr transsexuelle Personen gebe, liege daran, dass man Menschen einrede, das falsche Geschlecht zu haben. „Es sind 80 Prozent Mädchen, die irritiert sind von ihrer Geschlechterrolle. In der modernen Transberatung sagt man denen dann: Wenn es so ist, du gerne Fußball spielst und in deine beste Freundin verliebt bist, bist du natürlich ein Mann. So ein Unsinn. Und ich frage mich, wie diese Debatte so eskalieren konnte.“
Die Frauenbewegung habe in den vergangenen 50 Jahren „wahnsinnig viel erreicht.“ „Wir Frauen sind rechtlich gleichberechtigt – auch wenn es mit der Rechtsprechung noch im Argen liegt. Wir verdienen bei gleicher Tätigkeit ‚nur‘ noch sieben Prozent weniger.“ Doch noch immer sei jede dritte Frau Opfer von Gewalt durch den eigenen Mann. Eine Entwicklung halte sie dabei für besonders fatal: „Viele junge Frauen halten heute Schlagen und Würgen in der Sexualität für normal. Das ist schockierend. Da, auf unserem Körper, spielt sich der Backlash ab.“ Die weite Verbreitung von Pornografie, die Erniedrigung und Gewalt beinhalte, sei eine „Katastrophe“.
nw
Source: welt.de