Geplantes Referendum übrig Beitritt: Fischereipolitik dieser EU schreckt Isländer ab

Stand: 16.03.2026 • 07:13 Uhr

Im August will Islands Regierung abstimmen lassen, ob die einst abgebrochenen Beitrittsverhandlungen mit der EU wieder aufgenommen werden. Viele Isländer sehen einen Beitritt weiter skeptisch.

Erlingur Steingrímsson treibt im Zusammenhang mit einem möglichen EU-Beitritt vor allem eine Frage um: die Fischereirechte. Das sei das wichtigste Thema für Menschen wie ihn in Island, sagt der Seemann in Rente. „Für uns würde der Beitritt wohl bedeuten, dass die EU uns Makrelen- und Heringsquoten vorgibt. Und im Gegenzug kämen sie zum Fischen zu uns. Das ist etwas, das wir nicht wollen.“

Am 29. August will Islands sozialliberale Regierungskoalition ein Referendum ansetzen und darüber abstimmen lassen, ob das Land die Beitrittsgespräche mit der Europäischen Union wieder aufnimmt. Nach der Finanzkrise 2009 hatte Island schon einmal mit der EU verhandelt. 2013 wurden die Gespräche abgebrochen, auch damals unter anderem wegen Differenzen bei der Fischereipolitik.

Referendum kommt früher als geplant

Die jetzige Regierung hatte bei ihrem Amtsantritt ein Referendum bis spätestens 2027 versprochen. Nun soll es deutlich schneller gehen. „Ich möchte betonen, dass wir eine Regierung sind, die Dinge zu Ende bringt“, sagte Außenministerin Thorgerdur Gunnarsdóttir von der Liberalen Reformpartei (Vidreisn) bei einer Pressekonferenz Anfang März. „Wir sind sicher, dass wir auch diese Angelegenheit zu Ende bringen können. Ende des Sommers ist es an der Nation, zu entscheiden. Es ein Prozess, der allein vom Willen des isländischen Volkes abhängt.“

Dem Termin für die Volksabstimmung muss noch das isländische Parlament zustimmen, der Beschluss steht noch aus. Dass die Regierung das Referendum vorziehen will, hat auch mit der angespannten weltpolitischen Lage zu tun. Island ist Mitglied der NATO, hat aber kein eigenes Militär. Die Sicherheit des Inselstaates mit knapp 400.000 Einwohnern wird vor allem durch das Militärbündnis gewährleistet.

Durch Trumps Grönland-Pläne aufgeschreckt

Die Ansprüche von US-Präsident Donald Trump auf das benachbarte Grönland hätten auch in Island viele erschreckt, sagt Maximilian Conrad. Der Deutsche ist Professor an der Universität Island und forscht unter anderem zur europäischen Integration. Schon nach Trumps ersten Bemerkungen im Januar 2025 sei man in Island nervös geworden und habe sich gefragt, was dies für die NATO und Islands Position in der Welt zu bedeuten habe. „Da wurde dann eben auch die EU-Frage wieder aktueller“, so der Politikwissenschaftler.

Island sei traditionell ein eher europaskeptisches Land. „Und von der Nein-Seite wird es auch immer so dargestellt, dass die Garantie für Frieden in Europa nie die EU war, sondern immer die NATO. Ich glaube, vor dem Hintergrund solcher Narrative oder Diskurse ist es sehr interessant zu diskutieren, dass die USA auf einmal kein verlässlicher Partner mehr sind,“ sagt Conrad. Für die Regierung mit zwei traditionell europafreundlichen Parteien sei nun einfach die Gelegenheit gekommen. „Sie hoffen, auch die anderen zu überzeugen, die eher skeptisch sind, einfach aus sicherheitspolitischen Aspekten.“

Unsicherheit und Fragen in der Bevölkerung

Island arbeitet über den europäischen Wirtschaftsraum schon jetzt eng mit Brüssel zusammen und ist auch Teil des Schengen-Raums. Wenn es um den Beitritt zur EU geht, ist bei vielen Isländerinnen und Isländern aber noch Überzeugungsarbeit nötig. „Ich sehe die EU nicht als Lösung für Islands Verteidigungsfragen“, sagt etwa der 47-jährige Magnús Viðar Skúlason. „Ich kann in dieser Hinsicht nichts erkennen, bei dem ich der Meinung bin, dass es für Island ein Vorteil wäre, zur Europäischen Union zu gehören.“

Er sei der Ansicht, „dass die Interessen des Landes mit der Regelung, die wir jetzt haben, einfach besser gewahrt sind – als eigenständige Nation, die die Kontrolle über ihre eigenen Ressourcen hat“.

Auch Erna Lilja Magnusdóttir findet, dass Island nicht der EU beitreten sollte. „Ich habe das Gefühl, dass ich einfach nicht genug darüber weiß, was das für Island bedeuten würde“, erklärt die 19-Jährige. Sie frage sich auch, ob eine kleine Nation wie Island in einer so großen Gemeinschaft nicht einfach untergehe: „Das ist das, worüber ich mir Sorgen mache.“

Agla Marta Sigurjónsdóttir wünscht sich ebenfalls mehr Informationen, bevor sie eine Entscheidung trifft. „Ich fände es in Ordnung zu wissen, was sie uns anbieten“, sagt die 48-Jährige. „Aber ich befürchte, dass wir in der EU nicht besser gestellt wären als jetzt. Im Moment neige ich eher zur negativen Seite.“

Kein klares Stimmungsbild

In Meinungsumfragen haben sich zuletzt knapp die Hälfte der befragten Isländer für eine EU-Mitgliedschaft ausgesprochen. Vor dem endgültigen Beitritt würde es noch eine zweite Volksabstimmung geben, hat die Regierung versprochen. Im August soll es erst einmal nur um neue Verhandlungen gehen – und die können sich deutlich mehr Menschen vorstellen.

Auch der frühere Seemann Erlingur Steingrímsson sieht sich allen Zweifeln zum Trotz klar als Europäer. „Wenn wir uns stärker mit einer Gruppe verbinden sollen, dann bitte mit Europa und nicht mit den Vereinigten Staaten“, sagt der 76-Jährige. „Ich würde für die EU stimmen.“

Source: tagesschau.de