Was haben die Kegelrobbe, der europäische Faschismus, die britische Geburtenrate, der Abwasch im modernen Haushalt, die deutsche Langstreckenrakete V2 oder der Dichter Ezra Pound mit Heiratsanzeigen in der Zeitschrift „Matrimonial Post“ gemeinsam? Sie alle sind, mit sehr viel weiteren und anderen Themen, Gegenstand der legendären Kolumne gewesen, die George Orwell Anfang bis Mitte der Vierzigerjahre im sozialistischen Londoner Wochenblatt „The Tribune“ unterhielt. Schon länger war er dort als freier Autor tätig.
Im Dezember 1943 – da war er vierzigjährig und durch seine Reportagen und Romane schon eine Institution, wenngleich seine bekanntesten Werke noch bevorstanden – wurde er Literaturredakteur bei der „Tribune“ und fühlte sich, wie er rückblickend schrieb, als sei er vom Gefängnisinsassen zum Direktor der Haftanstalt aufgestiegen.
Wie stößt man möglichst viele Leser vor den Kopf?
Die neugewonnene Freiheit nutzt er, um endlich nur noch das zu schreiben, was ihm selbst gefällt. Den Leitspruch „As I Please“ wählt er daher selbstbewusst zum Titelmotto der Kolumne und setzt sich fortan mit der Themen- sowie Wortwahl eigensinnig über die Erwartungen, Empfindlichkeiten oder Meinungen der Leserschaft hinweg. Orwell sei der einzige Mensch im Londoner Zeitungsbusiness gewesen, der stets mit dem festen Vorsatz in die Redaktion kam, allwöchentlich so viele Leser wie nur möglich vor den Kopf zu stoßen: So beschreibt Michael Foot, der ein paar Jahre später Herausgeber der „Tribune“ wurde (und Jahrzehnte später Vorsitzender der Labour Party), die durchschlagende Wirkung der Kolumne. Der Übersetzer und Herausgeber Lutz-W. Wolff, der jetzt eine schöne Auswahl dieser Texte zusammen mit weiteren journalistischen Arbeiten aus Orwells letzten Lebensjahren kundig präsentiert, stellt Foots Urteil an den Anfang seiner Ausgabe. Sie bietet uns beste Gelegenheit, den eigenen Kopf durch starke Denkanstöße in Bewegung bringen zu lassen.
Den nichtssagenden deutschen Titel „Zeilen der Zeit“ kann man jedenfalls getrost beiseitelassen. So selbstverständlich wie sich Zeitungstexte stets auf ihre Zeit einlassen, so fesselnd wie erhellend ist ihre Lektüre auch noch achtzig Jahre später, sofern es gute Texte und bewegte Zeiten sind. Beides trifft hier in hohem Maße zu. Nicht selten entstanden die Artikel, währenddessen deutsche Raketen vor dem Redaktionsfenster vorbeidröhnten. Nach dem Krieg erinnert sich Orwell „an die häufigen Gelegenheiten, bei denen wir zu dritt in der Ecke in Deckung gingen, wenn die Doodlebugs über uns wegflogen. Wie schön war es jedes Mal, wenn die Bombe dann irgendwo explodiert war und das friedliche Klappern der Schreibmaschine von Neuem begann“. In einigen der stärksten Texte meint man, solche Vibrationen heute noch zu spüren.
Kriegsverbrecher hinzurichten fand Orwell barbarisch
Worüber Orwell schreibt, wird einerseits vom übermächtigen Ereignisdruck der letzten Kriegsjahre sowie der frühen Nachkriegszeit bestimmt, den Hoffnungen wie den Verheerungen, die sie befördern und bedingen. Dabei richtet er den Blick mit bemerkenswerter Konsequenz oft auf die Kehrseiten aktueller Großentwicklungen, beispielsweise wenn er schildert, wie sich amerikanische Soldaten, die seit Ende 1943 in Vorbereitung auf den D-Day massenhaft in England stationiert werden, wie eine Besatzungsmacht aufführen, oder wenn er 1946 anprangert, wie die deutsche Bevölkerung in der britischen Besatzungszone Hunger leide, was er selbst zu Zeiten, da in Großbritannien strenge Lebensmittelrationierung herrscht, unmenschlich und politisch unklug findet. Und sogar die Hinrichtung von Kriegsverbrechern, auch wenn er deren Tun verabscheut, gibt ihm Anlass, das Erhängen als barbarische Vollstreckungsmethode zu brandmarken.
Andererseits schreibt er über alles, auch Alltägliches und scheinbar Abgelegenes, was ihn sonst noch so beschäftigt und bewegt, und das schließt bei diesem intellektuellen Omnivoren wirklich sehr viel ein. Keine Kröte ist zu klein, keine Tasse Tee zu simpel, um nicht für einen Artikel zu taugen und Anlass zu weitgespannter Reflexion zu bieten. Einer der anrührendsten Texte, elf Monate nach Kriegsende erschienen, beschreibt das erste Frühlingserwachen in entbehrungsreichen Friedenszeiten, als sich mit dem Krötenlaichen im Londoner Trümmerfeld endlich wieder Hoffnungszeichen der Natur regen: „Das Schönste ist, dass die Freude am Frühling für alle verfügbar ist und nichts kostet.“ Drei Monate zuvor erklärt er mit genauen Anweisungen für Zubereitung und Genuss, was eine Tasse Tee nicht nur gut, sondern zu einem Eckpfeiler der Zivilisation macht. Nicht erst mit dieser Hingabe erweist der Autor sich als eingefleischter englischer Traditionalist, der, wie schon die Zeitgenossen spotteten, in allem außer seinen politischen Ansichten zutiefst konservativ ist.
Doch Häme oder Gegenwind haben Orwell niemals angefochten und auch nie daran gehindert, sich zu eigenen Irrtümern zu bekennen, denn Engagement geht für ihn stets mit Zeitverbundenheit einher: „Eine gute Methode, um sich zu beweisen, dass man unfehlbar ist, besteht darin,“ wie er bemerkt, „dass man kein Tagebuch schreibt.“ Immer meinungsstark und oft verwegen, zuweilen auch verstiegen oder trotzig, bietet er in den Kolumnen nicht nur einprägsame Aphorismen (wie „Die schnellste Möglichkeit, einen Krieg zu beenden, besteht darin, ihn zu verlieren“), sondern auch bemerkenswert hellsichtige Analysen und sogar Prognosen, die just in unsern aktuellen Kriegszeiten erneut Relevanz gewinnen, so wenn er die amerikanische Tendenz festhält, „Größe um ihrer selbst willen zu bewundern und Erfolg für eine Rechtfertigung per se zu halten“, oder wenn er 76 Jahre vor ChatGPT spekuliert: „Der menschliche Erfindergeist wird sicher bald Maschinen hervorbringen, die selbständig Bücher schreiben.“
Etliche der hier versammelten Artikel, etwa über Zensur und die Rolle von Intellektuellen im Totalitarismus, sind auch deshalb von Belang, weil sie in den letzten Lebensjahren zeitgleich zu „Animal Farm“ und „1984“ entstanden sind – während der Autor, seit einem Lungendurchschuss aus dem Spanischen Bürgerkrieg von stark angegriffener Gesundheit, täglich um seine Überlebensenergien ringt.
Dennoch schreibt er rastlos weiter und hinterlässt ein packendes Werk, das weit über die beiden bekannten Romanerfolge hinausreicht. Das bezeugt der aktuelle Auswahlband. Wo man ihn aufschlägt, liest man sich fest.
George Orwell: „Zeilen der Zeit“. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch.
Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff.Reclam Verlag, Ditzingen 2026. 268 S., geb., 25,– €.
Source: faz.net