Geopolitik: Überdehnte Großmächte

Bisher ist die Neuverschuldung der Vereinigten Staaten für das laufende Fiskaljahr mit 1.900 Milliarden Dollar veranschlagt. Dieser Betrag wird vermutlich nicht reichen, weil allein das Pentagon wegen des Kriegs gegen den Iran einen Mehrbedarf angemeldet hat und sich die steigenden Renditen am Anleihemarkt in höheren Zinsausgaben für Staatsanleihen niederschlagen werden. Der von kurzfristiger Volatilität begleitete Anstieg der Anleiherenditen reflektiert den wachsenden Hunger des amerikanischen Staates nach neuen Schulden, aber auch die Erwartung einer höheren Inflationsrate. Die Hoffnung Donald Trumps auf weiter fallende Leitzinsen dürfte sich so schnell nicht erfüllen.

Die Folgen dieser Entwicklung lassen sich am amerikanischen Markt für Staatsanleihen, dem wichtigsten Finanzmarkt der Welt besichtigen. Dort sind in den vergangenen Wochen mehrere Versteigerungen neuer Papiere auf eine niedrige Nachfrage gestoßen. Teilnehmer berichten von einer niedrigeren Liquidität in einem Markt, der über Jahrzehnte für Anleger rund um den Globus als der sicherste Hafen in schwierigen Zeiten angesehen wurde.

Amerikas Schulden dürften weiter steigen

Diese Vorgänge sind heute nicht krisenhafter Natur. Doch sie bekräftigen ebenso wie die Nachrichten über Schwierigkeiten, zur Neige gehende Munitionsbestände schnell auffüllen zu können, das Bild einer Supermacht, die schon seit einiger Zeit über ihre Verhältnisse lebt.

Die Regierung Trump war mit dieser Erkenntnis zunächst angetreten, um sie jetzt in den Wind zu schlagen. Die Zolleinnahmen werden ebenso wenig wie Gedankenspiele über die Aneignung physischer Ressourcen – erst Grönland, dann Venezuela, jetzt der Iran – ausreichen, um den Pfad einer kräftig steigenden Staatsverschuldung zu verlassen.

Russland wird als Exporteur von Öl und Gas als ein Profiteur der steigenden Preise für fossile Energieträger benannt. Gleichzeitig kursieren, von Moskau dementierte, Berichte über eine Aufforderung Wladimir Putins an Oligarchen, für den russischen Staatshaushalt Geld zu spenden. Unbestreitbar kostet ein vier Jahre währender Abnutzungskrieg auch dann viel Geld, wenn er nicht als Krieg, sondern als spezielle Militäroperation bezeichnet wird.

Russlands Potentialwachstum dürfte weiter sinkt

Die jüngsten Daten aus Moskau sprechen für eine schwache Wirtschaft bei hoher Inflation und einem Leitzins, der mit 15 Prozent nicht zu Investitionen einlädt. Langfristig dürften sich die Verluste von jungen Männern an der Front in einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft in einem Rückgang des Potentialwachstums niederschlagen. Doch schon jetzt erreicht die russische Wirtschaftsleistung trotz einer deutlich größeren Bevölkerung nicht einmal die italienische. Bundeskanzler Friedrich Merz hat auf dem jüngsten F.A.Z.-Kongress die Möglichkeit eines Endes des Ukrainekriegs durch wirtschaftliche Erschöpfung Russlands erwähnt. Absurd ist diese Vorstellung nicht.

Eine Überdehnung der russischen Ressourcen lässt sich nicht nur aus einer schwierigen Wirtschaftslage und der Unfähigkeit, auch nach vier Jahren den gesamten Donbass zu erobern, ableiten. Moskau kann den geopolitischen Verwerfungen kaum etwas entgegensetzen.

Venezuela ist als Verbündeter (und Waffenkäufer) schon verloren, Kuba wird vermutlich bald verloren gehen. Moskau verhandelt mit dem neuen Regime in Syrien über die Nutzung seiner Militärbasen, aber selbst im Falle einer Einigung wird das neue Syrien sich nicht mehr in einer Abhängigkeit von Moskau befinden wie das alte Syrien des Assad-Clans. Und selbst wenn das gegenwärtige Regime im Iran den Krieg überstehen sollte, wird es auf lange Zeit samt seiner militärischen Vorfeldorganisationen geschwächt bleiben. Große Unterstützung hat der russische Verbündete bisher nicht leisten können.

Auch Chinas Ressourcen sind überdehnt

Eine Überdehnung der Ressourcen ließe sich auch für die Volksrepublik China konstatieren. Die besonders in Europa gefürchtete Exportoffensive um nahezu jeden Preis lässt sich ebenso als Zeichen von Stärke im Sinne internationaler Wettbewerbsfähigkeit wie auch als verzweifelte Reaktion auf eine erhebliche Fehllenkung von Ressourcen in einem Binnenmarkt verstehen, der unter einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung leidet.

Überdehnungen von Großmächten sind keine gute Nachrichten für Mittelmächte. Ökonomische Malaisen großer Mächte beeinträchtigen nicht nur den Lauf der Weltwirtschaft, sie laden die Großen auch dazu ein, durch Konflikte im Äußeren von Misserfolgen im Inneren abzulenken. Es dürfte nicht nur für die Großmächte ungemütlich bleiben.

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