Benjamin Otto übernimmt von Vater Michael die strategische Führung des großen Hamburger Versandhandels. Gleich zu Beginn dürfte ein umfangreicher Stellenabbau anstehen.
Zum März vollzieht die Otto Group den schon lange angekündigten Wechsel an der Spitze ihrer Gremien: Der 50‑jährige Benjamin Otto wird Vorsitzender des Stiftungs‑ und Gesellschafterrats und übernimmt damit die strategische Führung des Handelskonzerns. Mehrheitseigentümerin der Gruppe ist die Stiftung, deren Stiftungsrat er künftig ebenfalls vorsitzt.
Mit dem Schritt endet eine lange Ära der direkten Verantwortung durch Michael Otto. Der 82‑Jährige, der über mehr als fünf Jahrzehnte die Entwicklung vom klassischen Versandhandel zum internationalen Konzern geprägt hat, bleibt Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats und will sich, wie angekündigt, stärker Stiftungsaktivitäten widmen. Der Ehrenbürger Hamburgs steht damit weiterhin für die Bindung des Konzerns an die Stadt, ohne operativ einzugreifen.
Der künftige Gremienchef Benjamin Otto hat eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert und in London International Business studiert. Unternehmerisch trat er früh als Gründer auf; mit aufgebaut hat er auch den Onlinemodehändler About You, der inzwischen vom Wettbewerber Zalando übernommen wurde. Dem Stiftungs‑ und Gesellschafterrat gehört er seit mehr als einem Jahrzehnt an. Zudem wird seine Frau Janina Lin Otto künftig dem Aufsichtsrat der Otto Group angehören.
Parallel zum Generationswechsel stellt die Gruppe ihre Führung breiter auf. Bereits im Vorjahr wurde Finanzchefin Petra Scharner‑Wolff (55) zur neuen Konzernlenkerin befördert – mit dem ausdrücklich formulierten Ziel, die Otto Group profitabler zu machen. Die Weichenstellung in der Eigentümerfamilie und die personelle Neuordnung im Vorstand hängen zusammen: Die strategische Aufsicht wird konzentriert, das operative Geschäft rückt zugleich stärker auf Ergebniskurs.
Dazu gehört ein tiefgreifender Umbau im Kerngeschäft. Die gleichnamige Handelsplattform otto.de bleibt mit rund sieben Milliarden Euro Außenumsatz die mit Abstand größte Tochter des Konzerns. Unter dem internen Arbeitstitel „Elevate“ sollen die Kosten um 110 Millionen Euro gesenkt werden, wie das „Manager Magazin“ berichtet; vorgesehen ist demnach der Abbau von 458 Vollzeitstellen, eine Verkündung soll zeitnah erfolgen. Teile der IT sollen in die konzerneigene Einheit one.O verlagert werden. Bereits im Vorjahr hatte die Gruppe rund 450 Stellen im Kundenservicezentrum abgebaut. Zusammengenommen sinkt die Belegschaft damit um etwa 20 Prozent. Ein Mitglied des Konzernaufsichtsrats spricht dem Bericht zufolge in diesem Zusammenhang von einem Ausmaß, das es so bei Otto bislang nicht gegeben habe.
Die Maßnahmen markieren einen Kurs, der im Unternehmen als Ausdruck des Generationswechsels verstanden wird: Die Familie führt die Gruppe weiterhin über ihre Gremien, verbindet die Kontinuität des Stiftungsmodells mit strafferen wirtschaftlichen Zielen – und unterlegt dies operativ mit Einschnitten, die auf dauerhafte Kostenstabilität und Effizienz zielen. Unter der Regie von Michael Otto seien, so ist aus dem Unternehmen zu hören, auch wirtschaftlich schwierige Bereiche lange weiterbetrieben worden. Das könnte nun ein Ende haben.
Source: welt.de