Was macht einer, der die Welt verändert hat, als Nächstes? Im Fall von Jonathan Haidt dürfte die Antwort wohl lauten: Er versucht, die Veränderung zu verstetigen. Seit der New Yorker Sozialpsychologe 2024 in seinem Buch „Generation Angst“ vor den Gefahren sozialer Medien und Smartphones für Jugendliche gewarnt hat, ist die Welt eine andere. Fast 100 Wochen hält sich das Sachbuch in der Bestsellerliste der „New York Times“ und wirkt wie ein Katalysator für politische Taten: Einige US-Bundesstaaten haben Regeln für soziale Medien verschärft, Haidts Titel gilt als Blaupause für Australiens Social-Media-Verbot, und während die EU über ähnliche Schritte debattiert, lässt sich Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit dem Buch in der Hand ablichten.
Haidt hatte den richtigen Gedanken, er zieht Institutionen auf seine Seite. Was aber für eine langfristige Veränderung fehlt, ist der kulturelle Wandel. In seinem neuen Buch spricht er folgerichtig direkt Kinder und Jugendliche an. Man kann es als Versuch lesen, auch sie auf seine Seite zu bringen.
„Hast du Lust, bei den Aufständischen mitzumachen?“
Dieser Versuch trägt den Titel „Generation Glücklich“, Haidt hat ihn mit der Autorin und Wissenschaftsjournalistin Catherine Price geschrieben. Sie beschreiben den kulturellen Wandel, den sie anstreben, als Rebellion. Ihre Vision: Junge Leute kehren Instagram, Tiktok und anderen Werkzeugen der „Tech-Giganten“ den Rücken, um in der echten Welt zu leben. „Hast du Lust, bei den Aufständischen mitzumachen? Dieses Buch ist Dein Schlüssel.“ So leiten die Autoren den ersten von drei Teilen ein.
Der behandelt die große Erzählung von der „Neuverdrahtung“: Die einst heile, „spielbasierte“ Kindheit, in der man draußen ohne Aufsicht der Eltern Spaß hatte, sei durch den Einfluss der Technologie zur „smartphonebasierten Kindheit“ geworden. Das ist wie gewohnt packend und zudem kindgerecht in kurzen Kapiteln erzählt. Während sich Haidt bei der „Generation Angst“ aus wissenschaftlicher Sicht vorwerfen lassen musste, den Einfluss sozialer Medien auf die Psyche Jugendlicher übertrieben darzustellen, formuliert er nun gemeinsam mit Price erstaunlich vorsichtig: Mache Wissenschaftler würden „sich fragen“, ob es einen Zusammenhang zwischen der Zeit, die junge Menschen mit Smartphones verbringen, und dem Anstieg psychischer Leiden gebe.
Der zweite Teil behandelt die „Geheimnisse der Tech-Giganten“ und könnte für Leser die Antwort auf die Frage sein: Wenn die sozialen Medien so schlimm sind – warum verbringe ich dort so gerne meine Zeit? Die Autoren erklären, wie die Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert oder wie Internetplattformen den Dopaminkreislauf im Körper ausnutzen. Damit leistet das Buch das, was viele von Schulen erwarten: Es vermittelt Medienkompetenz.
Gleichzeitig sind die Erklärungen in dem mit 240 Seiten ohnehin recht langen Buch ziemlich ausführlich geraten. Vielleicht gibt es deshalb keine Seite, die nicht durch kleine Elemente unterbrochen ist. Da wären Steckbriefe von „Aufständischen“, also jungen Menschen, die auf Social Media und Handys verzichten, oder eindrückliche Zitate aus der Führungsriege von Technologiekonzernen, die deren Absichten illustrieren – etwa die Aussage der ehemaligen Meta-Managerin Sarah Wynn-Williams, wonach Instagram Mädchen aufspüre, die mit ihrem Körper unzufrieden seien, um ihnen Werbung für Schönheitsprodukte anzuzeigen.
Das dritte Kapitel ist ein Ratgeber mit Tipps, wie man von sozialen Medien wegkommt, aber auch, wie man geeignete Technologie erkenne. Hier formulieren die Autoren drei Fragen: Ist es ein nützliches Hilfsmittel? Kann ich es für echte Freundschaften, Freiheit und Spaß nutzen? Wurde es entwickelt, um süchtig zu machen? Das ist klug, denn so verteufelt das Buch nicht jede moderne Technologie. Die Fragen sind zudem universell genug, um den Umgang mit Anwendungen jenseits sozialer Medien zu schulen – etwa mit Künstlicher Intelligenz. Das Buch könnte somit für die Kinder und Jugendlichen eine große Hilfe sein, die wirklich gewillt sind, auf soziale Medien zu verzichten.
Die Frage ist aber: Kann es auch bei den anderen diesen Willen wecken? Gegen welche kulturelle Macht es da ankämpft, zeigt sich unfreiwillig neben dem Barcode auf der Rückseite: Dort wird der Leser aufgefordert, seine Meinung mit Hashtags und Profilnamen des Verlags zu versehen – also auf Social Media zu verbreiten. Die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie sind so präsent, dass nicht mal ein Buch, das sich dezidiert gegen sie stellt, ihnen entkommen kann.
Daher müssten Price und Haidt den jungen Leuten ein Angebot machen: Wie soll ihre Kultur ohne Social Media aussehen? Doch den Autoren fallen nur Dinge ein wie: Zeit mit Freunden verbringen, wandern, analoge Fotografie, Postkarten, einen Newsletter aufsetzen. Zweifellos alles besser, als Influencern beim Schminken zuzuschauen, aber im Grunde nichts anderes als das positiv verklärte Bild einer Vergangenheit vor der Erfindung des Smartphones mit ein paar Technik-Klecksen. Andererseits ist es von zwei Erwachsenen ohnehin zu viel verlangt, eine Jugendkultur zu erfinden. Das können Jugendliche nur selbst. „Generation Glücklich“ gibt ihnen zumindest Tipps, wo sie die Zeit dafür herbekommen.
Jonathan Haidt, Catherine Price: „Generation Glücklich“. Zuckersüß Verlag, Berlin 2026. 240 S., geb., 24,90 €. Ab 9 J.
Source: faz.net