Die großen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsaussichten für das laufende und das nächste Jahr deutlich gesenkt. Für dieses Jahr erwarten die Ökonomen nur noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts preisbereinigt von 0,6 Prozent, nachdem sie im vergangenen Herbst noch von 1,3 Prozent ausgegangen waren. Damit haben die Institute die Prognose halbiert. Grund für die schlechteren Aussichten sind der andauernde Irankrieg und die damit verbundene Unsicherheit über die zuletzt stark gestiegenen Energiepreise.
Zugleich prognostizieren die Ökonomen einen Anstieg der Inflationsrate in diesem und im kommenden Jahr auf knapp unter drei Prozent. „Der Energiepreisschock im Zuge des Irankriegs trifft die Erholung hart“, erklärte Timo Wollmershäuser, der Konjunkturchef des Ifo-Instituts. Zugleich aber stütze die expansive Fiskalpolitik die Binnenwirtschaft und verhindere ein stärkeres Abrutschen der Wirtschaft.
Die stark gestiegenen Energiepreise belasten nicht nur den privaten Konsum, sondern auch die Unternehmen. Hinzu kommt, dass durch die Verteuerung und die Verknappung des Energieangebots zum Beispiel chemische Vorprodukte teurer werden.
Angesichts der gestiegenen Energiekosten plädieren die Institute in dem Gutachten gegen staatliche Eingriffe, die kurzfristig die Energiepreise senken. Damit würden wichtige Marktsignale für sparsameren Umgang mit Energie außer Kraft gesetzt. Sie plädieren gleichwohl für zielgerichtete soziale Ausgleichsmaßnahmen.
Kürzere Arbeitszeit drückt Produktionspotential
Unabhängig von den kurzfristigen Verwerfungen durch den Energiepreisschock rechnen die Institute damit, dass das Wachstum des Produktionspotentials in Deutschland von derzeit 0,2 Prozent bis Ende des Jahrzehnts vollständig zum Erliegen kommen wird. Mit dieser Prognose sind die Institute noch pessimistischer als etwa der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die sogenannten Wirtschaftsweisen.
Für den Abwärtstrend trägt nach Einschätzung der Ökonomen der Rückgang der Bevölkerung in Deutschland bei, aber auch die sinkende Arbeitszeit je Erwerbstätigen. Das liegt unter anderem daran, dass mit der Alterung der Gesellschaft zunehmend ältere Arbeitnehmer mit einer unterdurchschnittlichen Wochenarbeitszeit berufstätig sind.
Anfang März hatten die Institute in einer Umfrage der F.A.Z. die wirtschaftlichen Folgen des Irankriegs noch weitaus weniger dramatisch eingeschätzt. Damals gingen sie von Wachstumseinbußen von etwa 0,2 oder 0,3 Prozentpunkten aus, während sie nun in der Gemeinschaftsdiagnose einen Abschlag für das Jahr 2026 von 0,7 Prozentpunkten erwarten. Entscheidend für diesen Unterschied ist, dass an den Finanzmärkten die künftig erwarteten Öl- und Gaspreise seither viel stärker gestiegen sind.
Die Gemeinschaftsdiagnose der fünf großen Wirtschaftsforschungsinstitute in Kiel, Berlin, Essen, Halle und München ist Basis für die neue Wachstumsprojektion der Bundesregierung, die ihrerseits Grundlage für die Steuerschätzung darstellt.