Der Markt sagt stets die Wahrheit. So heißt es gerne. In der Theorie ist die Aussage ja auch richtig: Der Aktienkurs eines Unternehmens bildet jederzeit ab, was die Marktteilnehmer im Schnitt derzeit von einer bestimmten Firma halten.
Dieser wichtige Vorzug der Börse allerdings könnte in Zukunft nur noch eingeschränkt gelten. Wie in vielen Fällen kommt auch hier der dazugehörige Trend aus den Vereinigten Staaten.
Konsequenzen, die es in sich haben
Dort hat die Technologiebörse Nasdaq gerade ein recht technisch anmutendes Manöver beschlossen, mit dem man sich attraktiver für Börsengänge machen will: Vom 1. Mai an sollen Unternehmen, die neu an die Börse gehen, schneller in wichtige Aktienbarometer wie den wichtigen Nasdaq-100-Index aufgenommen werden. Bislang kann die Aufnahme bis zu einem Jahr dauern. In Zukunft soll sie dagegen bereits vom 15. Handelstag an möglich sein. Außerdem will die Nasdaq künftig auch Firmen in Aktienbarometer aufnehmen, deren Anteile zu weniger als zehn Prozent frei handelbar sind (Streubesitz).
Die Konsequenzen dieser Maßnahmen haben es in sich. Jedes Unternehmen will heutzutage Teil eines Index sein, da immer mehr Anleger ihr Geld via Indexfonds (ETF) investieren. Und jeder ETF, der ein bestimmtes Aktienbarometer abbildet, muss die darin enthaltenen Gesellschaften in sein Portfolio aufnehmen. Hier aber beginnt das Problem: Durch die schnelle Aufnahme wird eine Art künstliche Nachfrage nach der Aktie geschaffen, die deren Kurs nach oben schießen lässt. Dieser Effekt ist umso stärker, je weniger Anteile sich im Streubesitz befinden. Eine Bewährungszeit vor der Indexaufnahme existiert nicht mehr, in der ein Unternehmen erst einmal beweisen muss, ob es wirklich am Aktienmarkt reüssiert. Ob der Markt darum in Zukunft noch immer stets die Wahrheit sagt, muss man leider stark bezweifeln.
Source: faz.net