Mit Propaganda und Zugangsbeschränkungen gehen Russlands Machthaber gerade gegen den Messengerdienst Telegram vor, den sie zugleich weiter selbst nutzen. Hintergrund ist, dass die Russen nicht in den vom Kreml gewünschten Massen zum neuen „nationalen Messenger“ Max wechseln, der von dem vom Kreml kontrollierten sozialen Netz VK stammt und die Überwachung der Telekommunikation seiner Nutzer sicherstellen soll. Dafür wird Max intensiv beworben. Flankiert wird dies seit Ende Juni 2025 mit Störungen bei Whatsapp und Telegram, und im August blockierte die Medienkontrollbehörde Roskomnadsor die Anruffunktionen der Apps.
Dennoch hatten die beiden Marktführer im Dezember laut dem Dienst Mediascope gut 94,4 Millionen respektive 93,6 Millionen Nutzer in Russland, Max kam auf den dritten Platz mit gut 70 Millionen. Andere Angaben sehen Telegram auf dem ersten Platz mit 105 Millionen Nutzern. Der Dienst ist mit seinen Kanälen, die Nutzer abonnieren können, besonders wichtig für Information und Desinformation in Russland. Max kopiert diese Funktion. Aber gerade bei den Kanälen ist der Reichweitenunterschied besonders groß.
Z-Blogger sind Machthabern Dorn im Auge
Die Zeitung „Kommersant“ zählte im Januar für die wichtigsten 30 Kanäle auf Telegram ein Gesamtpublikum von rund 87 Millionen Abonnenten. Auf Max waren demnach nur 57 Prozent dieser Kanäle vertreten und brachten es dort nur auf ein Gesamtpublikum von 1,4 Millionen. Marktteilnehmer sagten dem „Kommersant“, viele Anbieter und Nutzer seien an Telegram gewöhnt, dort habe sich ein „Netzeffekt“ mit eigenem Werbemarkt und anderen Monetarisierungsmöglichkeiten etabliert. Ende 2025 hieß es, einer der Gründe, warum die Behörden nicht noch weiter gegen Telegram vorgingen, bestehe darin, den Urhebern mehr Zeit zu geben, ihre Kanäle auf Max zu verlagern.
Doch in diesem Monat scheint die Geduld der Machthaber am Ende. Seit gut zwei Wochen wollen sie Whatsapp ganz blockieren und Telegram „konsequent beschränken“. Begründet wird dies in beiden Fällen mit Gesetzesverstößen. Doch das Augenmerk konzentriert sich auf Telegram, wohl wegen der Rolle des Messengers im Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Die sich darin profilierenden sogenannten Z-Blogger erreichen mit ihren Kanälen ein großes Publikum, verdienen auf diese Weise auch mit Werbung viel Geld. Sie klagten, an der Front führten die Beschränkungen gegen Telegram zu Kommunikationsproblemen unter den Soldaten. Unabhängige Beobachter bestätigten, viele Einheiten nutzten eigene Chats, um sich zu koordinieren. Zudem ist Telegram auch für die Außendarstellung von Putins Truppen wichtig.
Doch dürfen keine Probleme offiziell zugegeben werden, wenn nicht einmal die Nutzung eines Dienstes offiziell eingeräumt wird. Daher sagte Präsident Wladimir Putins Sprecher, man könne sich nicht vorstellen, dass „die Frontverbindung mittels Telegram oder eines anderen Messengers gewährleistet wird“. Genauso ungläubig äußerte sich Dmitrij Peskow dazu, als Anfang Februar sogenannte Weißlisten die Invasionsarmee in der Ukraine von der Nutzung des satellitengestützten US-Internetanbieters Starlink ausschlossen. Von „zwei technologischen Schlägen auf einmal für die russischen Truppen in der Ukraine“ sprach daher die Carnegie-Denkfabrik.
Soldaten werben im Staatsfernsehen für Max
Zwar wirbt Putins Machtapparat weiter stark für Max, dennoch führen auch staatliche Stellen zugleich ihre Telegram-Kanäle weiter. Auch der Kreml. Peskow erklärte dies damit, „viele Landsleute im Ausland“ sowie „viele Ausländer“ erreichen zu wollen. Zugleich gab er zu, dass der Kreml-Pressedienst VPN-Umwege nutze, um Putins Kanal zu pflegen. Der den Sicherheitskräften nahestehende Telegram-Kanal Baza schrieb, am 1. April werde Roskomnadsor eine „totale Blockade“ von Telegram beginnen, dann wäre Telegram nur noch per VPN zugänglich wie etwa Instagram und Facebook.
Um eine solche Blockierung vor dem russischen Publikum zu rechtfertigen, ließ das Staatsfernsehen Soldaten auftreten, die kategorisch ausschlossen, Telegram „im Gebiet der speziellen Militäroperation“, der Ukraine also, zu nutzen, um sich nicht zu gefährden, weil Daten in die Hände der Feinde gelangen könnten. Man nutze, behauptete ein Kämpfer, einen „normalen, vaterländischen“ Messenger für die Kommunikation. Gemeint ist Max. Dabei schrieb der armeenahe Kanal Fighterbomber, den Truppen sei verboten worden, Max zu nutzen, und das exilrussische Portal Mediasona bestätigte, dieser Messenger gelte als „nicht hinreichend sicher“.
Hinzu kommt eine Kampagne gegen Pawel Durow persönlich. Dem 40 Jahre alten Milliardär, der einst VK entwickelte, die Anteile aber verkaufen musste und dann Telegram gründete, wirft der Geheimdienst FSB vor, dem „Terrorismus zu helfen“. Über Telegram seien die Anschläge auf neun russische Generäle, auf Schulen und den Konzertsaal Crocus City Hall mit mehr als 140 Toten organisiert worden, hieß es in zwei Zeitungsartikeln.
Durow – der neben der russischen Staatsangehörigkeit auch die der Vereinigten Arabischen Emirate und Frankreichs hat – habe sich nach seiner Festnahme in Frankreich im August 2024 zur Zusammenarbeit mit der EU bereit erklärt, die „Daten von Verbrechern herauszugeben“, aber russische Anfragen ignoriert. 2018 hatte Roskomnadsor schon einmal versucht, Telegram zu blockieren, aufgrund der Weigerung, dem FSB die Entzifferungsschlüssel für die Kommunikation zu geben. Seinerzeit erfolglos.
Gut zwei Jahre darauf gab Moskau den Versuch auf. Das Portal Waschnyje Istorii berichtete jedoch, zwischen 2015 und 2021 sei Durow trotz des Konflikts mehr als 50-mal in sein Heimatland gereist. Durow selbst schrieb auf Telegram, Russland zeige „ein trauriges Schauspiel eines Staats, der vor seinen eigenen Leuten Angst hat“.
Source: faz.net