In der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar ist am Sonntag an die Opfer des NS-Terrors in dem Lager erinnert worden. Dabei warnten Redner wie der Schauspieler Hape Kerkeling und Thüringens Landtagspräsident Thadäus König (CDU) vor einer „Kultur des Wegsehens“ und Ausgrenzung. Im Vorfeld hatte es Kontroversen um die Gedenkveranstaltung gegeben.
Der Schauspieler und Entertainer Hape Kerkeling hat bei der Gedenkfeier für die Opfer des NS-Konzentrationslagers Buchenwald vor einem „Wegsehen“ gegenüber antidemokratischer Tendenzen gewarnt. „Wer heute wegschaut oder jenen applaudiert, die die Geschichte umschreiben wollen, der macht sich mitschuldig“, sagte Kerkeling am Sonntag in der KZ-Gedenkstätte bei Weimar. Demokratie lebe vom mutigen Hinsehen.
Schweigeminute für die Opfer des NS-Konzentrationslagers
Gegen die „Bequemlichkeit des Wegsehens“
Kerkeling, dessen Großvater Hermann Häftling des KZs Buchenwald war und dort am 11. April 1945 die Befreiung erlebte, verwies auf den ersten Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ sei die „direkte Antwort auf Buchenwald, auf Selektion, auf Vernichtung von wertvollen Menschen“. Wer die Zeit der NS-Herrschaft als „Vogelschiss“ herabwürdigen wolle, der greife das Fundament unserer Gesellschaft an. Eine Gesinnung, die ausgrenze und spalte, habe auf dem Boden dieses Landes keine Berechtigung. Demokratie sei ein „Versprechen, das jede Generation gegen die Bequemlichkeit des Wegsehens“ verteidigen müsse.
„Unmenschlichkeit beginnt mit Ausgrenzung“
Bei der Gedenkveranstaltung wandten sich mehrere Redner gegen das Aufkommen autoritäter Strömungen und rechtsextremen und nationalsozialistischen Gedankenguts. So sagte der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, weltweit seit ein Vormarsch autoritärer und nationalistischer Regime zu beobachten. Diesem Strom müsse man sich geschichtsbewusst entgegenstellen und für eine humane, solidarische und freie Gesellschaftsordnung einsetzen.
Stiftungsdirektor Jens-Christian Wagner: für humane Gesellschaft einsetzen.
Die Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD), Lena Carlebach, sagte, Buchenwald symbolisiere einen Tiefpunkt der Menschheit. Doch selbst an diesem Ort habe „etwas vom Menschlichen widerstanden, in einer Welt, in der mit aller Gewalt versucht wurde, Solidarität unter den Menschen zu verhindern“. Der Mut und der Widerstand von Häftlingen des Konzentrationslagers verpflichte die Menschen heute. „Erinnern heißt auch zu verstehen, wie Menschen zu Tätern wurden und wie Menschen zu Verfolgten gemacht wurden“, sagte Carlebach, deren Großvater Emil Carlebach Häftling in Buchenwald war.
Der Präsident des Thüringer Landtages, Thadäus König (CDU), sagte, Buchenwald erinnere auch daran, „dass Unmenschlichkeit mit Feindbildern, Ausgrenzung, abwertender Sprache beginnt“. Sie habe damals in der NS-Zeit damit begonnen, „Menschen zu unterteilen in solche, die dazugehören und solche, die ausgregrenzt werden„.
Auch vor der Gedenkstätte versammelten sich am Sonntag Besucher.
Landtagspräsident: Haltung zeigen gegen NS-Parolen
König sagte, es erschüttere ihn, dass extremes, antisemitisches Denken wieder zunehme und insbesondere unter jungen Menschen sichtbarer werde. „Antisemitische Codes und rassistische Zuschreibungen treten wieder mit einer Deutlichkeit auf, die wir nicht ignorieren können.“ Wenn heute Parolen des Nationalsozialismus auf Schulhöfen gezeigt würden, dann betreffe das die demokratische Kultur insgesamt. Ausgrenzung beginne mit Sprache und mit der Gewöhnung an verletzendes Verhalten. Demgegenüber müsse man Haltung zeigen und Grenzen ziehen und widersprechen, „auch wenn es unbequem ist“. Der Ausschluss von Menschen dürfe nicht wieder zum Leitbild des Handelns werden.
Dank an Erinnerungsarbeit der Überlebenden
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer dankte in seiner Rede dem Buchenwald-Überlebenden Andrei Iwanowitsch Moisskenko aus Belarus für dessen Einsatz zur Erinnerung an die Leiden der KZ-Häftlinge. Moissenko, der demnächst 100 Jahre alt werde, sei ein „wunderbarer Mensch mit einem weiten Herzen“. Die Anwesenheiten von Überlebenden wie Moissenko und Alojzy Maciak aus Polen bei der Gedenkveranstaltung sei ein wichtiges Zeichen der Erinnerung und der Würde. Die Erinnerung an die Naziverbrechen von damals müsse auch in der Zukunft wachgehalten werden.
Dank an KZ-Überlebende für deren Erinnerungsarbeit: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer
Mit der Veranstaltung auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Buchenwald wurde am Sonntag auf die Befreiung des NS-Konzentrationslagers am 11. April vor 81 Jahren erinnert. Mehrere ehemalige Häftlinge, die heute in Israel leben, konnten wegen des Krieges im Nahen Osten nicht ausreisen und mussten ihre Teilnahme absagen.
Kontroversen um Gedenken in Buchenwald
Im Vorfeld der Gedenkveranstaltung hatte es Kontroversen gegeben. So hatte die propalästinensische Organisation „Kufiyas in Buchenwald“ auf dem Gelände des ehemaligen KZ eine Mahnwache geplant, die an diesem Ort von der Stadt Weimar verboten wurde. Stattdessen sollte die Mahnwache auf dem Theaterplatz in Weimar stattfinden, sie wurde jedoch von der Organisation am Sonntagvormittag abgesagt. Ihr ging es nach eigenen Angaben darum, den Israel-Palästina-Konflikt in der Gedenkstätte selbst zu thematisieren. Hintergrund ist, dass im vorigen Jahr einer Frau mit Palästinensertuch („Kufiya“) der Zutritt zum Gelände verweigert wurde.
Statt am Sonntag hatten mehrere Aktivisten nach eigenen Angaben bereits am Samstag auf dem Gedenkstättengelände demonstriert und ein Video davon verbreitet. Ein Sprecher der Gedenkstättenstiftung sagte: „Sie haben genau das getan, weswegen ihnen untersagt wurde, aufs Gelände zu kommen – nämlich Buchenwald mit Gaza verglichen.“ Am Sonntag versammelte sich am Bahnhof laut Polizei ein gutes Dutzend Menschen aus dem propalästinensischen Lager. Außerdem gab es eine proisraelische Demonstration in der Stadt.
Gedenken in Buchenwald am Sonntag
Kulturstaatsminister Weimer in der Kritik
Mehrere Organisationen von ehemaligen KZ-Häftlingen und deren Angehörigen hatten zudem die Teilnahme von Kulturstaatsminister Weimer in Buchenwald kritisiert. Dieser habe es in der Vergangenheit „an Verständnis für die Überlebenden“ der Konzentrationslager vermissen lassen, erklärte etwa der „Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora e.V.“.
Und auch bei der Veranstaltung erfuhr Weimer Gegenwind. Mehrere Menschen buhten ihn aus. Außerdem sangen sie während seiner Rede das Buchenwald-Lied, das 1938 von Häftlingen geschrieben wurde. IKBD-Präsidentin Carlebach kritisierte Weimer direkt: „Wenn Buchhandlungen ohne weitere Erklärung diskreditiert werden, dann gerät etwas ins Wanken.“ Es seien subtile Verschiebungen, wenn Kultur unter Verdacht gerate. Hintergrund ist die Absage des Deutschen Buchhandlungspreises, nachdem Weimer drei linke Läden von der Preisträgerliste hatte streichen lassen mit allgemeinem Verweis auf „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ über sie.
Demonstration vor der Gedenkstätte
Angesichts der Debatten und Kontroversen rief Stiftungsdirektor Wagner zu Beginn der Gedenkveranstaltung am Sonntag dazu auf, das Gedenken an die Opfer etwa durch das Zeigen von Flaggen und Transparenten nicht zu politisieren. Im Zentrum sollten die Opfer und die Überlebenden stehen, sagte er.
MDR (woh/Luk/dr)/dpa
Source: tagesschau.de