Nicht jeder öffentliche Raum ist per se ein politischer Raum, aber der öffentliche Raum ist eine notwendige Bedingung für Politik. Politik entsteht dann, wenn Sichtbarkeit, Rede und Widerspruch möglich sind. Dass die Berlinale kein politischer Raum sei, ist Unsinn. Schon deshalb, weil ihre Repräsentanten sich in den vergangenen Jahren wiederholt ausdrücklich politisch positioniert haben.
Dass daraus jedoch folgen soll, eine kulturelle Institution wäre verpflichtet, sich zu jedem globalen Konflikt, sei er auch noch so zentral, zu positionieren, ist gleichfalls Unsinn. Öffentlichkeit schafft keinen Bekenntniszwang. Wer dennoch einen solchen fordert – wie bei der Berlinale der Youtube-Aktivist Tilo Jung, der seine Gaza-Obsession immer wieder in alle möglichen Presseveranstaltungen hineinträgt –, ist nicht an politischer Auseinandersetzung interessiert, weil er an die Stelle des Dissenses ein Tribunal moralischer Eindeutigkeit setzen möchte.
Der Gaza-Aktivismus folgt nun schon seit geraumer Zeit demselben Drehbuch. Auf die Provokation des geforderten Bekenntniszwangs folgt die Empörung, dann sagt jemand aus Empörung seine Teilnahme ab – im aktuellen Fall die indische Schriftstellerin Arundhati Roy –, um die eigene Reinheit nicht zu kontaminieren, und schließlich veröffentlichen einige Prominente einen offenen Brief. Es geht um Anklage und Scham, um symbolische Gefolgschaft und Unterwerfung.
Die richtende Gewalt
Das absolut Böse in Gestalt eines Genozids erfordert diese Maßnahmen, legitimiert diese Spielregeln, so die Annahme. Dass jedoch nicht einmal unterschieden wird zwischen Kriegsverbrechen und Genozid, macht jene, die solcherlei juristische Kategorien und Abstufungen noch ernst nehmen wollen, schlichtweg zum Feind. Das Böse ist eben nicht verhandelbar. Und wenn die soziale Gewalt der symbolischen Gefolgschaft nicht ausreicht, um Unpolitische und Kollaborateure zu beugen, greift eine höhere Gewalt: Die Geschichte wird über sie richten. So formuliert es Arundhati Roy in ihrer Stellungnahme gegenüber der Berlinale, von der sie sich „angewidert“ zeigte.
Kunst verkommt in diesem Spiel immer öfter zu einem Vehikel, um politische Botschaften zu transportieren, umso gefeierter, je mehr sie ein klares Abbild der Realität liefert. Der Jury-Präsident der Berlinale, Wim Wenders, hat sich sehr ungeschickt ausgedrückt, als er meinte, Filme seien ein Gegenwicht zur Politik. Schon seine Filme sprechen ja eine andere Sprache. Großzügig interpretiert könnte man ihn jedoch so verstehen, dass Kunst anderen Regeln folgt als die Politik selbst – und daher auch eine andere Sprache sprechen muss.
Diese geht jedoch oft verloren in der ständigen Aufforderung an die Kunst, politisch zu sein. Zwar hat es immer wieder, meist wenig überzeugende Gegenbewegungen dazu gegeben, doch insgesamt hat sich seit den Sechzigern eine fortschreitende Ausweitung des Politischen in der Kunst durchgesetzt. Und vielleicht ist genau diese Ausweitung ein Problem: Wenn Kunst nur noch daran gemessen wird, wie gut sie und ihre Produzenten politische Botschaften transportieren, bleibt von ihrer eigenen Sprache nichts übrig: Sie wird zur Illustration moralischer Gewissheiten und verliert paradoxerweise genau das, was den Blick der Betrachter affizieren und einen Raum der Reflexion eröffnen kann.
Wie einfach, humorvoll und entwaffnend man andererseits dem obsessiven Gaza-Aktivismus begegnen kann, zeigte niemand besser als der Schauspieler Ethan Hawke: „Der letzte Ort, an dem man wohl spirituellen Rat suchen sollte, ist bei einer Gruppe von jetlaggeplagten, betrunkenen Künstlern, die über ihre Filme reden“, und: „I believe in the power of cinema to affect.“
Source: faz.net