#Gastbeitrag – Startups mit Misstrauensvotum im Gegensatz zu Standort Deutschland

#Gastbeitrag

Auf den ersten Blick wirkt 2025 wie ein starkes Venture-Capital-Jahr. Weltweit flossen rund 425 Milliarden US-Dollar in Startups – das drittstärkste Jahr aller Zeiten. Doch hinter dieser Zahl verbirgt sich eine strukturelle Verschiebung, die für Deutschland weitreichende Konsequenzen hat.

Rund 50 % des global investierten Kapitals entfielen auf KI-Unternehmen. Allein fünf US-amerikanische Player vereinten etwa 84 Milliarden US-Dollar auf sich. Besonders eindrücklich: Die jüngste Finanzierungsrunde von Anthropic über 30 Milliarden US-Dollar war für sich genommen rund viermal so groß wie das gesamte Venture-Capital-Volumen, das 2025 in Deutschland investiert wurde. Diese Relationen sind mehr als nur eine Randnotiz – sie markieren eine neue Qualität der Kapitalkonzentration.

Der öffentlich ausgetragene Konflikt zwischen Anthropic und dem US-Verteidigungsministerium über Einsatzgrenzen von KI-Modellen unterstreicht, wie eng Kapital, Technologie und Sicherheitspolitik inzwischen verbunden sind. Wer Frontier-Modelle entwickelt, agiert in einem sicherheitspolitisch relevanten Umfeld – und erhält entsprechend Zugang zu außergewöhnlich großen Finanzierungsvolumina.

Im Windschatten der Giganten von heute wird derweil bereits an der nächsten Generation von Frontier-Modellen gearbeitet – und dabei wollen auch europäische Startups eine Rolle spielen. Sequoia führte im Februar eine rund eine Milliarde US-Dollar schwere Seed-Runde für das neue, in London ansässige KI-Lab von Google-DeepMind-Alumni David Silver an – die bis dato größte Seed-Finanzierung Europas. Mit Ineffable Intelligence will Silver Grundlagenforschung zu neuen Modellarchitekturen betreiben und die nächste Generation leistungsfähiger KI-Systeme entwickeln. 

Auch die Bundesagentur für Sprunginnovationen startete kürzlich eine Initiative für neue KI-Frontier-Modelle Made in Europe. Europa bringt nach wie vor viele junge Technologieunternehmen hervor. Der Kontinent stemmt rund 20 % des globalen Early-Stage-Volumens und verfügt über eine starke wissenschaftliche Basis – von Oxford über ETH bis UnternehmerTUM. Letztere führt laut Financial Times das Ranking der führenden europäischen Startup-Hubs an – gefolgt von zwei weiteren Ökosystemen in Bayern.

Im DefenseTech-Sektor haben deutsche Unternehmen wie Helsing, Quantum Systems oder Stark das technologische Potential zu neuen Global Playern zu werden. Doch genau hier zeigt sich die strukturelle Schieflage. Während Europa in der Frühphase solide aufgestellt ist, liegt der Kontinent bei Wachstumskapital deutlich zurück. Dass das Problem inzwischen erkannt ist, zeigt die neu aufflammende Diskussion über eine Kapitalmarktunion sowie die Auflage neuer europäischer Wachstumsvehikel. Mit dem Scaleup Europe Fund entsteht derzeit ein paneuropäischer Growth-Fonds, an dem sich unter anderem die Allianz und die Schwarz Gruppe beteiligen wollen. Ziel ist es, mehr institutionelles Kapital in späte Finanzierungsrunden europäischer Technologieunternehmen zu lenken und Abwanderung zu verhindern. Solche Initiativen sind ein wichtiger Schritt – sie verdeutlichen aber zugleich, wie groß die Lücke inzwischen geworden ist: Europa muss endlich eigene Strukturen für zweistellige oder gar dreistellige Millionenrunden aufbauen, statt sich in der Skalierungsphase dauerhaft auf US-Kapital zu verlassen.

Entsprechend wundert es nicht, dass laut KfW die Stimmung der Venture-Capital-Investoren in Deutschland auf einem Mehrjahrestief ist. Vor allem die Beurteilung des Exit-Umfelds bleibt schwach und das Fundraising auf Fondsseite gestaltet sich schwierig, was die Aussichten für künftige Finanzierungsrunden zusätzlich verdüstert. Ein Teufelskreis.

Auch auf Gründerseite ist die Verunsicherung spürbar. Eine aktuelle Bitkom-Umfrage zeigt, dass jedes elfte Startup in Deutschland die Insolvenz fürchtet. Noch erschreckender: Nur noch rund die Hälfte der Gründer würde heute wieder am Standort Deutschland gründen. Viel deutlicher kann ein Misstrauensvotum nicht ausfallen. 

Über den Autor
Nils Langhans ist Geschäftsführer der Strategieberatung KAUFMANN / LANGHANS. Er berät Startups beim Fundraising und bei der Entwicklung ihrer Equity Story – von der Pre-Seed- bis zur Later-Stage-Finanzierung.

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Foto (oben): KI

Source: deutsche-startups.de