Beruhigend klingen die Nachrichten vom deutschen Energiemarkt nicht. Nach einer weiteren kalten Winterwoche mit Schnee und Eis ist der Füllstand der Erdgasspeicher hierzulande weiter gesunken. Aktuell liegt er nach Daten der Gaswirtschaft nur noch bei rund einem Drittel.
So niedrig waren die Erdgasvorräte Ende Januar noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren – noch nicht einmal während der Energiekrise durch den Ukrainekrieg 2022. Und in manchen Regionen Deutschlands sind die Füllstände noch deutlich niedriger. Der Speicher im bayerischen Wolfersberg bei München etwa war Mitte der Woche mit einem Füllstand von nur noch fünf Prozent annähernd leer. Im deutschen Großhandel ist der Erdgaspreis im Januar um rund ein Drittel nach oben geschnellt.
Wie kritisch ist die Situation also? Kann in Deutschland das Erdgas wieder knapp werden? Und wie sollte die Politik reagieren? Immerhin hat jeder zweite Haushalt hierzulande weiterhin eine Gasheizung im Keller. Auch die Industrie ist für den Betrieb von Fabriken auf eine sichere Gasversorgung angewiesen.
Die Energiewirtschaft sieht unabhängig von der aktuellen Situation Handlungsbedarf: „Die geopolitische Situation ist herausfordernd. Wir brauchen rasch eine umfassende politische Debatte, welches Maß an Versorgungssicherheit wir anstreben“, sagt Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Energiebranchenverbands BDEW.
Im Berliner Wirtschaftsministerium gibt es nach Informationen der F.A.S. Überlegungen, eine nationale Erdgasreserve anzulegen, ähnlich wie es sie für Erdöl schon seit den Ölpreisschocks vor einem halben Jahrhundert gibt. Der Staat würde dann eigene Erdgasvorräte beschaffen lassen und bunkern, die in Notsituationen freigegeben werden können, um die Energieversorgung zu sichern. In Österreich gibt es eine solche strategische Gasreserve bereits.
Experten empfehlen nationale Erdgasreserve
Ob die Bundesregierung wirklich einen Erdgas-Notvorrat aufbaut, dazu gibt es bisher keine Entscheidung. Das Ministerium teilte diese Woche auf Anfrage lediglich mit, derzeit würden die Ergebnisse eines Expertengutachtens ausgewertet. In der Analyse vom Oktober haben die Fachleute die Bildung einer strategischen Erdgas-Reserve für Krisenfälle als mögliche Option empfohlen. Zwar würde ein solcher staatlicher Notvorrat Geld kosten – und könnte damit die im internationalen Vergleich ohnehin hohen Energiekosten in Deutschland weiter nach oben treiben. Andererseits könnten dadurch in einer Gasmangellage womöglich Produktionsausfälle in der Industrie verhindert werden, die enormen wirtschaftlichen Schaden anrichten können.
Eines ist jedoch sicher: Das Anlegen einer staatlichen Erdgasreserve würde Zeit brauchen und an der Versorgungslage in diesem Winter nichts ändern.
Wie prekär die Versorgungslage derzeit ist, dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Alles im Griff, signalisiert die Bundesnetzagentur. „Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil“, teilt die Bonner Behörde mit. Die Gefahr von Engpässen werde derzeit als „gering“ eingeschätzt. Ähnlich äußert sich auch das Bundeswirtschaftsministerium. Netzagentur und Regierung verweisen darauf, dass Deutschland in den vergangenen Jahren als Lehre aus der Energiekrise Hafenterminals für den Import von verflüssigtem Erdgas (LNG) gebaut hat und damit über einen zusätzlichen Importweg für Erdgas neben Pipelines verfügt.
„Die Versorgung ist auf Kante genäht“
Deutlich weniger gelassen klingt das Statement des staatlichen Energiekonzerns Uniper, der zu den großen Akteuren im deutschen Erdgasgeschäft zählt. „Derzeit ist die Versorgungssicherheit mit Erdgas noch gewährleistet, aber sie kann nicht als jederzeit garantiert vorausgesetzt werden“, sagt eine Uniper-Sprecherin.
Am deutlichsten wird Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (INES) der Gaswirtschaft. „Die Versorgung ist auf Kante genäht, und das ist eigentlich zu wenig“, sagt Heinermann der F.A.S. „Es wäre gut, wenn diesen Winter nichts Unvorhergesehenes mehr passiert. Viel Puffer hat das System nicht mehr.“ Bisher habe man nicht zuletzt davon profitiert, dass der November und Dezember nicht ungewöhnlich kalt gewesen seien, andernfalls wären die Speicher womöglich schon komplett leer.
Was, wenn Trump kein LNG mehr liefert?
Aber erstens kann es auch im Februar und März noch kalt werden. Und zweitens sind die geopolitischen Risiken drastisch gestiegen in den vergangenen Jahren. Was, wenn etwa durch einen russischen Anschlag Pipelines in der Nordsee, die norwegisches Erdgas nach Deutschland transportieren, ausfallen? Und was, wenn der unberechenbare US-Präsident Donald Trump morgen ein Embargo für die Lieferungen von amerikanischem Flüssiggas nach Europa verhängt?
Die Folgen für die Erdgasversorgung wären gravierend: Norwegen ist mit einem Anteil von derzeit rund einem Drittel der größte deutsche Lieferant. Und die deutschen LNG-Importterminals sind fast vollständig abhängig von US-Lieferungen: 2025 stammten 95 Prozent der direkten Flüssiggasimporte nach Deutschland aus den Vereinigten Staaten.
Speicher waren vor dem Winter schlecht gefüllt
Deshalb seien die Speicher eben weiterhin wichtig, mahnt INES-Geschäftsführer Heinermann. An kalten Wintertagen wird mehr als die Hälfte des deutschen Gasverbrauchs aus diesen Vorräten gedeckt. LNG-Terminals spielten dagegen für die Absicherung der deutschen Gasversorgung „nur eine untergeordnete Rolle“, sagt er. Die Gesamtkapazität der deutschen Terminals erlaube es, maximal 0,78 Terawattstunden Erdgas am Tag zu importieren. Im Dezember lag der deutsche Tagesbedarf dagegen im Schnitt bei 4,2 Terawattstunden, also mehr als fünfmal so hoch.
Die Speicherbetreiber sehen es kritisch, dass die deutschen Gasspeicher zu Beginn der Heizperiode nur zu drei Vierteln gefüllt gewesen seien. Das sei „der zentrale Risikofaktor für die Versorgungssicherheit“, heißt es in einem kürzlich veröffentlichten Lagebild.
Gesetzliche Füllstandvorgaben kontraproduktiv
Aber warum eigentlich waren die Speicher im Herbst nicht voller? Die Antwort, die Fachleute geben, klingt zunächst paradox: Weil es seit der Energiekrise gesetzlich vorgeschriebene Mindestfüllstände gibt, die im Herbst zu Beginn der Heizperiode erreicht werden müssen. Zeichnet sich im Frühjahr und Sommer ab, dass diese verfehlt werden, greift der Staat ein und füllt die Speicher durch eigene Gaskäufe auf, was in den vergangenen Jahren viel Steuergeld gekostet hat.
Das Problem: Die Marktteilnehmer wissen, dass der Staat im Zweifel vor dem Herbst auf jeden Fall Gas kaufen muss, um die Füllstandsvorgaben zu erreichen – koste es, was es wolle. Das treibt im Frühjahr und Sommer die Preise tendenziell nach oben. Die Folge ist eine verquere Preisstruktur. Eigentlich müsste im Winter der Gaspreis höher sein als im Sommer, weil in der kalten Jahreszeit der Verbrauch höher ist. Tatsächlich aber war es in den vergangenen Jahren seit Einführung der Mindestfüllstandsvorgaben oft umgekehrt. Am Terminmarkt war es plötzlich billiger, Erdgas für Lieferung im Winter zu kaufen als für den Sommer.
„Die Politik hätte frühzeitiger handeln können“
Das alte Geschäftsmodell, das die Speicher vor der Energiekrise ziemlich zuverlässig gefüllt hatte, ohne dass der Staat eingriff, funktionierte nicht mehr richtig. Früher lohnte es sich, Erdgas zum niedrigeren Sommerpreis zu kaufen, einzulagern und einige Monate später zum höheren Winterpreis zu verkaufen. Aber Gas im Sommer teuer einzukaufen und im Winter billiger zu verkaufen, ist ein Verlustgeschäft. Es gibt für private Erdgashändler also weniger marktwirtschaftliche Anreize, für volle Speicher zu sorgen.
„Die mit den Füllstandsvorgaben intendierten positiven Effekte auf die Versorgungssicherheit wurden durch die verringerten Marktanreize zumindest teilweise konterkariert“, bilanzierten die Energieexperten des Analysehauses Frontier Economics im Oktober in ihrem Gutachten für das Wirtschaftsministerium.
Zu diesem Zeitpunkt hatte die Bundesregierung bereits versucht, das Problem zu entschärfen. Im Frühjahr hat sie die Mindestfüllstandsvorgaben für die deutschen Erdgasspeicher gesenkt: Bislang mussten sie zum 1. November zu mindestens 90 Prozent gefüllt sein, jetzt reichen durchschnittlich 70 Prozent. Eine vollständige Abschaffung ist dagegen nach EU-Recht derzeit nicht möglich.
Die Senkung der Füllstandsvorgaben führte wie von der Regierung erwünscht dazu, dass die Speicher wieder stärker durch private Unternehmen gefüllt wurden. Doch es gebe einen Haken, berichten Marktteilnehmer: Die Senkung der Füllstandsvorgaben durch die neue Wirtschaftsministerin Katherina Reiche kam erst im Mai und recht abrupt. Danach stieg der Füllstand der Speicher zwar wie erhofft schneller. Aber aus technischen Gründen hätten manche Speicher nicht mehr schnell genug vor dem Herbst gefüllt werden können. „Die Politik hätte frühzeitiger handeln können“, heißt es heute im Rückblick kritisch in der Energiebranche.
In dem Gutachten von Frontier Economics für das Wirtschaftsministerium wird aber auch der Aufbau einer strategischen Gasreserve untersucht – und positiv beurteilt. Die Bandbreite möglicher Krisenszenarien am Erdgasmarkt sei heute größer als früher, geben die Autoren zu bedenken. Neben extremen kalten Witterungsbedingungen und technischen Störungen müssten jetzt auch mögliche „Sabotageakte und gezielte Angriffe“ berücksichtigt werden. In der Energiewirtschaft wird das ebenso gesehen. Eine strategische Reserve könne „ein sinnvolles Instrument“ sein, um im Krisenfall handlungsfähig zu bleiben, sagt Verbandschefin Kerstin Andreae.