In der Galerie Max Hetzler zeigt Jake Longstreth seine amerikanischen Landschaften: eine idyllische Welt mit unterschwelliger Spannung
Die räumlichen Abstände in Longstreths Bildern, wirken, als müsste man sich als Betrachterin in Sicherheit bringen
Foto: def image
Kürzlich war Charlottenwalk, und die Menschen schlenderten im Berliner Westen von Galerie zu Galerie und standen auf den Straßen rum, als wäre schon Sommer.
In der Galerie Max Hetzler in der Bleibtreustraße sah man eine ähnlich faszinierende Version von Sommer. Einen, den es nur in den USA gibt, um Los Angeles herum. Wo das Licht immer etwas sandsturmhaftes hat und trotzdem alles unter sich mit hell gleißenden Lichtreflexen versieht.
Zu sehen sind Ölgemälde und Arbeiten auf Papier von Jake Longstreth. Ein Maler, 1977 geboren, in Los Angeles lebend. Where We’re Going We Need Roads heißt seine Ausstellung. In der sehen wir Autobahnen, Häuser, Hügel. Diese liegen im Hintergrund der Bilder, entfernt. Im Vordergrund oft: Blätter und Pflanzen. Der Blick führt aus dem Gebüsch.
Von da schauen wir auf die bebaute Landschaft, auf die Verkehrswege. Räumliche Entfernungen werden zu Autos, in denen Menschen sitzen, die wohin wollen, die wegwollen. Wir entdecken Facilitys, Straßenschilder, Tiere, Autobahnüberführungen. Ist das ein Golfplatz oder eine Wiese? Das ist jetzt nicht Mensch gegen Natur. Eher so Mensch neben Natur. Und wir schauen auf all das, als versteckten wir uns. Und immer ist in den Bildern dieser Dunst. Vermutlich ein Morgendunst. Wenn der Tag noch unschuldig ist.
In Bildern von Jake Longstreth liegt subtile Bedrohung
Mir kommt der Titel von Leif Randts Roman Schimmernder Dunst über Coby County in den Sinn. Darin warten Menschen in einer fiktiven Stadt am Meer, idyllisch, schick, voller Kreativer, fast ohne Sorgen. Zumindest ohne Sorgen materieller Art. Aber unter all der Perfektion lauert etwas. Eine verlorene Liebe, ein enttäuschendes Erfolgserlebnis, die Menschen warten auf einen Frühlingssturm, der dann doch nicht ganz so kommt.
Diese subtile Bedrohung liegt auch in den Bildern von Longstreth. Die räumlichen Abstände wirken, als müsste man sich als Betrachterin in Sicherheit bringen. Und weil diese Landschaften so eindeutig amerikanisch sind, kommt man nicht umhin, diese Gefahr auch in diesen Landschaften zu verorten. Wir sehen eine Mädchenleiche. Abgelegt von superreichen Trumpsteins, die ihre Machtkomplexe nur noch in Frauenhass ertränken können?
Sich hinter dem Blattwerk verstecken, weil man verfolgt wird, beobachtet? Das wirkt lustigerweise so, als könnte die Natur uns beschützen, die wir ja eigentlich zähmen, indem wir Schneisen in sie schlagen, die befahrbar sind, damit wir ankommen, abhauen können. Das ist die Natur, in der die Jahreszeiten sich nur noch an Dürregraden zeigen, in der Stürme drohen, wo im März schon Sommer ist.