Leipzig ist gerade auf dem Weg zur sechstgrößten Stadt in Deutschland und doch ein Dorf: Irgendwann trifft jeder jeden; so saßen etwa wir letzte Woche im Gewandhaus neben Karin Wieckhorst. Sie ist eine Legende aus jener Zeit, als Leipzig auf dem Weg zur Ruine war, in den Achtzigern.
Das Einzige, was in diesen letzten Jahren der DDR dort schon blühte, war die Kunst, und Wieckhorst, damals angestellte Fotografin im Völkerkundemuseum, porträtierte sie und deren Schöpfer. „Begegnungen in Ateliers“ war der Titel der Werkgruppe. Wieckhorst besuchte dafür vor vierzig Jahren etwa Lutz Dammbeck, Neo Rauch, Walter Libuda, Angelika Hampel, Max Uhlig oder Hartwig Ebersbach. Jede dieser „Begegnungen“ besteht aus drei quadratischen Bildern: einer überformatigen Ansicht des Ateliers, einer kleineren Porträtaufnahme und einer Übermalung dieses Porträts durch den jeweiligen Künstler. Das alles montierte sie zusammen in transparenten Kunststofftaschen, die die Fotografin an ihrem Arbeitsplatz ergattern konnte, und wenn die DDR so beständig gewesen wäre wie diese bis heute elastisch gebliebenen Plasten, dann gäbe es auch sie noch immer. Es ist die originellste Bestandsaufnahme der Kunst des untergegangenen Staats.
Früher gab es Einladungen im Kartoffeldruck
Was man den Bildern ansieht: Die Fotografin und die Dargestellten waren Freunde. Dazu gehörte auch Gerd Harry „Judy“ Lybke, der 1987 in seiner vier Jahre zuvor gegründeten Galerie Eigen + Art den Werkkomplex von Wieckhorst als Erster ausstellte. Jetzt zeigt er ihn wieder: als Ergänzung der Installation „Ansichten über einen Raum“, die sich der Geschichte seiner Galerie in der DDR widmet. Im großen Saal auf der Leipziger Baumwollspinnerei hängen zwischen 1985 und 1990 entstandene Künstlerplakate zu den Ausstellungen (vorher gab es nur Einladungskarten im Kartoffeldruckverfahren) wie ein auf und ab wogender Zeitstrahl an den Wänden. Dazu kommen auf 36 Tafeln Fotoarrangements der damaligen Galerieaktivitäten – nicht von Wieckhorst, sondern dokumentarische Aufnahmen, aber gemeinsam ergeben die drei Teile der Präsentation eine faszinierend schlüssige Zeitreise.
Die nichts Vergangenes an sich hat und schon gar nichts Vergängliches. Viele Künstler von damals sind immer noch bei Eigen + Art: Rauch, Ebersbach, die Brüder Olaf und Carsten Nicolai, Jörg Herold. Von Letzterem stammt der brillanteste Einfall: Seiner ersten Einzelausstellung gab er 1987 den Titel „Bewurstsein“.
Umgeben von Linientreuen
Zwei Jahre zuvor hatte Herold den Kurzfilm „Beiwerk“ gedreht, eine grandiose Persiflage auf einen verordneten Arbeitseinsatz. Dieser subversive Subbotnikstoff, in dem auch Lybke mitspielt, läuft nun in der Ausstellung. Dort sind zudem fünf Stunden Videos von Ausstellungseröffnungen der Galerie im Jahr 1989 zu sehen, für die Lybke seinerzeit eine Kamera benutzen konnte, die ihm die Künstlerin Marianne Tralau aus Westdeutschland mitgebracht hatte. Was der von der Stasi selbstverständlich genauestens beobachtete Galerist erst nach der Wende erfuhr: Tralau war Mitglied der KPD und somit noch sozialistisch linientreuer als die Spitzel in der DDR.
„Nach der Wende kam die härtere Zeit“, sagt Lybke, „vorher stand zwischen dir und mir nichts, doch dann trat das Geld zwischen uns.“ Nicht dass er als einer der erfolgreichsten gesamtdeutschen Galeristen damit nicht umzugehen gelernt hätte – alsbald war er mit temporären Auftritten seiner Galerie in Tokio, London, Paris und New York präsent. Mit einem solchen Gastspiel von Eigen + Art wurde 1991 in Berlin das dortige Ausstellungshaus „Kunstwerke“ eröffnet, und das gab ein Jahr später den Anstoß zur Eröffnung eines zweiten Galeriestandorts: in der Berliner Auguststraße. Der Leipziger Stammsitz ist seit 2005 auf dem Spinnereigelände angesiedelt.
Aber das ist eine andere Geschichte. „Einsichten in einen Raum“ erzählt von der Frühzeit, in der etliches seinen Anfang nahm, was heute Eigen + Art ausmacht. Der Maler Titus Schade, erinnert sich Lybke, besuchte 1990 als Sechsjähriger an der Hand seines Vaters, des Zeichners Rainer Schade, eine der letzten Ausstellungen von Eigen + Art zu DDR-Zeiten; heute wird er selbst von der Galerie vertreten. All das Material mit Ausnahme von Wieckhorsts Fotos stammt aus dem Galeriearchiv. „Das habe ich“, sagt Lybke, „damit ich nicht zurücksehen muss.“ Genug Zukunft steckt ja drin, wie man sieht.
Einsichten in einen Raum 1983–1990, Galerie Eigen + Art, Leipzig; bis 18. April. Das Begleitbuch, das am heutigen Samstag von Judy Lybke vorgestellt wird, kostet 20 Euro.
Source: faz.net