Weil dies ein Märchen ist, geht alles gut aus. So überaus gut, dass sich alle anderen Happy Ends künftig eventuell persönliche Fragen zu ihrer beruflichen Performance stellen lassen müssen. Natürlich wird auch viel geschluchzt in diesem Buch. Bloß Hannes, der Held dieses Liebesromans, ist zwischendurch, nach etlichen erzenen Hammerschlägen des Schicksals kurz unpässlich: „Er könnte weinen, aber er hatte keine Tränen mehr.“
Hannes, ein stiller Junge, der in einer Gewitternacht in Niedersachsen seine Begabung am Klavier entdeckt, ist unglücklich verliebt in die laute, lebensfrohe Polina, sie kennen sich seit der Geburt, und Polina hat schöne Haare, „Pfirsichhaar“, „wie schwarze Flammen“ oder „mit blauer Winternacht gefüllt“. Der Autor, der hier so bildreich schwärmt, heißt Takis Würger, einst Reporter des Spiegels. Inzwischen schreibt er Bestseller, Für Polina ist wieder einer, was sich vielleicht erklärt: Hier gibt es keine mehrfach ungesättigten Fragen der Existenz, auch keinen Eishauch der Postmoderne, sondern edle Bestimmung, Vorsehung und deren Erfüllung, es gibt Verlieren und Wiederfinden, und die drei großen Hs des Schlagers: Heilung, Hoffnung und Harmonie. Man betritt verwitterte Villen mit schratigen Bewohnern, Pflaumenmusidyllen am Stadtrand, wo „Honiglicht auf die Haut“ scheint, man noch Rhabarber mit braunem Zucker isst und sich zur Magie der Musik versonnen und kulturfromm auf den Teppich legt.
Auf dem Oberdeck dieses Romans drängen sich die Idealisierungen von Menschen, Momenten und Emotionen. Sogar Hannes kaltherziger Vater (ein Marmorhändler, wie passend!) ist nur so kaltherzig, wie es das Jugendamt erlaubt, die strenge, lettische Klavierlehrerin ist hingegen voll melancholischer Güte. Jeder Augenblick ist kostbar und besonders, gleichviel ob die Mutter tot im Wald liegt (die Birke war’s!) oder in Hannes Kopf darob jede Melodie verstummt, auch die, die er für Polina voll glühender Liebe komponierte (das wird noch eine Rolle spielen). Forthin schleppt er, inzwischen erwachsen, hauptberuflich etliche Klaviere in teure Hamburger Wohnungen, ein Klavier, noch ein Klavier.
Polina ist weg, Hannes hat vorübergehend eine andere Freundin, auch sie hat schöne Haare. Keine Sorge, es wird sich alles fügen, ohne erzählerische und dramaturgische Widerstände, Literatur mit glatter Benutzeroberfläche, unermüdlich im Hochtiefbau der Gefühle, bisweilen mit anheimelnder, sprachlicher Patina, die an vergangene Tage erinnern soll wie die „Kommode in Vintage-Optik“ vom Möbelrausrollmarkt. Man darf sich aber nicht täuschen lassen: Nichts ist hier unterlaufen, nichts ist aus Unbedarftheit verrutscht, dafür ist der Roman in seinen Voraussetzungen zu kalkuliert und geradezu perfekt gemacht. Und der Autor schöpft dabei als Dekorateur steroider Stimmungslagen so lange aus dem Fundus der Illustriertenfantasien und Landlustromanzen, bis man sich fragt, ob das wirklich der deutsche Sozialrealismus ist, den sich erbauungsbedürftige Leser derzeit wünschen. Oder ob einem die Liebe, die große und schöne, nach knapp 300 Seiten nicht doch zum Herz raushängen kann. Schwer zu sagen, ob die Antworten zu einem Happy End taugten.
Takis Würger: Für Polina. Diogenes Verlag, Zürich 2025; 304 S., 26,– €, als E-Book 22,90 €