Frühling im Garten: Narzissen gibt es nicht nur in Goldgelb

Manchmal geht es dann doch recht schnell. Da ist der Winter noch so hartnäckig. Doch mit der Passionszeit vor der Tür drängt die Ablöse von Schneeglöckchen und Krokussen ans Licht. Nun sind es Tulpen, Hyazinthen und Narzissen, deren grüne Spitzen den Boden durchbrechen.

Der schönste Frühlingsbote im Beet ist für Jolanda van Amerom eindeutig die Narzisse. Der Niederländerin mit Lebensmittelpunkt in Ostingersleben westlich von Magdeburg ist jede Zwiebelblume ans Herz gewachsen, aber diese eine ganz besonders. „Es muss nicht immer Tulpe sein“, sagt die Gärtnermeisterin und Landschaftsgestalterin. „Sie ist immer Trend, aber mitunter kommt sie mit all ihrer Vielfalt eine Spur zu bunt und zu knallig daher.“ Auch Hyazinthen haben so ein Für und Wider. Schön sind die Frühblüher, aber ihr Duft ist vielen Gärtnern eine Spur zu intensiv. „Narzissen umgehen beides. Sie sind der perfekte Platzhalter für den Frühling“, ist van Amerom überzeugt. „Ihre Farbvielfalt ist überschaubarer, ihr olfaktorischer Wert weniger anstrengend.“

Mit Narzissen beginnt das große Staunen

Narzissen sind ein zuverlässiges Zeichen für den Übergang vom Winter zum Frühling. In van Ameroms Schaugarten bringt die gelbe Leuchtkraft Sonne auf den Gartenboden, auch wenn die Sonne selbst noch kaum Höhe erreicht. „Ohne sie würde was fehlen“ sagt die Gärtnerin. „Mit ihnen beginnt im Garten ein großes Staunen. Dank ihrer erstaunlichen Formenvielfalt gehören sie seit Jahrhunderten zu den beliebtesten Zwiebelpflanzen.“

Jolanda van Amerom Jens HaentzschelJens Haentzschel

Botanisch gehören Narzissen zur Gattung Narcissus aus der Familie der Amaryllisgewächse. Je nach botanischer Einordnung gibt es rund 50 bis 90 Wildarten, aus denen durch Züchtung mehrere Tausend Sorten hervorgegangen sind. Sie unterscheiden sich in Höhe, Blütenform und -größe. Die bekannteste Vertreterin ist die Osterglocke, (Narcissus pseudonarcissus), deren kräftiges Gelb im März und April viele Gärten dominiert. Sie hat das größte Verbreitungsgebiet und ist in vielen Teilen Westeuropas oder dem Mittelmeerraum in Wäldern, auf Wiesen und Hängen zu finden.

Unterschätzte Vielfalt

Für Jolanda van Amerom sind Narzissen eine Welt für sich. In ihrer Handelsgärtnerei setzt sie auf Zwiebelvielfalt und kommt auch an Zierlauch (Allium), Kaiserkronen (Fritillaria), Montbretien (Crocosmia) und Dahlien (Dahlia) nicht vorbei. Tulpen gelten bis heute als das Maß der Dinge, wenn es um Zwiebeln geht. Narzissen allerdings sind weit verlässlicher. Sie verwildern gut und vermehren sich am passenden Standort von selbst. Zudem sind sie gute Vermittlerinnen zwischen anderen Gattungen.

Wer Narzissen nur als gelbe Blumen wahrnimmt, die ihre Blüten raustrompeten, unterschätzt ihre Vielfalt. In der Gartenkultur werden sie in zwölf Klassen eingeteilt, die sich vor allem in der Form ihrer sogenannten Nebenkrone, aber auch in der Anzahl ihrer Blüten und Blütezeit unterscheiden.

Im Schaugarten pflegt Jolanda van Amerom ihre Liebe der Frühblüher mit zahlreichen Varianten. Die prachtvoll gefüllte Narzisse besticht durch abwechselnd weiße und goldgelbe Schichten mit gekräuseltenütenblättern.Jens Haentzschel

Besonders beliebt sind Trompetennarzissen (Narcissus obvallaris), deren Nebenkronen etwa so lang sind wie die äußeren Blütenblätter. Daneben gibt es Reifrock-Narzissen (Narcissus bulbocodium) oder Engelstränen-Narzissen (Narcissus triandrus), nicht zu vergessen die Menge an kleinkronigen, großkronigen, gefülltblühenden oder geschlitztkronigen Narzissen.

Farbpalette ist größer als gedacht

„Wer früh- und spätblühende Arten geschickt mischt, hat mehrere Wochen etwas von seinen Narzissen“, rät van Amerom. „Selbst die Farbpalette ist größer, als viele Menschen vermuten. Neben dem klassischen Gelb existieren weiße, cremige oder zweifarbige Varianten.“ Elegant und zugleich duftend erscheinen etwa die beliebten Dichternarzissen (Narcissus poeticus) mit ihren reinweißen Blüten und kleinen, zartrot geränderten Nebenkronen. Jeder Stiel trägt nur eine Blüte. Bei der Jonquille (Narcissus jonquilla) sind es bis zu sechs. Auch diese Klasse verführt mit zarten Düften. Im Schaugarten in Ostingersleben sind Poeten und Jonquillen flächig gepflanzt. Eine Augenweide.

Narzissen mögen nichts Vergleichbares erlebt haben wie die Tulpen mit der Tulpomanie im 17. Jahrhundert. Im damals Goldenen Zeitalter der Niederlande wurden Tulpenzwiebeln zum Spekulationsobjekt. Die Hochzeit der Narzissenzüchtung lag im 18. und 19. Jahrhundert. Immer mehr Sorten kamen auf den Markt. Millionen von Zwiebeln verließen die Niederlande, um in der ganzen Welt aufzublühen. Auch sie haben jedoch eine lange Geschichte. Sie sind seit der Antike bekannt und beliebt.

Eine Narzisse taucht in Form des Jünglings Narziss in Ovids Metamorphosen auf. Griechen wie Römer erkannten ihren medizinischen Wert für die traditionelle Heilkunde, wobei alle Teile der Pflanze giftig sind. Der betäubende Blütenduft ist bereits in ihrem Gattungsnamen zu finden. Dieser stammt vom griechischen narkein (betäuben) ab. Der griechische Arzt Dioskurides, der wegen seines drogenkundlichen Werks „Über Arzneistoffe“ als Pionier der Pharmakologie gilt, wies auf die brechreizerzeugende Wirkung der Narzissenzwiebel hin. Sie enthält die höchste Konzentration der lähmend wirkenden Alkaloide.

Schutz vor Nagern im Beet

Tiere meiden Narzissen. Wer im Garten mit Wühlmäusen Probleme hat, kann Narzissen als natürliches Gegenmittel einsetzen. Van Amerom pflanzt sie gern in ihre Schaubeete. „Gerade Tulpen werden gern von den Nagern angeknabbert. Wer auf eine Mischkultur setzt, kann Wühlmäuse zumindest abschrecken.“

Als früh blühende Zwiebelpflanzen übernehmen sie dennoch wichtige Aufgaben, wenn die meisten Stauden noch ruhen. Im Stadtgrün werten sie öffentliche Flächen auf, in den Gärten übernehmen sie die Rolle des „frühen Vogels“, entwickeln binnen weniger Wochen Blätter und Blüten und sind dabei nicht nur schön, sondern auch nützlich. Schließlich bieten sie vielen Insekten ein reich gedecktes Buffet. „Hummeln, Wildbienen und frühe Schwebfliegen besuchen die Blüten, angelockt von Farbe und Duft, um Nektar und Pollen zu sammeln“, sagt van Amerom. „Gewiss gibt es andere Frühblüher, die pollenreicher sind, aber ein Buffet besteht nicht allein aus Salat und Vorsuppe. Die Narzissen sind Teil eines großen Menüs.“

In der liebevoll gestalteten Schauanlage ist es vor allem die Mischung aus Narzissen mit anderen Frühblühern, die zeigt, was im Garten möglich ist. Traubenhyazinthen (Muscari), Lenzrosen (Helleborus), Kegelblumen (Puschkinia), Blausterne (Scilla) oder Lerchensporne (Corydalis) sind ideale Partner.

Wenn man die Narzissen von Mitte Oktober an in die Erde bringt, muss man nur warten. Vorausgesetzt, Standort und Pflanztiefe stimmen. Narzissen fühlen sich in feuchten, nährstoffreichen Böden mit einer guten Durchlässigkeit wohl. Sie mögen es sonnig, vertragen aber auch den Halbschatten.

Der größte Pflegefehler lauert nach der Blüte

Bei der Pflanztiefe gibt es eine oft zitierte Regel: Doppelt so tief, wie die Zwiebel hoch ist, gilt als ideale Vorgabe. Heißt in Zahlen: zwischen zehn und fünfzehn Zentimeter tief. Dünger oder Kompost helfen zum Start im März und gern nach der Blüte. Das stärkt die Zwiebel für die nächste Winterzeit. Der größte Pflegefehler lauert allerdings direkt nach der Blüte. „Die Zwiebel sammelt ihre vielen Nährstoffe fürs kommende Jahr über die eigenen Blätter. Sie sollten so lange wie möglich an den Pflanzen bleiben“, rät van Amerom. „Wer zu früh zur Schere greift, um alles bodennah abzuschneiden, erhält spätestens im kommenden Jahr die Quittung.“

Geduld ist also gefragt, oft bis zu zwölf Wochen nach der Blüte. Vergilbte bis bräunliche Blätter gehören zum Gärtnern dazu. Die verwelkten Blütenköpfe können jedoch entfernt werden. Das stärkt die Pflanze, da sie keine Kraft in die Samenbildung stecken muss.

Wer den Abschied von Narzissen abmildern möchte, pflanzt die Zwiebeln in Kombination mit früh blühenden Stauden wie Polsterphlox (Phlox subulata), Echtem Lungenkraut (Pulmonaria), Steinbrech (Saxifraga) oder Gold-Wolfsmilch (Euphorbia polychroma). Doch alle Schönheit schwindet irgendwann. Nach Jahren stehen oft nur noch dichte blattgrüne Büschel mit bescheidener Blüte. Das ist die Zeit für die Teilung der Pflanze, deren Zwiebel über die Jahre immer neue und kleine Tochterzwiebeln bildet. Nach der Blüte können sie ausgegraben werden, um die Nachkommen vorsichtig zu entnehmen und an einem anderen Ort wieder einzugraben. So hält der Frühling immer wieder Einzug.

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