Seit April haben starke Raucherinnen und Raucher in Deutschland Anspruch auf ein jährliches Lungenscreening. Das Ziel: Lungenkrebs früh zu entdecken und Überlebenschancen zu erhöhen.
Im Flur der Uniklinik Köln wird es ernst für Steffen Krebs. Gleich bekommt er sein erstes Lungenscreening. Der langjährige Raucher arbeitet selbst in der Klinik. Er weiß, was auf dem Spiel steht. „Ich bin froh, dass es die Möglichkeit gibt, dieses Screening durchzuführen. Weil man dann die Gewissheit hat, was sein könnte“, sagt Krebs. „Aber natürlich schwingt auch eine Angst mit. Man weiß nicht, was rauskommt.“
30 Jahre lang hat Krebs geraucht, mehrere Versuche aufzuhören sind gescheitert. Jetzt gehört er genau zu der Gruppe, für die das neue Angebot gedacht ist: starke Raucherinnen und Raucher zwischen 50 und 75 Jahren. Sie haben ab sofort Anspruch auf eine jährliche Untersuchung – kostenlos als Kassenleistung. Teilnehmer müssen im Durchschnitt auf mindestens 15 sogenannte Packungsjahre kommen, also 15 Jahre mit einer Packung am Tag oder 30 Jahre mit einer halben Packung.
Schnell, strahlungsarm und schmerzfrei
Das Screening erfolgt mit einer speziellen, strahlungsarmen Computertomographie. Kontrastmittel sind nicht nötig. Die Untersuchung von Steffen Krebs dauert nur wenige Minuten. „Wichtig ist, dass Sie ganz ruhig liegen bleiben“, sagt eine medizinische Fachkraft, während Krebs auf einer Liege in eine Art offenen Ring geschoben wird. Die Strahlenbelastung ist dabei bewusst niedrig gehalten.
Weil Lungenkrebs meist spät entdeckt wird, haben Betroffene oft eine schlechte Prognose. Das Programm zur Früherkennung soll das ändern, sagt der leitende Oberarzt Simon Lennartz von der Uniklinik Köln. Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 60.000 Menschen an Lungenkrebs. Für viele kommt die Diagnose zu spät. „Lungenkrebs führt als trauriger Spitzenreiter die deutsche Krebsstatistik an. An keiner anderen Krebsart sterben so viele Menschen“, sagt Lennartz.
Lungenkrebs wird oft zu spät entdeckt
Ein zentrales Problem: Die Krankheit verursacht in frühen Stadien oft keine Beschwerden. Viele Tumore werden erst entdeckt, wenn sie bereits fortgeschritten sind. Nach Angaben von Medizinern sind rund 80 Prozent der diagnostizierten Fälle dann nicht mehr operabel. Genau hier setzt das neue Screening an. „Man hat in Studien gesehen, dass man mit dieser Untersuchung die Lungenkrebs-Sterblichkeit bei diesen Leuten absenken kann“, erklärt Lennartz. „Wir wissen, dass wir Karzinome in frühen und heilbaren Stadien erkennen können – und damit das Überleben verlängern.“
Unterstützt werden die Ärztinnen und Ärzte dabei von Künstlicher Intelligenz. Die Software analysiert die Aufnahmen zusätzlich und hilft, auch kleinste Veränderungen frühzeitig zu erkennen. „Die Bilder werden von einem zertifizierten Radiologen ausgewertet und dann noch einmal software-unterstützt, sodass wir die größtmögliche Sicherheit erreichen“, sagt Lennartz.
Andere Länder haben erfolgreiche Programme
Internationale Studien bestätigen den Nutzen solcher Programme: In mehreren europäischen Ländern gibt es bereits nationale Screening-Angebote. „Wir wissen, dass es effektiv und sicher ist – und auch für das Gesundheitssystem Kosten spart“, sagt Torsten Blum vom Helios Klinikum Emil von Behring. Vor allem die frühe Diagnose mache den Unterschied. „Für Teilnehmer ergibt sich konkret der Vorteil, dass Lungenkrebs, falls er vorliegt, in heilbaren Stadien erkannt wird“, so Blum.
Erfahrungen aus Großbritannien zeigen, dass etwa 75 Prozent der entdeckten Fälle in einem frühen, gut behandelbaren Stadium liegen.
Frühe Entdeckung kann entscheidend sein
Für Steffen Krebs gibt es an diesem Nachmittag in Köln Entwarnung: kein Tumor. Die Bilder seiner Lunge sind unauffällig. Im nächsten Jahr soll er zur Kontrolle wiederkommen.
Wie entscheidend eine frühe Entdeckung sein kann, zeigt der Fall von Monika Steinbach. Bei ihr wurde der Krebs zufällig entdeckt – ohne typische Symptome. „Ich hatte ja keine Schmerzen in der Lunge. Wenn die Ärztin das nicht gesehen hätte. Eigentlich wollte ich in den Urlaub fahren“, sagt Steinbach. Die Diagnose kam überraschend und veränderte ihr Leben schlagartig. Ein Teil ihrer Lunge musste entfernt werden.
Noch heute kämpft sie mit den Folgen. „Ich habe noch immer Luftnot. Es wurde ein Teil eines Lungenlappens weggenommen“, erzählt Steinbach. „Hin und wieder, wenn ich alleine war, kamen mir da doch die Tränen.“
„Es geht darum, von Zufallsbefunden wegzukommen“
Operiert wurde sie in Köln von Chirurg Matthias Heldwein. „Der Weg bis zur Diagnosestellung und zur Therapieeinleitung ist oft zu lang. Das ist Zeit, die wir bei dieser Erkrankung eigentlich nicht haben“, sagt Heldwein. Das Screening könne genau das verändern. „Es geht darum, von diesen Zufallsbefunden wegzukommen“, so Heldwein. „Wir wollen die Menschen gezielt aus der Risikogruppe herausfiltern und frühzeitig der Therapie zuführen, um ihnen die besten Überlebenschancen zu geben.“
Tabakrauchen ist laut Robert-Koch-Institut der Hauptrisikofaktor für Lungenkrebs. In Deutschland sind bei Frauen etwa acht von zehn, bei Männern bis zu neun von zehn Erkrankungen auf aktives Rauchen zurückzuführen. Auch Passivrauchen steigert das Krebsrisiko.
Für Monika Steinbach beginnt nach ihrer Operation nun der Weg zurück in den Alltag. In der Reha arbeitet sie daran, ihre Lungenfunktion zu verbessern. „Ich bin erst mal erleichtert“, sagt sie. „Ich hoffe, dass ich wieder aufgebaut werde und vielleicht auch wieder Sport machen kann.“ Besonders wichtig ist ihr, wieder in ihrem Chor singen zu können. Noch ist ihre Stimme nicht vollständig zurück. Doch sie bleibt optimistisch. Ihr Wunsch: Dass möglichst viele Menschen das neue Angebot nutzen. Denn Lungenkrebs gilt als besonders aggressive Erkrankung – und bleibt noch immer zu lange unbemerkt.
Source: tagesschau.de