„Früher wart ihr meine Partei – heute seid ihr Verbrecher“: Woher selbige Wut hinauf die SPD?

Etwa eine Stunde, nachdem Aick Pietschmann den roten SPD-Schirm am Markt in Lutherstadt Eisleben aufgespannt hat, rollt ein dunkler Mercedes heran. Der Fahrer steigt aus, umrundet den Wahlkampfstand und beäugt das SPD-Logo. Die Sonne scheint hell und warm an diesem Donnerstagmorgen Anfang März. Als Pietschmann den Fahrer nach kurzem Zögern grüßt, schimpft der gleich los. Ihn wundere, dass sich die SPD noch hierher traue. „Früher wart ihr mal meine Partei. Heute seid ihr für mich alle nur Verbrecher!“

Wenn Sachsen-Anhalt in sechs Monaten einen neuen Landtag wählt, steht der Name Aick Pietschmann in Eisleben auf den Stimmzetteln. Er tritt als Direktkandidat für die SPD an. Nach der Wende bekam die Partei im alten Bergbau-Städtchen im Landkreis Mansfeld-Südharz bis zu 35 Prozent der Stimmen. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr waren es dann noch 9,5.

Heute steht die SPD in Sachsen-Anhalt in Umfragen bei 8 Prozent. Ungefähr dort landete sie auch schon bei der letzten Landtagswahl. Dass sie derzeit mit CDU und FDP regiert, hat wenig geändert.

Um zu verstehen, weshalb sich so viele Wähler:innen von der SPD abgewendet haben, lohnt ein Gespräch mit Aick Pietschmann. Er ist auch Beisitzer im Vorstand des SPD-Landesverbands, und dort der einzige aus einem klassischen Arbeiterberuf. Im Blaumann, mit Helm und Stahlkappen-Schuhen arbeitet er als Chemikant in der Kautschuk-Trocknung.

Mit utopischen Linken kann Aick Pietschmann nichts anfangen

Pietschmann wurde in Querfurt geboren, etwa 20 Kilometer südlich von Eisleben. Seit Jahren singt er in Metal-Bands, stand in vielen linken Jugendklubs und Hausprojekten auf der Bühne. Als seine Lehre als Chemikant 2009 abgeschlossen war, übernahm ihn sein Ausbildungsbetrieb wegen der Bankenkrise nicht. Er bezog ein Dreivierteljahr Hartz IV und füllte danach Kleber ab, „für unter 9 Euro die Stunde, heute kaum vorstellbar“, so erzählt er es. Schließlich kam er in ein Chemiewerk zur Kautschuk-Trocknung, in dem er bis heute arbeitet. Dort sei die aktuelle Chemiekrise nicht zu spüren.

Eine linke Grundeinstellung habe er damals schon gehabt, als er mit seinen Bands durchs Land zog. Aber mit „utopischen Linken, die glauben, es kommt eine Revolution und dann wird alles besser“, könne er nichts anfangen. 2015 trat er in die SPD ein. „Da hieß es dann: Bei uns sind zwar viele Alte, aber deine Themen sehen wir trotzdem.“ Kurze Zeit später half er beim ersten Landtagswahlkampf, jetzt ist er selbst auf den Flyern abgedruckt.

Früher wart ihr mal meine Partei. Heute seid ihr für mich alle nur Verbrecher!

Als auf dem Markt in Eisleben an diesem Donnerstagmorgen der Mercedes-Fahrer losgeschimpft hat, fragt Pietschmann ihn, was er mit „Verbrecher“ meine. Doch der Mann winkt ab und geht zurück zu seinem Wagen. Er merke doch, was in Deutschland läuft, „im Bundestag, nur dummes Gesülze“, ruft er über die Schulter. „Na, dann nennen Sie doch mal ein Beispiel“, fordert Pietschmann. Da knallt die Mercedes-Tür und der Mann fährt weg. Pietschmann schüttelt den Kopf. Solche Pöbler seien ihm egal, erklärt er später.

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Weit hinten im Zukunftsatlas: Leerstand, Jobmangel, Niedriglohn

Nebendran schlendern vereinzelt Passant:innen über den Markt. Unter den starren Augen einer übergroßen Martin-Luther-Statue sind frische Fischbrötchen, farbenfrohe Stiefmütterchen und dunkle Ledergürtel im Angebot. Der Reformator Luther wurde im 15. Jahrhundert ein paar Meter entfernt geboren und starb, 63 Jahre später, ebenfalls in Eisleben. Die Luther-Gedenkstätten sind Unesco-Weltkulturerbe.

Doch etwas anderes prägt das Stadtbild: Leerstand. Direkt gegenüber von Luthers Geburtshaus ist ein Ladenfenster von innen mit blauer Folie zugeklebt. Die Region gehört zu den strukturell schwächsten in Deutschland. Über 800 Jahre arbeiteten die Menschen in Eisleben im Bergbau. Doch schon in der DDR brachte der Abbau von Kupferschiefer immer weniger Gewinn. 1990, noch vor der Wiedervereinigung, förderten die Kumpel den letzten Wagen Kupfererz. Seitdem fehlt es an Jobs.

Als das Berliner Forschungsinstitut Prognos vergangenes Jahr den sogenannten „Zukunftsatlas“ erstellte, landete der Landkreis Mansfeld-Südharz auf Platz 393 von 400. Die Bevölkerung ist im Schnitt deutlich älter als im Rest von Deutschland. Fast jede:r dritte Beschäftigte in Mansfeld-Südharz arbeitet für einen Niedriglohn.

Kein Vertrauen in etablierte Parteien – Streichhölzer werden aber genommen

Für sozialdemokratische Politik gibt es also viel zu tun. „Eigentlich schon“, stimmt Aick Pietschmann zu. „Das Problem ist bloß, dass man gerade den klassischen Parteien einfach nicht mehr so viel zutraut.“ Das zeigt sich auch auf dem Markt in Eisleben. So wütend wie der Mercedes-Fahrer äußert sich an dem Donnerstag zwar keiner mehr.

Aber richtige Gespräche entstehen ebenfalls kaum. Kurz nachdem Pietschmann um 9 Uhr seinen SPD-Tisch mit kleinen Geschenken bestückt hat, fragt ein Mann mit Zigarette: „Darf ich mir einen Kulli nehmen?“ Pietschmann weist auf den Haufen: „Gern.“ Der Mann nickt, steckt noch SPD-Streichhölzer ein – und geht wieder.

An diesem Donnerstag hat Pietschmann frei. Wenn er im Werk auf Arbeit ist, dann beaufsichtigt er Maschinen in der Kautschuk-Trocknung. Fällt eine aus, muss er sie wieder in Betrieb nehmen, gibt es Probleme, greift er mit Schutzbrille, Visier und Arbeitshandschuhen ein.

Ansonsten engagiert sich Pietschmann als Gewerkschaftsmitglied der IG BCE im Betrieb. Dass er bei der SPD ist, wüssten die Kolleg:innen spätestens seit der Bundestagswahl 2025. Schon da trat Pietschmann als Direktkandidat an. „Wer das nicht weiß, muss mit geschlossenen Augen durch die Gegend fahren“, sagt Pietschmann und hält sich beide Hände vors Gesicht. Ringsum hingen Plakate von ihm. Er lächelt. „Ich bekomme nicht überall Applaus dafür, aber es wird respektiert.“ Er bekam 10,1 Prozent der Stimmen.

Arbeiter mit Einzelkämpfer-Mentalität

Geht es in Gesprächen im Werk dann auch um Politik? „Ja. Wäre ich jetzt auf Arbeit, würden wir über Spritpreise reden“, erzählt Pietschmann. „Wenn die Bild-Zeitung mal wieder eine harte Schlagzeile bringt, habe ich viele Gespräche über Migration.“ Aber seine Meinung dazu sei oft nicht das, was die Kolleg:innen hören wollten. „Dann kriege ich auch regelmäßig mit, das Leute AfD oder BSW wählen.“

Pietschmann kenne einige Arbeiter:innen mit „Einzelkämpfer-Mentalität“. Die seien nicht in der Gewerkschaft, weil sie auch so von den Tarifen profitieren. Außerdem sei deren Einkommen in der Chemie-Industrie höher als das von vielen Angestellten.

„Das macht was mit dir, du fühlst dich nicht so an eine Notgemeinschaft gebunden“, erklärt der SPD-Politiker. Sie sähen keinen Nutzen für sich in sozialdemokratischer Politik. Aber warum dann AfD? „Ich glaube, das liegt an dem Gefühl, dass alles zu kompliziert geworden ist und vor die Hunde geht.“ Er widerspreche da, aber gegen Gefühle und Haltung komme man nur schwer an.

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Ist die SPD noch eine Arbeiterpartei?

Als einziger Arbeiter im Landesvorstand der SPD versuche er, bei den Genoss:innen seine Perspektive einzubringen. Sollte Pietschmann in den Landtag kommen, wolle er sich für eine kostenfreie Meisterausbildung und stärkere Tarifbindung einsetzen. „Für mich ist die SPD thematisch immer noch eine Arbeiterpartei.“

Am Markt in Eisleben schiebt um kurz vor 10 Uhr eine Frau mit Sonnenbrille ihren Rollator vorbei. „Guten Morgen“, grüßt Pietschmann laut. Sie blickt kurz nach links und flüstert zurück: „Guten Morgen“. Der Rollator rappelt ungebremst über das Kopfsteinpflaster. Dann ist sie wieder weg.

Ein paar Kilometer östlich, in Halle an der Saale arbeitet die Politikwissenschaftlerin Kerstin Völkl an der Martin-Luther-Universität. Sie beschäftigte sich unter anderem mit den Besonderheiten der Landesparteienins Sachsen-Anhalt.

Die SPD habe es dort seit der Wende nicht geschafft, sich dauerhaft als verankerte Partei zu etablieren, sagt sie. Zwar regierte von 1994 bis 2002 der Sozialdemokrat Reinhard Höppner als Ministerpräsident. Doch damals „profitierte die SPD vor allem von der hohen Popularität ihres Spitzenkandidaten und der damaligen Schwäche der CDU“, erklärt die Politikwissenschaftlerin.

Nach dem Ende der DDR fehlten bis heute Milieus und Netzwerke

Generell sei die Parteibindung in Sachsen-Anhalt schwach ausgeprägt. Parteien könnten sich bei Wahlen daher kaum auf eine Stammwählerschaft verlassen. Von Wahl zu Wahl gebe es eine hohe Wechselbereitschaft.

Bei der SPD gibt es da ein eindrückliches Beispiel im Jahr 2021: Bei der damaligen Landtagswahl am 6. Juni bekamen die Sozialdemokrat:innen 8,4 Prozent. Etwa drei Monate später warfen die Menschen in Sachsen-Anhalt erneut Stimmzettel in Urnen, dieses Mal für die Bundestagswahl. Am 26. September bekam die SPD 25,4 Prozent und wurde stärkste Kraft des Landes.

Ein Grund für die schwache Parteibindung sei, dass es in Sachsen-Anhalt nicht dieselben gewachsenen Strukturen wie in Westdeutschland gebe, sagt Völkl. Nach dem Ende der DDR fehlten bis heute Milieus und Netzwerke, die Parteien traditionell Rückhalt geben: Für die SPD seien das starke Gewerkschaften, für die CDU stabile kirchliche Bindungen.

Am Donnerstagmorgen in Eisleben laufen drei Frauen am SPD-Stand vorbei, Pietschmann grüßt wieder freundlich „Guten Morgen“, und lädt zum Gespräch ein. Doch sie winken ab, trotten weiter Richtung Bäckerei. Eine lächelt. Die SPD sei immer noch besser als die AfD, sagt sie. „Eh!“, stoßen die anderen beiden empört hervor. Das Lächeln verschwindet.

Ehemaliger Bergarbeiter: „Die hören den Menschen nicht mehr zu“

Auf einer Bank in der Sonne, ein paar Schritte entfernt von Pietschmann, nimmt ein Mann einen Schluck von seinem „Rentnerkaffee“ aus dem Pappbecher. Warum er nicht zum SPD-Stand gehe? Daran habe er gerade kein Interesse, sagt er und zieht an einer Zigarette. Aber solange sein Name nicht in der Zeitung lande, könne ein paar Fragen beantworten.

Früher habe er unter Tage im Bergbau gearbeitet. Nachdem die Schächte geschlossen worden waren, habe er unter anderem als Möbelpacker gearbeitet. Und bis vor 20 Jahren sei er selbst noch Mitglied gewesen, lässt er dann nebenbei fallen. In der SPD? Ja, antwortet er nickend. „Aber die hören den Menschen nicht mehr zu.“ Er sei enttäuscht gewesen, dass es ein paar seiner „Kumpels“ mehr um die Partei-Karriere ging, als um politische Lösungen.

Bevor der Rentner wieder mit der SPD reden wolle, müsse die sich erst mal selbst finden. „Die sollen sich um anständige Arbeitsplätze für die Jugend kümmern“, fordert er dann und trinkt noch einen Schluck Kaffee. Er wisse noch gar nicht, wen er bei der Landtagswahl wählen werde. Die AfD sei ja nicht besser, „um Gottes Willen“, die wähle er auch nicht.

Auf der anderen Seite des Marktplatzes, mit Blick auf Aick Pietschmann und den SPD-Stand, sitzt eine Frau im Halbschatten. Sie komme aus Mansfeld, ihren Namen wolle sie nicht sagen. Klar könne sie kurz reden, solange sie auf ihren Mann warte, antwortet sie und schaut sich suchend um.

„Es muss sich etwas ändern“

Was sie von der SPD halte? Bevor Gerhard Schröder (SPD) Kanzler wurde, „war noch alles in Ordnung in Deutschland“. Seitdem gehe es bergab. Ihr Blick geht wieder zu Pietschmann. „Es muss sich etwas ändern“, sagt die Mansfelderin schnell. Sie wähle deshalb die AfD. „Ob die etwas besser machen, sei mal dahingestellt“, sie zuckt mit den Schultern, „aber es muss sich etwas ändern“. Was genau? Heute seien die ganzen jungen Leute ja zu Hause. „Zu DDR-Zeiten hatten wir noch eine Ausbildungspflicht.“ In 20 Jahren gebe es keine Handwerker mehr, weil alle „Bürgergeld“ beziehen statt zu arbeiten.

Währenddessen hat sich ein Passant zu Pietschmann gestellt. Thema: Wie bekommt man mehr Kaufkraft in die Dörfer, damit kleine Läden, Fleischer und Bäckereien erhalten bleiben? In freundlichem Ton tauschen sie Ideen aus, Pietschmann nickt viel. Es ist das einzige längere Gespräch mit Passant:innen an diesem Vormittag.

Kurz vor 12 Uhr räumt Pietschmann seine roten SPD-Kugelschreiber wieder zurück in den roten SPD-Beutel. Wahlkampfstand beendet. Bis zum 6. September wird er noch ein paar mal in Eisleben stehen.

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