Freihandel mit welcher EU: Wie Indien zur globalen Wirtschaftsmacht aufsteigt

Indien will 97 Prozent, die EU über 99 Prozent ihres Außenhandels mit dem neuen Partner liberalisieren. Noch ist das eine Absichtserklärung. Auf das vereinbarte Freihandelsabkommen wartet zunächst die Ratifizierung. Und das kann dauern


Gute Laune: Indiens Premierminister Narendra Modi (Mitte) mit EU-Präsidentin Ursula von der Leyen (rechts) und dem Präsidenten des Europäischen Rates Antonio Costa

Foto: Sajjad Hussain/Getty Images


Es ist bemerkenswert, der in Aussicht stehende Freihandelsvertrag zwischen der EU und Indien übertrifft das Mercosur-Abkommen bei weitem. Er gilt gut zwei Milliarden Menschen, die ein gutes Viertel der Weltwirtschaft repräsentieren. Wenn der Vertrag in Kraft tritt, wird er die großzügigste Übereinkunft sein, die Indien je geschlossen hat.

Für die EU ein wichtiger Schritt. Sie erfreut sich zwar des weltweit größten Netzwerks an Handelsabkommen, braucht aber mehr weltwirtschaftliches Gewicht. Indien, momentan die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt (hinter Deutschland und Japan), mit einer Wachstumsrate von 6,5 Prozent pro Jahr, ist ein solches Schwergewicht. Im Moment werden pro Jahr bereits Waren und Dienstleistungen im Wert von 189 Milliarden Euro zwischen EU und Indien gehandelt, über 800.000 Jobs in Europa hängen daran.

Die schnelle Einigung haben Indien und die EU Trump zu verdanken

Lange hat es gedauert. 2007, im ersten Jahr der Finanzkrise, begannen die Verhandlungen, 2013 wurden sie ausgesetzt, weil man sich in vielen Fragen nicht einigen konnte. 2022 dann wurden die Sondierungen wieder aufgenommen – und nun in wenigen Wochen zum Abschluss gebracht. Dank Donald Trump. Nicht zuletzt auf dessen Zollpolitik reagieren Inder und Europäer mit ihrer Verständigung. Ein Paukenschlag zur rechten Zeit.

Indien ist gegenüber anderen bekannt als schwieriger Partner, seine Regierung agiert überaus zurückhaltend und defensiv in Sachen Freihandel, auch wenn vor einem Jahr hat Indien ein Freihandelsabkommen mit der EFTA geschlossen wurde und Verhandlungen mit dem Vereinigten Königreich weit fortgeschritten sind. Und nun also der Durchbruch bei den Verhandlungen mit der EU. Der wurde vor allem deshalb möglich, weil die Vertragsparteien vieles ausgespart haben, was bei früheren Abkommen für Ärger sorgte. Etwa den Schutz von Investitionen oder die Herkunftsbezeichnungen für Importe.

Da war es bisher eher die EU, die sich hartnäckig und wenig kompromissbereit zeigte. Mit Indien lief es nun anders, denn hier wird zweifellos eine weitgespannte Brücke betreten. In den Handelsbeziehungen mit den Nachbarstaaten der Region war Indien zumeist selektiv und zurückhaltend. Doch mag die EU einen Bonus genießen, weil mit ihr etliche Abkommen längst verhandelt und bereits geschlossen.

Der Witz dabei: Seit Anfang des Jahres hat Indien den Vorsitz der BRICS-Gruppe, die inzwischen auf zehn Staaten angewachsen ist. Indiens Premier Narendra Modi hat den Ehrgeiz, den Kurs der BRICS-Gruppe derart zu beeinflussen, dass zu westlichen Staaten offene und kooperative Handelsbeziehungen bestehen. Indien sieht „den Westen“ keineswegs als Feind, auch wenn man die ehemaligen britischen Kolonialherren nicht eben liebt.

Die Zollsenkungen gefallen der indischen Mittelklasse

Sobald er ratifiziert ist – was bekanntlich dauern kann – wird das Abkommen der europäischen Industrie einen gewaltigen neuen Markt erschließen. Die EU wird im Gegenzug die Zölle für über 90 Prozent der Importe abschaffen, Indien die Zölle für über 86 Prozent seiner Importe aus Europa. Dazu kommen weitere Zollsenkungen, sodass Indien fast 97 Prozent, die EU über 99 Prozent ihres Außenhandels mit dem neuen Partner liberalisieren wird.

Der wachsenden indischen Mittelklasse gefällt das sehr, europäische Autos, europäische Luxus-Konsumgüter wie Wein und Käse werden gern genommen. Indien exportiert in erster Linie industrielle Produkte, Rohstoffe und Agrarprodukte spielen nur eine Nebenrolle. Für die Europäer sind eher Medikamente, vor allem Generika aus Indien interessant, dazu elektronische Artikel wie Smartphones und Textilien.

Einige Ökonomen prognostizieren ein verdoppeltes Außenhandelsvolumens zwischen der EU und Indien in wenigen Jahren. Bis das Abkommen in Kraft treten kann, wird es freilich dauern. Das liegt an der EU, deren Spitzen gewarnt sind. Selbst bei diesem Abkommen, das viele der üblichen Streitpunkte ausspart, muss mit Widerstand gerechnet werden.

Nicht nur Rechtsparteien im Europaparlament, die dem europäischen Projekt um jeden Preis schaden wollen, auch Grüne und Linke, die einer längst überholten Globalisierungskritik anhängen, werden sich Gehör verschaffen wollen. Die Vorstellung, dass jeder Handelsvertrag der EU den armen „Dritte-Welt-Länder“ schade, war berechtigt.

Indien ist ökonomisch mehr als ein Armenhaus

Das stimmte für einige Abkommen der EU mit afrikanischen Ländern, es stimmt schon nicht mehr für die Handelsverträge mit Kanada oder den Mercosur-Ländern. Und in diesem Fall stimmt es ganz und gar nicht. Indien ist ökonomisch eben weit mehr als ein riesiges Armenhaus. Auf diesem Subkontinent blühen eine eigene High-Tech-Industrie, floriert eine Software-Industrie, Indien fungiert dank seiner hochproduktiven pharmazeutischen Industrie inzwischen als Apotheke der Welt. Es hat heute eine überaus konkurrenzfähige Textilindustrie. Vorläufig bleibt Indien auf Importe fossiler Energieträger angewiesen, vorwiegend aus Russland. Dagegen mit Strafzöllen vorzugehen, hat die EU wohlweislich unterlassen.

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