Frederick Wisemans Dokumentarfilme waren lang – um nur einige der letzten zu nennen: „National Gallery“ fast drei Stunden, „In Jackson Heights“ mehr als drei Stunden, „Ex Libris – The New York Public Library“ dreieinviertel, „Monrovia, Indiana“ nur zweieinhalb, „City Hall“ dann gleich viereinhalb Stunden –, doch sein Leben war noch länger: sechsundneunzig Jahre. Gesten ist es zu Ende gegangen.
Nicht, weil es so lang werden würde, hatte Wiseman erst spät mit dem Filmen begonnen. Sein Interesse am Medium hatte sich schon 1963 gezeigt, als der Jurist, der damals an der Universität seiner Heimatstadt Boston lehrte, aus politischer Überzeugung einen Spielfilm produzierte: Shirley Clarkes „The Cool World“ über eine schwarze Jugendbande in New York, gewissermaßen das realistische Gegenstück zur Rassenkonfliktsromantik der kurz vorher ins Kino gelangten „West Side Story“. 1967 sagte Wiseman dann der Juristerei adieu, als sein Dokumentarfilmdebüt „Titicut Follies“ (nicht einmal anderthalb Stunden lang) erschien. Oder besser gesagt: nicht erschien, denn der Bundesstaat Massachusetts erreichte ein Verbot des Films, weil die Persönlichkeitsrechte derjenigen verletzt würden, die darin porträtiert wurden. Erst 1991 wurde der Film freigegeben – es war also doch noch allerlei juristische Beschäftigung für Wiseman geboten -, und es ist eine eigene Geschichte, warum. Aus der Wiseman leider keinen Film gemacht hat.
Er drehte den aufschlussreichsten Dokumentarfilm über Tanz
Er hätte es gut tun können, denn sein Thema waren Institutionen. „Titicut Follies“ drehte er in einer Heilanstalt für psychisch kranke Verbrecher, und seine anfangs aufgezählten, zwischen 2014 und 2020 veröffentlichten späten Dokumentationen porträtierten ein Museum, ein New Yorker Stadtviertel, eine Bibliothek, eine Landkommune und das Rathaus von Boston. Immer lag dabei Wisemans Fokus auf den im Rahmen dieser Institution agierenden Personen, aus deren Zusammenwirken dann das Gesamtporträt entstand.
Mustergültig zeigt das jener Film, der ihm auch in Deutschland zum ersten Mal ein nennenswertes Publikum bescherte: „La Danse – The Paris Opera Ballet“ von 2009 (nur zweieinhalb Stunden). Es ist der aufschlussreichste aller Dokumentarfilme über Tanz (und es gibt viele!), und nur „Pina“ von Wim Wenders ist schöner. Aber Wiseman hatte das unbedingte, wohl auch ausbildungsbedingte Gespür und vor allem Auge für Strukturen, und so rundet sich sein insgesamt dreißig Dokumentarfilme umfassendes Werk zu einem Gesamtbild der amerikanischen Gesellschaft – mit gelegentlichen Ausflügen ins Ausland wie eben dem Ballettfilm oder auch dem in London gedrehten „National Gallery“. Deren Themenwahl war dann aber auch als Kommentar auf die USA zu verstehen: Kultur, das hatte Wiseman als junger Anwalt im Paris der Fünfzigerjahre gelernt, war im Zweifelsfalle doch eine europäische Angelegenheit.
Seine Eltern waren aus Osteuropa in die Vereinigten Staaten gekommen, und er wuchs in der jüdischen Gemeinschaft von Boston auf, wo er auch seine Frau Zipporah kennenlernte, nach der er seine Produktionsgesellschaft benannte. Der Rückschlag mit „Titicut Follies“ hinderte ihn nicht, in den Siebzigern fast jedes Jahr einen Film zu drehen, ehe er eine lange Pause einlegte, die zum guten Teil für die Dreharbeiten an „Adjustment and Work“(1986) verwendet wurde, in dem Wiseman eine Einrichtung dokumentierte, in der gehörgeschädigte Arbeitnehmer wieder fit für die Arbeit gemacht werden sollten. In seinen Filmen gibt es immer eine soziale Komponente.
Bewegung war sein Ideal – bei langen Einstellungen
Und eine politische, denn Gerichte und Verwaltungen kehren als Motive seiner Filme genauso häufig wieder wie Schulen – und noch häufiger als Heilanstalten. Wiseman wurde damit auch so etwas wie das gute Gewissen der amerikanischen Filmindustrie; sein Ehrenoscar von 2016 würdigte auch das. Was ihn so alterslos lebendig hielt, führte er selbst auf die Methode seiner Arbeit zurück: Es gehe bei Dokumentarfilmen, wie er sie verstehe, nicht darum, stillzusitzen und zu beobachten, sondern in Bewegung zu bleiben. Man sieht es seinen Filmen, die in langen Einstellungen fotografiert sind, nicht an, aber man erfährt diese Beweglichkeit in den dokumentierten Gesprächen und im Abwechslungsreichtum des Schnitts. Einen Wiseman-Film erkennt man sofort.
Dass er am Ende in Frankreich auch noch einen Spielfilm drehte, „Un Couple“ (2022) über das Ehepaar Tolstoi, war nicht nur eine Rückkehr zu seinen russischen Familienwurzeln, sondern auch eine Liebeserklärung an die Literatur, die Wiseman schwierig zu dokumentieren fand, so dass er das Verlagswesen leider ausgespart hatte. Der Spielfilm wurde dann nur eine Stunde lang – Folge der Form, nicht etwaiger Altersmüdigkeit. Denn sein letzter fertiggestellter Film als Regisseur, „Menus-plaisirs – Les Troisgros“, eine Dokumentation über das französische Dreisternelokal „Les Bois sans feuilles“ und dessen Betreiberfamilie, währte wieder vier Stunden. Und war wie üblich keine Sekunde zu lang. Kein Schwanengesang, sondern ein Lebenszeichen vitalster Art. Von Wiseman hätte man noch viel erwarten können.
Source: faz.net