Gleichberechtigung schien selbstverständlich – bis Mutterschaft, Herkunft und Geschichte neue Fragen aufwarfen. Ein persönlicher Blick auf patriarchale Strukturen, ostdeutsche Erfahrungen und warum feministischer Widerstand notwendig bleibt
In der Rolle als Mutter hatte Doreen Trittel oft das Gefühl, alles falsch zu machen und nicht zu genügen
Seit meiner Kindheit bestand mein Selbstverständnis darin, dass Männer und Frauen die gleichen Chancen haben. Als Frau mit ostdeutschen Wurzeln prägte mich die Tatsache, dass die DDR 1949 die rechtliche Gleichberechtigung in ihrer Verfassung verankerte.
Auch nach der deutschen Einheit, da war ich 17 Jahre alt, beeindruckten mich die Ungleichheiten des westdeutschen Systems kaum. Ich vertraute auf das Prinzip der Leistung. Meine Schwangerschaft und die Geburt meiner Tochter öffneten mir die Augen. Die Rolle als Mutter war nicht einfach für mich. Ständig hatte ich das Gefühl, alles falsch zu machen und nicht gut genug zu sein.
Ich dachte, ich müsse mich nur zusammenreißen. Erst später erkannte ich, dass gesellschaftliche Erwartungen dahintersteckten, die sich seit meiner Geburt in mir festgesetzt hatten. Je mehr ich mich mit meiner Vergangenheit auseinandersetzte, desto klarer wurde mir, dass ich, trotz der Gleichberechtigung in der DDR, auch in einem patriarchal geprägten System aufgewachsen bin.
Ich fühlte mich wie nach einem Boxkampf
Und dann kam auch noch meine Familiengeschichte mit einem autoritären Vater und einer schweigenden Mutter dazu. Ich kritisierte mich ständig, bis ich mich wie nach einem Boxkampf fühlte, k. o. am Boden liegend. Obwohl ich noch nie gegen jemanden geboxt hatte, aber so stellte ich es mir vor.
Irgendwann fragte ich mich, wie ich mich selbst so zermürben konnte. Meine Boxhandschuhe sind Worte, sind Vorwürfe und Verunsicherungen: „Jetzt hast du das schon wieder nicht geschafft und jenes hast du nicht gemacht! Was soll das überhaupt! Das hat doch alles keinen Sinn! Wen interessiert denn das? Reiß dich mal zusammen! Augen zu und durch! Na los, hänge hier nicht so herum! Mach schon!“
Viele Menschen kennen diese Sätze. Ist uns bewusst, wie viel Aggressivität in ihnen steckt und wie viel Macht und Energie sie uns rauben? Diese Worte beeinflussen nicht nur uns, sondern auch andere, und wir geben sie an unsere Kinder weiter. Es reicht! Ergründen wir, wo solche und ähnliche Abwertungen herkommen und was sie mit uns machen.
Lassen wir die Vergangenheit nicht ruhen. Gehen wir durch all die Gefühle, die durch eine tiefgehende Aufarbeitung ausgelöst werden. Lassen wir auch die Wut zu, denn sie entfacht das Feuer, das wir brauchen, um gemeinsam für eine menschenfreundliche Welt einzustehen. Erinnern wir uns gegenseitig daran, wo wir uns und andere fertig machen. Lasst uns entdecken, welche Fähigkeiten und Kräfte in uns stecken.
Ostdeutsche Erfahrungen und feministische Ernüchterung
Der 8. März war in der DDR der Tag, an dem wir Kinder unseren Müttern Selbstgebasteltes und die Männer den Frauen Blumen schenkten. Heute mahnt dieser Tag, wie viele Benachteiligungen FLINTA* und andere marginalisierte Gruppen erleben und wie sehr die zum Beispiel in Deutschland bisher erkämpften Rechte auf dem Spiel stehen.
Erst in der Beschäftigung mit meiner ostdeutschen Identität erkannte ich, dass die Gleichberechtigung in der DDR nicht nur einen hohen Preis für Frauen und ihre Kinder hatte, sondern dass ostdeutschen Frauen mit der deutschen Einheit 1990 einige dieser Rechte beschnitten wurden. Der 1911 gegründete Internationale Frauentag hat sich in seiner Bedeutung nicht nur für mich weiterentwickelt. Er ist zum internationalen feministischen Kampftag geworden.
Wir müssen für unsere Rechte, für die aller marginalisierten Gruppen kämpfen – gemeinsam. Vergessen wir dabei nicht, respektvoll miteinander und mit uns selbst umzugehen. Lasst uns füreinander da sein.
8. März Frauenkampftag
Wie schön das Leben sein könnte, hätten wir als Frauen nicht immer noch mit der tagtäglichen Misogynie zu tun, mit Krieg und Patriarchat.
Essays von Autorinnen, die sich der männlichen Dominanz und den Epsteins und Trumps dieser Welt entgegenstellen: mit Solidarität und Liebe