Frauenkampftag: Gold wird im Feuer geprüft. Jetzt ist die Zeit, sich zu zeigen

Ist das Patriarchat zurück oder erleben wir gerade einen Backlash: Beides nicht, so die Publizistin Shila Behjat. Das seien nicht Zeichen eines Rückfalls, sondern ein Beleg dafür, wie zentral Frauen und Gleichberechtigung geworden sind


Wir könnten am Beginn eines Zeitalters stehen, in dem das „Weibliche“ – nicht biologisch, sondern politisch und kulturell – ins Zentrum rückt, sagt Shila Behjat

Foto: Marcus C. Huber


Reproduktive Selbstbestimmung wird infrage gestellt, Gleichstellungspolitik als „Ideologie“ diffamiert, feministische Stimmen werden digital angegriffen, eingeschüchtert oder delegitimiert. Errungenschaften, die lange als selbstverständlich galten, stehen plötzlich wieder zur Disposition.

Man kann das als Rückkehr des Patriarchats deuten – als restaurative Bewegung, die verlorene Macht zurückerobern will. Diese Sichtweise hat viel für sich. Doch es gibt eine zweite Perspektive: Vielleicht sind diese Angriffe nicht Zeichen eines Rückfalls, sondern ein Beleg dafür, wie zentral Frauen und Gleichberechtigung inzwischen geworden sind. Denn was keine Bedeutung hat, wird nicht bekämpft.

Die Geschichte zeigt: Fortschritt ruft Gegenwehr hervor – gerade dann, wenn er wirksam wird. Es gibt das alte Bild: Gold wird im Feuer geprüft. Erst unter Hitze zeigt sich, was echt ist. Übertragen auf unsere Gegenwart heißt das: Erst im Druck, im Gegenwind, in der gezielten Attacke wird sichtbar, wie tief feministische Ideen bereits verankert sind. Wären Gleichberechtigung und weibliche Selbstbestimmung marginal, gäbe es keine Notwendigkeit, sie so vehement zu bekämpfen.

Der Backlash zeigt: Feminismus ist nicht am Rand – er ist im Zentrum

Der gegenwärtige Backlash ist daher auch ein paradoxer Beweis: Feminismus ist nicht am Rand – er ist im Zentrum. Er hat Einfluss auf politische Entscheidungen, kulturelle Debatten, wirtschaftliche Strukturen. Und genau deshalb ruft er Gegenkräfte auf den Plan. Es ist aber auch die Zeit, in der wir das Feuer in uns herauslassen und zeigen müssen, dass wir es denen entgegenstrecken können, die behaupten, etwas zurückdrehen zu können.

Als die Suffragetten zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Frauenwahlrecht forderten, reagierte der Staat mit Härte. Frauen wie Emmeline Pankhurst wurden verspottet, inhaftiert, zwangsernährt. Der Widerstand gegen sie war brutal – aber er machte sichtbar, wie sehr ihre Forderungen ins Machtgefüge eingriffen. Ohne Repression wäre ihr Engagement als Randphänomen behandelt worden. Die Heftigkeit der Reaktion war der Beweis ihrer Relevanz.

Ähnlich erging es Simone de Beauvoir, als sie 1949 Das andere Geschlecht veröffentlichte. Ihr Werk wurde von kirchlichen und konservativen Kreisen als skandalös gebrandmarkt. Man warf ihr vor, die natürliche Ordnung zu zerstören. Gerade diese Empörung zeigte, wie sehr sie einen wunden Punkt getroffen hatte. Beauvoir schrieb nicht aus einer gesellschaftlichen Nische heraus – sie stellte die Grundannahmen der Macht infrage.

Auffällig, wie eng der Angriff auf Frauenrechte mit autoritären Gebaren verknüpft ist

Wir könnten am Beginn eines Zeitalters stehen, in dem das „Weibliche“ – nicht biologisch, sondern politisch und kulturell – ins Zentrum rückt: dass sich alles und jeder daran abarbeitet. Und darüber hinaus: Fürsorge, Gerechtigkeit, Teilhabe, Kooperation. Werte, die lange als „weich“ abgetan wurden, erweisen sich in einer fragilen Welt als tragfähig.

Dass gerade diese Werte angegriffen werden, legt nahe, dass sie Wirksamkeit entfalten. Auffällig ist, wie eng der Angriff auf Frauenrechte mit autoritären Tendenzen verknüpft ist. Dort, wo demokratische Institutionen geschwächt werden, geraten fast immer zuerst Frauenrechte unter Druck. Die Kontrolle über weibliche Körper, die Abwertung feministischer Stimmen, die Diffamierung von Gleichstellungspolitik – all das ist Teil eines größeren Musters.

Frauen stehen heute nicht nur an vorderster Front im Kampf gegen Misogynie, sondern auch im Widerstand gegen Demokratieabbau. Journalistinnen, Aktivistinnen, Politikerinnen – sie verteidigen nicht nur ihre eigenen Rechte, sondern die Prinzipien einer offenen Gesellschaft. Es ist kein Zufall, dass autoritäre Bewegungen Feminismus als Feindbild wählen. Wer Gleichberechtigung angreift, greift die Idee der gleichen Würde aller Menschen an – und damit den Kern der Demokratie.

Wenn eine Bewegung irrelevant ist, ignoriert man sie. Wenn sie Macht gewinnt, bekämpft man sie. Frauenrechte und Gleichberechtigung sind zentrale Fragen unserer Zeit. Gold wird im Feuer geprüft. Jetzt ist die Zeit, sich zu zeigen, nach draußen zu gehen, und das mit Stolz, Freude und Vehemenz. Und vielleicht zeigt dieses Feuer, wie weit wir bereits gekommen sind.

8. März Frauenkampftag

Wie schön das Leben sein könnte, hätten wir als Frauen nicht immer noch mit der tagtäglichen Misogynie zu tun, mit Krieg und Patriarchat.

Essays von Autorinnen, die sich der männlichen Dominanz und den Epsteins und Trumps dieser Welt entgegenstellen: mit Solidarität und Liebe

Shila Behjat, Autorin (Frauen und Revolution, Hanser 2025)

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