Mehr als 100 Menschen sind seit 1945 in Einrichtungen des Franziskanerordens missbraucht worden. Eine neue Studie deutet das Ausmaß ihres Leids an – und wirft den Verantwortlichen systematischen Schweigen vor.
Der deutsche Franziskanerorden hat ein umfassendes Versagen in der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs eingeräumt. Provinzialminister Markus Fuhrmann bat Betroffene um Vergebung für die „entsetzlichen Taten“ und das Versagen von Verantwortlichen, „die nicht hingesehen, nicht zugehört oder nicht ausreichend gehandelt haben“.
Wie weit deren Wegsehen reichte, zeigt eine neue Studie des Münchner IPP-Instituts zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in den Einrichtungen des Franziskanerordens seit 1945. Die Studie ermittelte mehr als 100 Betroffene, die meisten von ihnen Kinder und Jugendliche – und 98 namentlich identifizierte Ordensmänner als Tatverdächtige. Das entspricht bei einer Gesamtzahl von 2.500 Franziskanern im Betrachtungszeitraum einer Täterquote von vier Prozent. Das Dunkelfeld halten die Studienautoren für um ein Vielfaches größer.
Jahrelanges Schweigen und Vertuschen
Kein einziger Fall sei aus den eigenen Reihen des Franziskanerordens aufgedeckt worden, sagte Studienautor Peter Caspari bei einer Pressekonferenz. Bis 2010 sei kein einziges kirchen- oder strafrechtliches Verfahren proaktiv von den Franziskanern veranlasst worden. Für das Schicksal Betroffener hätten sich Ordensverantwortliche bis 2011 in keinster Weise interessiert. Betroffenenvertreter Peter Krosch warf der Ordensleitung eine jahrelange Vertuschungspraxis und ein Wegducken vor.
Laut dem Franziskanerorden soll die Studie ein entscheidender Schritt in der Aufarbeitung sein. Weitere Übergriffe und Machtmissbrauch sollten durch zusätzliche Maßnahmen verhindert werden.
Source: tagesschau.de