Und eine Frau mehr: Unmittelbar vor dem Weltfrauentag am Sonntag hat der Verwaltungsrat des französischen Pharmakonzerns Sanofi bekannt gegeben, Christel Heydemann in sein Gremium aufnehmen zu wollen. Auf der Hauptversammlung Ende April soll die 51-jährige Französin den Aktionären als Nachfolgerin ihres Landsmanns Patrick Kron vorgeschlagen werden, dessen Mandat dann endet.
Heydemann ist in der Pariser Wirtschaftswelt keine Unbekannte. Seit knapp vier Jahren verantwortet die 51-jährige Ingenieurin die Geschäfte des Mobilfunkriesen Orange, früher France Télécom. Der Konzern ist wie Sanofi im französischen Aktienleitindex CAC 40 gelistet. Vor zwei Jahren wurde Heydemanns Mandat im Orange-Verwaltungsrat verlängert, was Zufriedenheit mit ihrer Arbeit signalisierte.
Dazu muss man wissen: Strikt getrennt wie in Deutschland sind Management und Kontrolle in den französischen Konzernen in aller Regel nicht. Der Verwaltungsrat wacht nicht wie ein deutscher Aufsichtsrat unabhängig über die Geschäftsführung, sondern kontrolliert und legt zugleich die operative Strategie fest.
Der Geschäftsführer respektive Generaldirektor ist deshalb auch Mitglied des Verwaltungsrats. Und nach alter französischer Tradition gibt es auch immer noch Konzerne wie LVMH, Totalenergies oder Thales, in denen der Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident ein und derselbe ist (Président-Directeur Général, PDG).
„Feminisierung“ der französischen Führungsetagen
Heydemann ist bei Orange „nur“ Geschäftsführerin, so wie Ende April bei Sanofi die Spanierin Belén Garijo auch „nur“ den Vorsitz der Geschäftsführung vom Briten Paul Hudson übernehmen soll. Die elf PDG, die es im CAC 40 noch gibt, sind allesamt Männer.
Auch gibt es in dem 40 Unternehmen umfassenden Index mit Estelle Brachlianoff (Veolia), Catherine MacGregor (Engie) und Hinda Gharbi (Bureau Veritas) erst drei weitere Geschäftsführerinnen, die ihre Macht jeweils mit starken männlichen Verwaltungsratspräsidenten teilen müssen. Angeles Garcia-Poveda (Legrand) ist die einzige Verwaltungsratspräsidentin, nur Michelin hat mit seiner speziellen Konzernstruktur mit Barbara Dalibard noch eine vergleichbar mächtige Chefkontrolleurin. Kurzum: Ganz an der Spitze bleibt der CAC 40 stark männerdominiert.
Und doch sind die Berufungen von Heydemann und Garijo Ausdruck einer „Feminisierung“ der französischen Führungsetagen. 153 von 531 Posten in den Geschäftsführungen des CAC 40 waren 2025 von Frauen besetzt, bilanziert die französische Wirtschaftshochschule SKEMA Business School in einer neuen Studie. Das entspricht 28,8 Prozent.
Die gesetzliche Zielvorgabe von 30 Prozent von März dieses Jahres an ist damit nahezu erreicht – zumindest im Durchschnitt, denn die Vorgabe gilt für jedes Unternehmen individuell. Ausgenommen sind Betriebe mit weniger als 1000 Mitarbeitern. Zudem gibt es eine zweijährige Schonfrist, ehe bei Nichteinhaltung der Quote Geldstrafen von bis zu einem Prozent der Lohnsumme verhängt werden können.
Seither ging es rasant aufwärts
„Die ersten Auswirkungen der Gesetzgebung machen sich bemerkbar“, schreiben die Studienautoren. Tatsächlich betrug der Frauenanteil in den CAC-40-Geschäftsführungen bei der Verabschiedung des Rixain-Gesetzes Ende 2021 erst 19,5 Prozent. Seither ist er Jahr für Jahr gestiegen.
Accor, Kering sowie BNP Paribas und Société Générale sind besonders vorbildlich. Sie haben die von März 2029 geltende noch höhere Frauenquote von 40 Prozent schon heute übererfüllt. Die Geschäftsführung von Essilorluxottica besteht hingegen nur aus Männern. Auch bei Stellantis, Bouygues, Arcelormittal und Eurofins Scientific beträgt der Frauenanteil nur rund zehn Prozent.
Die Wirkung einer obligatorischen Frauenquote zeigt sich in Frankreich auch in der Zusammensetzung der Verwaltungsräte. Für diese gab es mit dem Copé-Zimmermann-Gesetz schon einige Jahre vor dem Rixain-Gesetz strenge Vorgaben, die eingehalten werden. Seit 2014 mussten demnach 20 Prozent und seit 2017 gar 40 Prozent der Posten mit Frauen besetzt sein. Bei der Verabschiedung des Gesetzes 2011 unter Präsident Nicolas Sarkozy waren es im CAC 40 erst 15,3 Prozent. Seither ging es rasant aufwärts.
Im vergangenen Jahr waren laut der SKEMA Business School 255 der 555 Verwaltungsratsposten im CAC 40 weiblich besetzt, also knapp 46 Prozent. Das ist ein globaler Spitzenwert. Die Vorgaben des Copé-Zimmermann-Gesetzes gelten für alle börsennotierten Unternehmen oder Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern oder einem Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro. Ausnahmen lässt es nicht zu. So ist jede Ernennung, die zu einer nicht gesetzeskonformen Zusammensetzung des Verwaltungsrats führt, nichtig.
In puncto Frauenförderung schon lange beispielhaft
Franzosen mit Migrationshintergrund sind trotz der multikulturellen Zusammensetzung der französischen Gesellschaft nur selten in den Führungsetagen des CAC 40 anzutreffen. Nach wie vor haben meist Absolventen französischer Eliteschulen das Sagen. Bei der Rekrutierung von Verwaltungsratsposten aber haben sich französische Großkonzerne in den vergangenen Jahren in hohem Maße gleichermaßen feminisiert wie internationalisiert, zeigen Auswertungen wie die des Beratungsunternehmens Russell Reynolds.
Grundsätzlich gilt Frankreich in puncto Frauenförderung schon lange als beispielhaft. Berufstätige Mütter kehren meist schnell nach der Geburt in den Job zurück, ihre Teilzeitquote ist weniger als halb so hoch wie in Deutschland. In der Gleichstellungsrangliste der Analysten von Equileap belegt Frankreich seit Jahren Spitzenpositionen.
Dafür werden in den größten Unternehmen in 24 Industriestaaten Faktoren wie der Frauenanteil in Führungspositionen, Maßnahmen zur Bekämpfung von Belästigung am Arbeitsplatz oder das geschlechterspezifische Lohngefälle ausgewertet. 2025 teilten sich Frankreich und Spanien den ersten Platz, in diesem Jahr führt Spanien knapp vor Frankreich. Deutschland rangiert auf Platz sieben.