Frankreich sieht sich nicht als Kriegspartei in Iran. Aber anders als die Bundeswehr ist die französische Armee direkt in Kampfhandlungen verwickelt. Der Generalstabschef des Heeres, Pierre Schill, erläutert im Gespräch mit der F.A.Z., dass Frankreich allein in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) Hunderte iranische Shahed-Drohnen abgefangen und zerstört habe.
Dazu setze die französische Armee Lenkflugkörper mit Infrarotsuchkopf vom Typ Mica ein, die von Rafale-Flugzeugen abgefeuert werden. Zwölf französische Kampfjets sind seit Kriegsausbruch rund um die Uhr im Einsatz, um den Luftraum der VAE zu schützen. So sieht es ein Verteidigungsabkommen aus dem Jahr 2008 vor.
„Es ist nicht unbedingt sinnvoll, einen hochentwickelten Lenkflugkörper einzusetzen, um eine kostengünstige Drohne zu zerstören“, sagt der Fünf-Sterne-General. Der Stückpreis der Mica liegt bei geschätzt 600.000 Euro, während eine Shahed-Drohne etwa 6000 Euro kostet. Ein Achtel der französischen Mica-Bestände ist laut Verteidigungsfachleuten seit Kriegsbeginn verbraucht worden. Dauerhaft sei dieser Verbrauch nicht aufrechtzuerhalten, meint Schill.
Hochentwickelte Lenkflugkörper gegen billige Drohnen
Das Heer sei dabei, der Luftwaffe kostengünstigere Alternativen vorzuschlagen. So sind vier Kampfhubschrauber Tiger in die VAE verlegt worden, um bei der Drohnenjagd zu helfen. Die Bordkanone der französischen Variante des gemeinsam mit Deutschland entwickelten Kampfhubschraubers Tiger eignet sich zur Drohnenabwehr.
Das Heer setzt zudem auf Fire-and-Forget-Flugabwehrraketen vom Typ Mistral, die nach dem Abschuss selbständig zum Ziel steuern. „Die kosten nur etwa ein Drittel der Mica-Lenkflugkörper“, sagt Schill. Er erläutert, wie man sich den „rein defensiven Einsatz“ vorstellen müsse. Französische Flugzeuge seien ständig im Himmel über den VAE im Einsatz, und je nach Situation weise das emiratische Kommandosystem ihnen die Ziele zu. Das erfordere eine äußerst präzise Koordination hinsichtlich der Gebiete und Flughöhen, insbesondere mit der amerikanischen Luftwaffe. Die Freund-Feind-Erkennung sei entscheidend.
„Die NATO erlaubt millimetergenaue Koordination“
Das war am Beispiel der kuwaitischen Flugabwehr zu verfolgen, die versehentlich drei amerikanische F-15E-Kampfjets abschoss. Innerhalb der NATO werden die Prozeduren ständig geübt. Deshalb glaubt der französische General auch, dass das transatlantische Bündnis eine Zukunft hat. „Die NATO ist eine Maschine, die Interoperabilität schafft und Regeln aufstellt. Diese Regeln sind so fest verankert, dass sie millimetergenaue Koordination ermöglichen“, sagt Schill.
Frankreich unterstütze auch Kuwait und Qatar über bilaterale Verteidigungsabkommen bei der Abwehr iranischer Angriffe. Im Irak, wo Frankreich beim Anti-Terror-Kampf hilft, ist eine Stellung zum Ziel eines iranischen Drohnenangriffs geworden, ein französischer Soldat wurde getötet. Einen wichtigen Stützpunkt unterhalte die Armee in Djibouti, das in strategischer Lage am Eingang zum Roten Meer liege. Schill spricht von etwa 1000 Mann, die das Heer dort stationiert habe. Die Landstreitkräfte seien auch in Libanon als Teil der UN-Operation UNIFIL aktiv.
Schill sieht den Irankrieg als Teil einer „neuen strategischen Grammatik“, die von den Europäern verlange, die Kriegsführung zu überdenken und weiterzuentwickeln. Die Grenze zwischen Krieg und Frieden verlaufe fortan fließend. Deshalb sei es auch wichtig, sich klar an der Seite der angegriffenen Golfstaaten zu positionieren, auch wenn die Haltung Frankreichs strikt defensiv bleibe.
„Die Munitionsbestände reichen nicht aus“
Aus Sicht des Franzosen wird der Irankrieg die europäische Beschaffungsdebatte beschleunigen. Da die Vereinigten Staaten viel Flugabwehrmunition, Patriots und andere Rüstungsgüter verbrauchten, würden sich die Lieferzeiten verlängern und es würde vielen Europäern klar werden, wie wichtig die europäische Rüstungsindustrie für die Verfügbarkeit von notwendigen Systemen sei.
„In der Nationalen Verteidigungsstrategie der USA wird klar zum Ausdruck gebracht, dass die Priorität darin besteht, die amerikanischen Streitkräfte zu versorgen“, sagt Schill. Der Aufbau einer europäischen Alternative sei nicht antiamerikanisch, sondern eine Notwendigkeit. Es gebe in Frankreich keine „Kriegswirtschaft“, wie das oft gesagt wurde. Aber viele Rüstungsbetriebe hätten die Produktion hochgefahren und fertigten schneller.
Dennoch gebe es bislang anders als in den USA keine Bevorzugung der französischen Armee. Schill sagt, dass das Rüstungsunternehmen MBDA Aufträge der Reihe nach abarbeite und das Heer bei den begehrten Mistral-Missiles keinen Vorrang habe. Der 58 Jahre alte General leitet seit 2021 das Heer. Er schlägt Alarm bei den Munitionsreserven. „Ich bin der Ansicht, dass meine Bestände nicht ausreichen und dass Anstrengungen unternommen werden müssen, um sie aufzufüllen“, sagt er. Der neue Verteidigungshaushaltsrahmen sehe das vor. „Aber ich werde sie nicht unbedingt zu 100 Prozent so auffüllen können, wie ich es mir gewünscht hätte“, bedauert er.
Source: faz.net