Frankreich | Die letzten Fritten welcher Revolte: Frankreichs Linke vor welcher Musealisierung?

2020 hat die von der Belegschaft besetzte McDonald’s-Filiale ganz Frankreich beschäftigt. Auch Präsident Macron nahm Anteil. Heute denkt man dort über Alternativen für die französische Linke nach und kommt zu überraschenden Erkenntnissen


Kamel Guemari im Fastfood-Restaurant „Apres M” in Saint-Barthelemy

Foto: Christophe Simon/Getty Images


Auf ganz Frankreich strahlte die Besetzung der McDonald’s-Filiale von Saint-Barth im berüchtigten Norden von Marseille im Winter 2019/20 aus. Emmanuel Macron erkundigte sich persönlich nach der Belegschaft, die ihren „McDo“ nach der Schließung durch die Konzernzentrale halbpiratisch weiterbetrieb.

Im Januar 2020 fuhr mich der Anführer der Rebellen durch seinen vom Drogenhandel gezeichneten Kiez: Kamel, damals 38, hätte sich aus Verzweiflung über den Verlust des Arbeitsplatzes beinahe verbrannt. Da der Konzern Saint-Barth nicht mehr belieferte, bekam ich die letzten Fritten serviert.

Als „Apparatschik“ wahrgenommen

Sechs Jahre später komme ich wieder, weil es am 15. März die erste Runde der Kommunalwahl gibt. In Marseille läuft es auf ein Duell zwischen dem gemäßigt linken Bürgermeister Benoît Payan und Franck Allisio vom Rassemblement National (RN) hinaus. Da die beiden stärksten Linkskandidaten eine persönliche Beziehung zu den Aufständischen vom „McDo“ haben, will ich aus diesem Fastfood einen Blick auf die französischen Linken werfen.

Auch wenn er nicht mehr Mitglied des geschrumpften Parti Socialiste (PS) ist und dank des grün-links-gewerkschaftlichen Bündnisses „Marseiller Frühling“ regiert, wird Benoît Payan als „lebenslanger PS-Apparatschik“ gesehen. Umfragewerte um 30 Prozent bedeuten, dass er das Kernelektorat des „Frühlings“ überzeugt, mehr aber auch nicht. Er konnte in der zweitgrößten Stadt Frankreichs, die für zehn Prozent des unbewohnbaren, aber bewohnten Wohnraums steht, nicht allzu viel bewirken. Dadurch hat der grün inspirierte „Frühling“ eine offene Flanke. Die besetzt Sébastien Delogu, Kandidat der Linkspartei La France Insoumise (LFI).

Pepsi statt Coke

Im Unterschied zum betulichen Mittelschichtler Payan ist Delogu Fleisch vom Fleisch der Problem-Cités, er vertritt den Marseiller Norden als Abgeordneter in Paris und hält in Umfragen stabile 15 Prozent, sodass ihm bei der Kommunalwahl der zweite Wahlgang winkt. Delogu begann als gegen Uber streitender Taxifahrer, arbeitete für LFI-Chef Jean-Luc Mélenchon und lässt gern mal die Fäuste sprechen.

Für Tätlichkeiten bei Protesten gegen Macrons Rentenreform wurde er 2025 verurteilt. Delogu gebraucht den Slogan „die Polizei tötet“, möchte dem Marseiller Hafen die Zusammenarbeit mit Häfen untersagen, die Waffen für Israel umschlagen, und aus dem Melting Pot Marseille eine sichere Zuflucht für Migranten machen.

Und dann will er „kommunale Volksrestaurants“ einrichten, in denen sich Bedürftige gesund und billig ernähren können. Das erinnert irgendwie an den „McDo“ in Saint-Barth, der nun von einem Sozialverein namens „L’Après M“ unter Kamels Vorsitz fortgeführt wird. Noch wissen sie dort nichts von Delogus „Volksrestaurants“, als ich mich an einem Samstagvormittag danach erkundige.

Vom US-Konzern ist nur das gelbe M übrig, dazugekommen sind antiimperialistische Wandcomics. Der Besuch scheint recht mau zu sein, die Belegschaft ist von einst 70 auf 20 geschrumpft. Ich nehme ein Big-Mac-Menü, das jetzt nur noch „Big“ heißt. Kurze Gastrokritik: Der Big Mac bei „L’Après M“ ist weniger würzig, statt Coke gibt es Pepsi. Zudem läuft alles etwas umständlicher ab, ein Ghettoverein kann eben nicht mit den Effizienzabläufen eines Weltkonzerns konkurrieren.

Da Kamel nicht da ist, sagt mir sein „Manager“ Salim, Delogu sei „ein guter Typ, er war von Anfang an unserer Seite und kommt sicher auch im Wahlkampf vorbei“. An seine Wahl zum Bürgermeister glaube er nicht. Abgesehen davon könne sich „L’Après M“ Hilfe für einen LFI-Mann nicht erlauben. „Am Montag kommt Payan und macht mit dem ‚Marseiller Frühling‘ bei uns Wahlkampf. Wir werden vereinnahmt, aber was sollen wir tun? Allein Payan und seine Leute haben uns wirklich geholfen.“

„Dritter Weg“ für die Linke

Salim haut noch ein paar klassenbewusste Sprüche raus: McDonald’s habe sie als „Tiere“ bezeichnet, „aber wir dreckigen Hungerleider waren intelligenter als sie“. Dann gibt er zu, dass man „leichte Verluste“ schreibt, und verrät mir einen Plan, den noch nicht einmal Kamel kenne: „Ich würde das Restaurant zusperren und in ein Museum verwandeln.“ – „Ein Museum über den Arbeitskampf?“, frage ich. – „Ja, genau!“ Ich denke nach. Ist das ein „Dritter Weg“ für Frankreichs Linke? Musealisierung?

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