Wenn gefragt wird, wer sich Sorgen um die Demokratie macht, gehen derzeit viele Hände hoch. Das liegt vielleicht daran, dass die guten Nachrichten nicht durchdringen. In Frankfurt beispielsweise erreicht die Demokratie gerade Rekordwerte. Wir fiebern dem größten Stimmzettel hessischen Menschengedenkens entgegen.
Bei der Kommunalwahl am 15. März wird es in den Wahlkabinen zu einem ganz großen Gefalte kommen. (Bitte Stimmzettel nach innen falten). Denn auf 60 Zentimeter Höhe und 1,44 Meter Papierbreite des Wahlscheins – immerhin 20 Zentimeter mehr als letztes Mal – finden sich alle Personen festgehalten, die um 93 Sitze in der Stadtverordnetenversammlung konkurrieren.
Demokratie heißt: bekommen, was nicht bestellt wurde
Fast ein Quadratmeter Demokratie, und zwar mit allen Schikanen. Jeder Wähler hat 93 Stimmen, kann sie auf 22 verschiedene Listen verteilen und dort häufen: maximal drei Stimmen je Kandidat. Muss das aber nicht, kann auch nur einen Teil seiner Stimmen vergeben oder pauschal eine ganze Liste ankreuzen, aber kann dort dann wieder Kandidaten streichen. „Kall, mei Drobbe!“ hätte Mama Hesselbach nach ihrem Kräuterlikör gerufen. Denn ohne geistige Unterstützung ist so viel Demokratie kaum auszuhalten.
Ohnehin läuft sie auf eine Bestellung beim Chinesen hinaus, weil die allermeisten Wähler die wenigsten der 1120 Kandidaten kennen dürften und erst später erfahren, was genau sie bestellt haben. Doch genau das ist ja Demokratie: Bekommen, was nicht bestellt wurde. Und insofern ist es superdemokratisch, sich in Gedanken sein eigenes Parlament zusammenstellen zu können.
Den demokratischen Rekord verdanken wir übrigens adligen Damen mit langen Namen. Das Maß aller gleichen Kästchenlängen stellen Annegret Gräfin zu Stolberg-Wernigerode (CDU) und Angelika Gräfin von der Schulenburg-Hehlen (SPD). Dagegen haben Alexandra Burchard Gräfin von Kalnein (FDP) und Ina Baronin von Koskull-Klemm (FDP) geradezu schnöde Kurznamen, was auch für Ana Oliveira Gonçalves Dos Santos (BFF) und Mariana Machado de Carvalho Ciliberti (ELF) gilt. Gut nur, dass in Frankfurt niemand aus dem Geschlecht der Kindler von Zackenstein auf Henzendorf und Treppeln kandidiert, sonst wären wir womöglich schon bei zwei Metern Demokratie.
Thomas Bäppler-Wolf (DFRA) wiederum, ein Travestieartist, Tanzlehrer und Stadtführer, hat es vermocht, seinen Künstlernamen („Bäppi La Belle“) auf dem Wahlzettel unterzubringen, was ihn längenmäßig sehr nah an die Adligen heranbringt. Gut, dass ihn seine Eltern nicht Bartholomäus getauft haben, und gut auch, dass der Spitzenkandidat einer ganz kleinen Partei nicht auf Peter „Vorbestraft wegen Vorteilsannahme“ Feldmann bestanden hat, sonst wären die Menükarte und die Demokratie noch breiter.
Source: faz.net