Dieses aus dem Chinesischen übersetzte Gedicht entstand nicht im stillen Kämmerlein, sondern im regen Austausch mit einem Dutzend deutschsprachiger Poeten, unter ihnen H. C. Artmann, Helmut Eisendle, Anna Jonas, Sarah Kirsch, Reinhard Lettau und Peter Rühmkorf, um die inzwischen Verstorbenen zu nennen. Auch Uwe Kolbe, Hans Joachim Schädlich, Peter Schneider, Jürgen Theobaldy, Yang Lian und der Autor dieser Zeilen waren im August 1991 mit von der Partie. Sie alle waren der Einladung des Malers und Grafikers Uwe Bremer und seiner Kollegen Ali Schindehütte, Josi Vennekamp und Arno Waldschmidt, genannt Die Rixdorfer, nach Gümse im Wendland gefolgt, um mitzuwirken an einem Symposion zum Thema Landschaft und Wasser.
Den Ausdruck Synergie-Effekt war damals noch nicht gebräuchlich, doch genau das war gemeint bei der Umsetzung vor Ort spontan geschriebener Gedichte, die von den Rixdorfern per Handpresse gedruckt und kongenial illustriert wurden. Land und Wasser waren reichlich vorhanden in den Elbtalauen des früheren Zonenrandgebiets, und der Zeitpunkt war perfekt gewählt, die Mauer in Berlin gefallen, doch die Elbbrücke noch nicht wiederhergestellt. Und die von Helmut Kohl proklamierte Wiedervereinigung wurde, je näher sie rückte, desto kontroverser diskutiert. Statt wie Günter Grass über die Modalitäten der Einheit zu streiten, einigten sich die nach Gümse angereisten Literaten auf ein scheinbar zeitloses Thema – nature writing sagt man heute.
Im Club der wilden Dichter
H. C. Artmann eröffnete den Dichterwettstreit mit dem Doppelvers: „In der lagune der natur / crawlt alligator unnatur“, vielleicht inspiriert von Yang Lian, der, mit Blick in einen Schlossgraben namens Gümser See, seine Texte Krokodile nannte. Wie aber kam ein Poet aus Peking ins Wendland? Aus Protest gegen das Massaker am Tien-An-Men-Platz hatte der damals „obskur“ gescholtene Yang Lian China verlassen und wurde sesshaft in London und Berlin. Reinhard Lettau rückte die geographischen Proportionen zurecht mit dem seinem Buch „Zur Frage der Himmelsrichtungen“ entnommenen Epigramm: „Wer Neapel im / Norden vermutet: / Irrt oder ist / übel placiert.“ Und Altmeister Peter Rühmkorf dekretierte: „Kunst ist? / Ein Stück Natur, gesehen durch / das Einglas der Zensur.“ Das nun ließ mir keine Ruhe, und ich schrieb: „Kunst ist / nur Selbstzensur / gesehen durch / das Weinglas / der Kultur“. Artmann holte uns zurück auf den Boden der Tatsachen: „Die Brille beschlagen von Wurstbrot und Dichtung“.
Sarah Kirsch erinnerte an den im Wendland verstorbenen Nicolas Born mit dem Dreizeiler: „Kastanienäste / Klopfen an Scheiben wovor ein / Blutiger Himmel steht“. Und Uwe Kolbe zollte dem Zeitgeist Tribut mit dem satirischen Vers: „Der Westfriseur kann schon die Ostfrisur“.
„Herumirrend nach Buchstaben / für Gedicht / einsilbig worden“ dichtete Peter Schneider, als er im Setzkasten das aus Blei gegossene, verschnörkelte G nicht fand. Lettaus Rat befolgend, ließ er die Vorsilbe ge- im Perfekt Passiv einfach weg. Anna Jonas setzte noch eins drauf mit dem Vierzeiler: „Wo Walze um / Wort kämpft / hat Druck / endlich Ende.“ Ist das nun Poesie oder nicht? Wie auch immer: Die Texte, samt Missgriffen und Fehlern, wurden nicht unbesehen, aber wortgetreu gesetzt und gedruckt. Und die in Gümse versammelten Autoren waren sich einig, wem die Palme des Poetenwettstreits gebührte: Yang Lians deutschem Krokodil, das, wie in fernöstlicher Lyrik üblich, keine Metapher ist, sondern eine Chiffre für alles und nichts zugleich. Sei es auch nur fürs Atemholen, das dem Schreibakt vorausgeht, bevor der Dichter eintaucht ins selbstgeschaffene Werk.
Yang Lian: „Für ein deutsches Krokodil“
Ein Krokodil ist ein Wort
das mit geschlossenem Nasenloch
und ohne Blick für dich
auf einem weißen Blatt Papier
auf- und wieder untertaucht.
Aus dem Chinesischen von Sabine Peschel
In: Uwe Bremer, Albert Schindehütte, Johannes Vennekamp, Arno Waldschmidt: „Die Druckwerkstatt der Dichter. Rixdorfer Wort- und Bilderbögen“. Die Andere Bibliothek, Berlin 2013. 445 S., geb., 30,– €.
Von Hans Christoph Buch ist zuletzt erschienen: „Vom Bärenkult zum Stalinkult“. Arco Verlag, Wuppertal 2024. 240 S., br., 22,– €.
Reaktion Hubert Spiegel
Gedichtlesung Thomas Huber
Source: faz.net