Frankfurter Anthologie: Henning Ahrens: „Brief“

Von Zugängen, Kommunikationshandlungen und -abbrüchen handelt dieses Gedicht des 1964 in Peine geborenen Schriftstellers und Übersetzers Henning Ahrens. 2008 in dem Band „Kein Schlaf in Sicht“ erschienen, weist es sich im Titel gleich aus als ein Werk über eine der zentralen Kommunikations- und Kontaktformen der Menschheit. Der nicht näher beschriebene Brief eines angesprochenen Dus – vielleicht ein Abschiedsbrief von einer Lebenspartnerin oder die Nachricht eines nahestehenden Menschen – ist der chronologische Höhepunkt im vierten und letzten Vierzeiler, und der Brief ist der Auslöser, der das Gedicht in Bewegung bringt.

Dass die erste Strophe dabei mit einem Vogelflug einsetzt, wirkt wie ein augenzwinkernder Hinweis auf die geflügelten Postboten aus uralten Zeiten, als Tauben Briefe durch die Lande transportierten. Vielmehr noch steckt im „Flug der Vögel“, der „auf Deutung warten“ lässt, am Anfang jedoch der archaische Akt der Vogelschau. Bei diesem Ritual im antiken Rom deuteten Beamte, die sogenannten Auguren, wortwörtlich den Flug der Vögel als „Omen“, um so zu ergründen, ob die Götter einem Unterfangen gewogen waren oder nicht.

Ahrens’ Augur scheint weltlicher, er unterhält kaum Götterkontakte. Auch wirkt er weniger in der Lage, die neue Situation, in der er sich plötzlich befindet, zu interpretieren und zu verstehen. Er tritt aus seinem Haus: schön „umblüht von Flieder“ ist es zwar, trotzdem „schweigt“ es. „Du bist weit fort, und nichts kann mir verraten, / was dich auf welche Wege treibt.“ Am Ausgang des Gedichts steht ein flüchtiger Ausbruch aus dem Haus. Der Sprecher hat sich keine Schuhe angezogen, als müsste er sich nur kurz Luft verschaffen (oder eine Zigarette rauchen), weil er sich über das Rätsel den Kopf zerbricht, warum das Du gegangen ist.

Vogelschau und Veränderung

Er beschreibt sich selbst mit keinem Wort, und doch wirkt er vereinzelt, vielleicht einsam, allein weil er umgeben ist von der Fülle der Natur und der Welt und weil er grübelt. Seine Grübelei hält ihn an, die ihn unmittelbar umgebenden Dinge mit allerlei Bedeutung aufzuladen. Es scheint, sie reagierten sogar auf ihn, als er nach „nach draußen“ geht: „der Wind frischt auf“, die Welt kommentiert sein Alleinsein mit Kühle. Zurückgeworfen auf sich selbst, vielleicht verlassen, stülpt der Sprecher sein Innerstes nach außen. Die Symboliken der Natur – „Wind“, „Regen“, „Himmelsgrau“ und „Wolkenbruch“ – scheinen sein Innenleben zu untermalen. Schau an, der Frühling verlässt mich auch! Selbst die „Japankirsche“ trägt in ihrer fernöstlichen Herkunft noch eine Spur von Distanz und Fremde.

Nach der Hälfte des Gedichts ist Schluss mit diesem magischen Denken. Das Wort „doch“ läutet den Bruch ein. Es folgt eine Verneinung der Neigung, zu viel in die Welt hineinzulesen. Eine starke Veränderung prägt nun das Ich wie das Gedicht.

Der zweite Teil ist tonal weniger elegisch, ist realistischer und semantisch härter. Die Zartheit der Silben (umblüht, Flieder, Blüten) und die wehmütigen Assoziationen der Worte werden ersetzt durch kantigere Klänge (Welken, Innenblitz, Gartentisch) und nüchternere Konnotationen: „der Wolkenbruch ist kein Symbol – / in all dies Sinn zu lügen, ist vergeblich, / ein selbstbetrügerisches Spiel.“

Auch die reineren Reime der ersten Strophe und die unreinen der zweiten lösen sich in Strophe vier und fünf fast gänzlich auf. Die Ordnung zerfällt, und auch mit der Harmonielüge wird aufgeräumt, dass Innenwelt und Außenwelt zueinander sprechen. Bei Kindergeburtstagen schüttet der Regen, bei Beerdigungen scheint spöttisch die Sonne.

Vom Regen aufgelöst

Die Veränderung, die formal durch den Bruch nach der Hälfte des Gedichts eingeläutet wird, schwebt inhaltlich durch den gesamten Text. Das Verstreichen der Jahreszeit, die Wankelmütigkeit des Wetters, das Ende eines Zusammenseins. Die alleinige Wirklichkeit, die einzig verlässlich lesbare Wahrheit, so scheint das Gedicht zu resümieren, ist die Veränderung.

Selbst der Brief wird am Ende vom Regen aufgelöst. Doch wo anfangs die Emotion über diesen rätselhaften Brief auf die Welt abfärbt, ist es später die „Tinte“ des Briefes selbst, die eine Spur auf dem „Gartentisch“ hinterlässt. Schrift im Regen. Wie bei John Keats der Inbegriff der Vergänglichkeit. Alles verschwindet.

Schließlich steckt in diesem Gedicht aber nicht nur Negatives. „Denn nur das Ding zählt, das sich ändert“ – hierin liegen Schönheit und Hoffnung. Das Ding in seiner Wandlung ist lebendig, es hat Zukunft, auch wenn diese selbst einmal enden muss. In der Trias „Entfaltung, Welken, Innenblitz“ schwingen sowohl Verfall als auch Erneuerung und sogar Inspiration mit. Der verblüffende, rätselhafte Brief ist die Inspiration dieses Gedichts gewesen. Was in ihm stand, ist dafür so bedeutungslos wie der Flug der Vögel. Was nicht heißt, dass beides nicht mit Sinn aufgeladen werden darf, auch wenn dies „vergeblich“ ist. Denn mag der Sinn auch momentweise verschwinden, immer schafft sich so wieder Platz für eine neue Lesart, für ein weiteres Gedicht.

Henning Ahrens: „Brief“

Der Flug der Vögel lässt auf Deutung warten.
Das Haus, umblüht von Flieder, schweigt.
Du bist weit fort, und nichts kann mir verraten,
was dich auf welche Wege treibt.

Der Wind frischt auf, als ich nach draußen gehe
und barfuß auf dem Rasen steh,
der Regen wäscht den Frühling aus den Blüten
von Japankirsche und Forsythie.

Doch ist das Himmelsgrau kein Omen,
der Wolkenbruch ist kein Symbol –
in all dies Sinn zu lügen, ist vergeblich,
ein selbstbetrügerisches Spiel.

Denn nur das Ding zählt, das sich ändert:
Entfaltung, Welken, Innenblitz.
Dein Brief, der heute kam, weicht auf im Regen,
die Tinte tränkt den Gartentisch.

Henning Ahrens: „Kein Schlaf in Sicht“. Gedichte. S. Fischer Verlag,
Frankfurt am Main 2008. 96 S., geb., vergriffen.

Von Jan Wilm ist zuletzt erschienen: „Bärtierchen“.
Matthes & Seitz, Berlin 2025. 80 S., br., 10,– €.

Redaktion Hubert Spiegel

Gedichtlesung Thomas Huber

Source: faz.net