Frankfurter Anthologie: Gerard Manley Hopkins: „Im Hafen des Himmels“

Kann eine Sprache die Welt zum Schweigen bringen? Und wenn, was wäre damit gewonnen – eine wortmächtige Stille? Wer aber spricht in diesem Gedicht? Eine Nonne, wie das englische Original in einem Untertitel sagt, beim Einkleiden, eine Frau, die sich vom Tosen der Welt verabschiedet. Mitten im Aufbrechen der Moderne und der in ihrem Gefolge mehr und mehr spürbaren „Nervosität“ wagt dieser englische Dichter eine neumystische Geste der Besinnung: Was dieses wohl um 1865 entstandene Gedicht beschreibt, erinnert an Meister Eckharts spätmittelalterliche Idealvorstellung von „abegscheidenheit“, womit er ein Loslassen von der Ichbezogenheit meinte.

Noch ist in diesem Gedicht der Zustand der „gelazenheit“ nicht erreicht; noch ist das Ich gegenwärtig – im englischen Original steht es sogar im ersten Vers an erster Stelle („I have desired to go / Where springs not fail“): Ich habe danach verlangt, oder: Ich habe mich danach gesehnt. Mit den wenigen Lilien („few lilies“) spielt dieses sich um eine andere Orientierung bemühende Ich auf Matthäus 6, Vers 28 an: „Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.“

Aus dem früh geschulten botanischen Blick von Gerald Manley Hopkins entwickelte sich schon bald sein Sinn für die poetische Symbolik der Pflanzen. Bevor Hopkins, der 1844 in der Nähe Londons geboren wurde und 1889 als Professor für klassische Philologie am University College in Dublin starb, zum geistlichen Dichter wurde, verstand er sich auf die Poesie der Flora, die sich ihm als von Göttlichem durchdrungen offenbarte. Bereits Søren Kierkegaard hatte sich der Lilien als eines Motivs der Kontemplation angenommen, so in seinen drei Predigten des Jahres 1849. An ihnen und im franziskanischen Sinne an den Vögeln explizierte er, was es bedeute, ein Mensch zu sein, nämlich des Naturgeschaffenen als eines göttlichen Zeichens zu achten. Hopkins wiederum schreibt zur Zeit dieses Gedichts in seinem Tagebuch, er könnte das lispelnde Flirren der Schwalbenflügel hören. Das verband er mit seinem Menschsein.

Die Stille der Welt vor dem Wort

Das Original des Gedichts spielt in seiner Überschrift („Heaven-Haven“) mit Wortklangähnlichkeiten, die eine Bedeutungsverwandtschaft suggerieren. Der geistlichen Tönung dieses Gedichts entsprechend, bemüht Hopkins das Wort „heaven“, womit der göttliche Himmel gemeint ist im Unterschied zu „sky“. Die im Englischen eher unübliche Bindestrich-Konstruktion – zumal im Titel eines Gedichts – zeugt von intensivster Kopplung oder Identifikation des überirdischen Bereichs mit der Vorstellung eines (Heimat-)Hafens, der wiederum in den Regionen des Göttlichen anzutreffen wäre. Jedoch hat diese (künftige) Dienerin des Glaubens um ein solches Vor-Anker-Gehen im Hafen in der göttlichen Sphäre gebeten, ja dieses regelrecht erfleht.

Das Gedicht lässt jedoch offen, ob ihre Bitte, ihr Gebet erhört wurde. Im englischen Original reimen sich die jeweils erste und letzte Verszeile und die beiden mittleren Verse, wodurch der Eindruck einer befriedenden Umarmung entsteht, die aber im Reim der zweiten Strophe („to be“ – „sea“) sich durch das evozierte räumliche Bild („das Meer“) wieder öffnet. Dabei ist es, als habe sich Hopkins auch mit diesem frühen Gedicht in das eingeübt, was später seine Poesie auszeichnen wird, nämlich ihr bald viel gerühmter schwebender Rhythmus.

Eigenartig die Folge in der Formulierung des Bittens: die erste Zeile „I have desired to go“ schwächt sich ab zu einem eher formal klingenden „And I have asked to be“: vom Sehnen zum Bitten. Von leisen Zweifeln beim Einkleiden ins Habit der Entsagung weltlicher Freuden soll zwar nicht die Rede sein in Hopkins’ Gedicht, aber von wirklicher Gewissheit über diesen Schritt lässt sich auch nicht ausgehen. Das „Einkleiden“ ins Nonnen-Habit heißt im Englischen „A nun takes the veil“, wie auch der Untertitel lautet, den Hopkins seinem Gedicht zugedacht hat. Das betont den Umstand einer aktiven Handlung vonseiten der Gläubigen, zum Eintritt ins Kloster Bereiten.

Hopkins, der als hochbegabter Student in Oxford Umgang mit Walter Pater pflegte, der den Glauben an das Schöne zur neuen Religion erklärte und als Erneuerer der englischen Lyrik in die Literaturgeschichte einging , wurde von keinem Geringeren als Kardinal Newman im Jahr 1866 in die Weihen des Anglo-Katholizismus aufgenommen. Er verfasste das vorliegende Gedicht zu einer Zeit, als er sich über seinen theologischen Weg schlüssig zu werden versuchte. „Im Hafen des Himmels“ ist daher spiegelbildlich zur eigenen Situation des Dichters in jenen Jahren deutbar, ein Changieren zwischen sinnlicher Bildlichkeit und Asketentum, Öffnung zur Vielfalt des Weltlichen und zeitenthobener Selbstbeschränkung.

Gerard Manley Hopkins: „Geliebtes Kind der Sprache“. Gedichte. Aus dem Englischen übertragen und kommentiert von Dorothea Grünzweig. Edition Rugerup, Hörby 2009. 304 S., geb., 29,90 €.

Von Rüdiger Görner erscheint in Kürze: „England, oh England. Hoffnungsvolles über ein verlorenes Ideal“. Essays. Sonderzahl Verlag, Wien 2026. 128 S., br., 20,– €.

Redaktion Hubert Spiegel

Gedichtlesung Thomas Huber

Gerard Manley Hopkins: „Heaven-Haven“

A nun takes the veil

I have desired to go
        Where springs not fail,
To fields where flies no sharp and sided hail,
        And a few lilies blow.

And I have asked to be
       Where no storms come,
 Where the green swell is in the havens dumb,
        And out of the swing of the sea.

 Im Hafen des Himmels

Dort nur zieht es mich hin,
  Wo Quellen nie versiegen,
Auf Felder, wo keine Hagelböen peitschen,
  Nur vereinzelt Lilien blühn.

 Ich flehte darum, zu weilen,
  Wo keine Stürme tosen,
Wo Dünung in des Hafens Stille grünt,
          Enthoben den Gezeiten.

Aus dem Englischen von Rüdiger Görner.

Source: faz.net