Sollen auch wir uns hier daran abarbeiten, dass Trump sich für Jesus hält und entsprechende Bilder verbreitet, aber seine Feinde nicht liebt wie sich selbst, sondern ihnen immerzu die Hölle verspricht?
Es gibt jedenfalls für uns Deutsche ein wichtigeres Thema. Nach allem, was wir in den vergangenen Wochen erlebten, ist doch klar, dass wir ein neues Wappentier brauchen. Und dass das nur der Wal sein kann, ein gestrandeter.
Gäbe es ein passenderes Symbolviech für uns? Wie im Fall von Timmy weiß man doch nicht wirklich, ob Deutschland schon im Sterben liegt, bloß die Orientierung verloren hat oder einfach gern auf einer Sandbank überlegt, wie es um seine Work-Life-Balance steht. Auch der Streit darum, ob und wie dem Wal von Staats wegen aufgeholfen werden müsse, ist doch typisch deutsch, bis hin zu den Morddrohungen aus reiner Tierliebe.
Weil der Adler Hitlers williger Vogel war
Jetzt werden die Traditionalisten aufschreien: „Und was wird aus unserem Adler?“ Als ob der uns jemals so aufgewühlt hätte! Haben wir einem solchen Vogel, wenn er aus dem Nest gefallen ist, schon einmal Luftkissen unter die Flügel geschoben? Gibt es vergleichbare Aufwallungen, wenn ein Windrad einen Adler schreddert? Walwarm sind wir mit dem König der Lüfte nicht geworden. Er ist uns Deutschen suspekt geblieben, weil er Hitlers williger Vogel war.
Vor seiner Wiedereinstellung als Wappentier der Bundesrepublik Deutschland ist er freilich gründlich entnazifiziert worden. Der Adler, der schon zu Bonner Zeiten im Bundestag hing und mit ihm in die Berliner Republik umzog, sieht ja nicht mehr aus wie ein Stuka im Sturzflug, sondern wie eine fette Henne. So wurde der Vogel auch von den Abgeordneten getauft. Und ist er, so rund, satt, zufrieden und unbeweglich, wie er auf uns herabschaut, nicht das perfekte Symbol für unser Gemeinwesen gewesen, als die Zeit noch gut und alt war?
Merz hat nun in seinem Büro einen adipösen Sperling hängen
Viele Deutsche hatten sich von unserem Kanzler erhofft, dass wir unter ihm in die Ära zurückkehren könnten, in der Hühner goldene Eier legten, wie es in einer Werbung aus den Siebzigerjahren hieß. Dass wir uns diese Zeitreise endgültig abschminken müssen, symbolisiert nun aber auch der „Power Eagle“ des Thüringer Künstlers Marc Jung, den Merz in seinem Bundestagsbüro hat aufhängen lassen.
Dieser Vogel sieht nicht mehr nach einer korpulenten Glucke aus, sondern nur noch nach einem adipösen Sperling. Merz lobte die Darstellung dennoch als „ein starkes, ein kraftvolles Bild“. Diese Einschätzung liegt wohl daran, dass auch seine Koalition sich für stark und kraftvoll hält.
Den russischen Bären und den amerikanischen Adler wird der Power Eagle aber kaum beeindrucken. Dazu brauchten wir wohl doch etwas Wehrhafteres als einen Speckspatz oder einen gestrandeten Wal. Hätten wir ja auch im Angebot: den Löwen, der in den Wappen einiger deutscher Länder Krallen zeigt. In Hessen ist er sogar gerade modernisiert worden.
Der hessische Wappenlöwe ist als Flokati-Bettvorleger gelandet
Doch Putin und Trump werden, wenn sie das Ergebnis sehen, wohl eher einen Lachkrampf kriegen. Der neue langmähnige Hippie-Hesse könnte, wenn er nicht seine Genitalien eingebüßt hätte, locker für das Motto stehen „Make love, not war“. Endlich gibt es eine ansprechende optische Umsetzung des Sprichworts: Er ist als Tiger gesprungen, aber als Bettvorleger gelandet. Dafür war die halbe Million, die die Ganzkörperdauerwelle für das hessische Wappentier kostete, wirklich nicht zu viel.
Bei dem zeitgemäßen Makeover mussten dem Flokati-Löwen natürlich ganz gendersensibel auch die primären Geschlechtsmerkmale genommen werden. Zum Glück wurde ihm aber kein zweiter Schwanz angetackert, etwa aus Gründen der Koalitionsparität.
Sonst müsste die hessische Zottelkatze künftig auch noch den Spott ertragen, mit dem der böhmische Löwe leben muss. Der ist zwar eindeutig noch ein Kater. Die Frage, wie er zu seinen zwei Schwänzen kam, beantworten freche Tschechen aber schon lange so: Ursprünglich seien es zwei Löwen gewesen. Dann sei der eine dem anderen hinten reingekrochen.
Da fragt man sich zum Schluss doch unweigerlich: Wo bleibt nur das Bild, das Trump mit zwei Schwänzen zeigt, ach was, mit mehr Schweifen, als man sie je zuvor gesehen hat?
Source: faz.net