Die Tsinghua-Universität, eine der besten Hochschulen Chinas, hat eigentlich viel zu feiern. Die Budgets steigen. Und dieses Jahr hat es die Tsinghua in die Top zehn des prestigeträchtigen Leiden Rankings der besten Forschungsuniversitäten der Welt geschafft. Die Rangliste symbolisiert einen Paradigmenwechsel in der Forschungslandschaft: Unter den zehn besten Forschungsuniversitäten der Welt findet sich Harvard noch auf Platz drei. Die ersten beiden Plätze und insgesamt acht der zehn aber belegen heute chinesische Universitäten.
Die Tsinghua belegt Platz neun, den ersten Rang hält die Zhejiang-Universität, an der etwa der Gründer der KI-Firma Deepseek studierte. Der beste deutsche Vertreter, die TU München, kommt auf Platz 110.
Warum das so ist, und ob man über den eigenen Erfolg nicht ein paar Worte verlieren möchte, würde man die Tsinghua-Verwaltung in Peking gerne fragen. Aber ein Interview mit gleich welchem Vertreter wird freundlich abgelehnt. Selbst das universitätseigene Geschichtsmuseum auf dem Campus dürfe man nicht besuchen. Der Apparat schottet sich zunehmend ab. Aber ist gleichzeitig offen für globalen Forschungsaustausch und Spitzenforschung. Und das offensichtlich erfolgreich.
Haushaltssteigerungen von acht bis zehn Prozent im Jahr
Seit zwei Jahrzehnten klettern chinesische Eliteuniversitäten in den internationalen Ranglisten. Die chinesische Dominanz im Leiden Ranking mag extrem sein. Aber in der Tendenz gehören chinesische Universitäten auch in anderen Ranglisten zur Spitzengruppe, stammten sie vom Forschungsmagazin „Nature“ oder dem renommierten QS-Hochschulranking – wo die ersten zehn Plätze allerdings weiterhin die bekannten angloamerikanischen Topuniversitäten halten.
Schon die Zahlen belegen das finanzielle und personelle Volumen, aus dem sich der chinesische Erfolg speist. Allein die dem chinesischen Bildungsministerium untergeordnete Nationale Stiftung für Naturwissenschaften erhält jedes Jahr Haushaltssteigerungen von acht bis zehn Prozent. Jährlich gehen fast eine halbe Million Förderanträge ein, von denen 50.000 bewilligt werden. Das sind 20.000 mehr, als etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft verteilt, die sich damit nicht verstecken muss. Doch viel hilft viel.
So beliefen sich in China die Ausgaben für Forschung und Entwicklung 2023 auf offiziell 132 Milliarden Euro. Laut der „Volkszeitung“ gab China 2024 schon 2,69 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aus, was den EU-Durchschnitt (2,11 Prozent) übertreffe. Der OECD zufolge zahlt China im Durchschnitt 323.000 Dollar pro Forscher, in der EU sind es 280.000. Hinzu kommt das Ergebnis der Masse: Zwischen 2021 und 2025 brachte China 55 Millionen Uni-Absolventen hervor. Aus diesem Pool rekrutieren sich auch Labore und Wissenschaftsstellen. Die Skaleneffekte zeigen Wirkung.
Kooperationen „massiv und strategisch“ ausgebaut
„Viele dieser Verbesserungen in den Rankings spiegeln nicht unbedingt einen Aufstieg der Universitäten selbst wider, sondern vielmehr die allgemeine Entwicklung des Landes, die positive externe Effekte erzeugt“, sagt der Wirtschaftsprofessor Li Daokui. Er lehrt an der Tsinghua-Universität und spricht mit der F.A.Z. am Rande einer Konferenz in einem Tagungszentrum außerhalb des Campus. Li betont: „Der Aufstieg in den Rankings wird vor allem durch Fortschritte in Naturwissenschaften und der Technik vorangetrieben.“
Vergangenes Jahr schlossen in China fast doppelt so viele Doktoranden in naturwissenschaftlich-technischen MINT-Fächern ab wie an amerikanischen Universitäten – wo ein großer Teil der MINT-Absolventen zudem selbst Chinesen sind. Viele dieser Forscher kehren in ihr Heimatland zurück. Zum einen, weil sie gut bezahlt werden. Zum anderen, weil sie in China hervorragende Forschungsbedingungen vorfinden.
Auch für sie kommen die Spitzenergebnisse chinesischer Universitäten „nicht ganz überraschend“, sagt Anna Ahlers, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für chinesische Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Ahlers spricht vom Effekt einer über Jahrzehnte adaptiv praktizierten Forschungspolitik. China habe seit der Öffnung in den späten Siebzigerjahren seine internationalen Uni- und Forschungskooperationen „massiv und strategisch ausgebaut“.
Peking will die vierte industrielle Revolution dominieren
Staatschef Deng Xiaoping hatte erkannt, wie die Volksrepublik unter der Herrschaft von Mao Zedong zurückgefallen war. Gezielt schickte Peking Personal in die führenden Wissenschaftsnationen – in die USA und nach Europa –, um Expertise und Wissen zu sammeln. Im Institut für interdisziplinäre Informatik der Tsinghua-Universität etwa, dem wohl renommiertesten Chinas, haben heute zwei Drittel der dort lehrenden Professoren ihren Doktor an einer amerikanischen Hochschule gemacht.
Vor diesem Hintergrund findet Ahlers es „seltsam, dass man jetzt so überrascht ist, dass das in China funktioniert“. Noch bis circa 2005 habe sich der Blick des Machtapparats darauf gerichtet, „China intern wieder aufzubauen“. Man wollte die eigenen Forschungsorganisationen auf internationalen Standard bringen. Spätestens seit Xi Jinpings Machtübernahme 2012 aber verfolgt Peking den Anspruch auf Weltführerschaft auch in der Wissenschaft.
Für Xi hängt „die Stärke einer Nation“ von der wissenschaftlichen Vorherrschaft ab. Peking will die vierte industrielle Revolution dominieren: KI, Quantentechnologie, intelligente Produktion und Biotechnologie. Nicht unbedingt mit Blick auf Wohlstand, sondern vor allem für relative Machtgewinnung.
Investitionen westlicher Länder halten mit China nicht Schritt
Dabei ist auch das Hochschulsystem zentralisiert. Das Bildungsministerium verwaltet die besten Hochschulen des Landes. Der Präsident der Peking-Universität ist im Rang eines Vizeministers und untersteht dem Bildungsminister, der dann der Parteiführung berichtet.
Han Pengfei, Professor für Finanzwissenschaften an der Peking-Universität, Fachgebiet Innovation, sagt, angesichts der gestiegenen Investitionen finde auch er den chinesischen Aufstieg in den Forschungsrankings erwartbar. Im Leiden-Ranking belegt seine Universität den dreizehnten Platz. Han spricht von einem „relativen Aufwärtstrend“: Die Investitionen vieler westlicher Länder hätten zuletzt einfach nicht mehr mit denen Chinas Schritt gehalten. Chinesische Universitäten dagegen hätten die Zahl der Master- und Promotionsstudenten deutlich erhöht.
Wenn man so will, liegt der rasante Aufstieg auch hier an Skaleneffekten: Gemessen an der Bevölkerungszahl, der gestiegenen Wirtschaftskraft und den Investitionen Chinas mag der Erfolg kaum überraschen.
Vertraglich festgelegte Zahl an Publikationen
Hinzu aber kommen Chinas Anreizstrukturen. „In Leistungsverträgen mit Wissenschaftlern wird festgeschrieben, wie viele Publikationen man in angesehenen Fachblättern in einem bestimmten Zeitraum veröffentlichen soll“, sagt Anna Ahlers. „So etwas kennt man in Deutschland kaum, aber in China ganz krass.“ Der Publikationsdruck ist riesig. Überhaupt der Leistungsdruck: Das geht in frühen Schulklassen los, wo die Kinder intensiver naturwissenschaftlichen Stoff lernen als in Deutschland.
Zudem, so Ahlers, sind an vielen chinesischen Forschungsinstitutionen „die Arbeitsbedingungen richtig gut geworden“. So gut, dass diese mittlerweile selbst für europäische Forscher attraktiv sind, vor allem in Naturwissenschaften. „China spielt als Karriereschritt oder überhaupt als Jobmarkt inzwischen eine Rolle.“ In Deutschland sickere das selbst in wissenschaftspolitischen Kreisen nur langsam durch.
Doch der Leistungs- und Publikationsdruck in China hat Schattenseiten. Der Machtapparat hat Spitzenplätze in den globalen Universitätsrankings zum nationalen Politikziel erklärt. Es gibt Berichte über Geldprämien für in prestigeträchtigen Wissenschaftspublikationen veröffentlichte Artikel. Das Phänomen der „Papierfabrik“ verbreitete sich: Geschäftsleute verkauften gefälschte oder plagiierte Fachartikel. Papiere mit geschönten Daten wurden verbreitet, oder in denen Autoren Forschungsgruppenleiter zitierten, um voranzukommen. So etwas kommt in allen Ländern vor, Erhebungen zufolge aber extrem deutlicher gehäuft in China.
Quantität mit wenig Qualität?
Viele chinesische Universitäten seien Papiertiger, kritisierte der in Harvard lehrende Informatiker Ariel Procaccia: „Sie produzieren in rasantem Tempo Artikel, doch die Qualität dieser Veröffentlichungen ist allzu oft fragwürdig.“ Zwar stimme es, dass chinesische Universitäten bemerkenswerte Fortschritte erzielen. Doch schaffe China Anreize, „die dem Schein von Exzellenz Vorrang vor der Gesundheit des Forschungsumfelds“ geben.
Doch selbst unter Berücksichtigung dieser Fehlentwicklungen, die meist von den globalen Rankings herausgefiltert werden, ändert sich am Befund wenig: China trumpft in der Wissenschaft auf.
Für Professor Han Pengfei gilt das jedoch kaum für Grundlagenforschung. „Die Bereiche, in denen China führend ist, sind in erster Linie ingenieurwissenschaftliche Innovationen.“ Wohingegen die USA bei naturwissenschaftlich geprägten Innovationen führten. Im Zuge seiner Industrialisierung habe sich China zunächst auf Arbeitsplätze konzentriert, auf den Aufbau von Produktionskapazitäten und auf Devisen durch Exporte, so Han. Wissenschaftsgetriebene Innovation dagegen basiere „auf der langfristigen Akkumulation von Grundlagenforschung, die mit dem Verlauf der frühen Industrialisierung Chinas nicht vereinbar war“.
Und diese Grundlagenforschung erfordere „Vorstellungskraft – uneingeschränkte, ja sogar spekulative Vorstellungskraft; die Bereitschaft, kühn zu denken, selbst auf die Gefahr hin, falschzuliegen“, sagt Han offen. „Sie erfordert kritisches Denken, den Mut, Autoritäten infrage zu stellen, sowie ein akademisches Umfeld, das freie Forschung ermöglicht und Fehler toleriert.“ Hier habe China „einen weiten Weg vor sich“.
Xi: Grundlagenforschung muss Bedarf folgen
Offiziell steigen auch in der Volksrepublik die Mittel für Grundlagenforschung. Geforscht werden muss aber immer mit Blick auf Anwendungen: Grundlagenforschung habe „den strategischen Bedürfnissen des Landes“ zu entsprechen, sagte Xi Jinping 2023. Nur in „einem zweigleisigen Ansatz“ dürfe sie auch „freier Erkundung“ dienen.
„Man kann sehen, dass es stetig mehr staatliche Mittel für Forschung gibt, sowohl in absoluten Zahlen als auch beim stark steigenden Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt und anteilig für Grundlagenforschung“, sagt Ahlers vom Max-Planck-Institut. Vor fünf Jahren habe China bei den Forschungsausgaben unter dem Durchschnitt der Industrienationen gelegen. Heute liege es auf diesem Niveau oder höher.
Weltniveau erreicht die Volksrepublik in der Biomedizin, Biotech oder der Quantenforschung. Das größte Radioteleskop ist in China, die größte Primatenforschungsanlage, aber andere Großforschungsgeräte wie neueste Teilchenbeschleuniger hat Peking nicht. So wirbt die Volksrepublik beständig um Forschungskooperationen. Deutlich verstärkt, seit die US-Regierung ausländische Wissenschaftler aus Amerika vergrämt.
Von zunehmender Kontrolle in den Universitäten und Laboren aber wird auch in China berichtet. Der Einfluss von Parteifunktionären in den Wissenschaftsorganisation nimmt zu. Da geht es um Personalpolitik und Ausgaben, weniger um die Aufstellung von Experimenten. Und um Disziplin: Ob sich die Wissenschaftler persönlich etwas gegen die Diktatur zuschulden kommen lassen.
Viele Wissenschaftler dürfen nur auf Antrag ins Ausland
Immer stärker achtet der Machtapparat darauf, dass keine „Staatsgeheimnisse“ ins Ausland kommen. Ein seit 2021 geltendes Datensicherheitsgesetz verlangt, dass vage definierte „wichtige Daten von nationalem Interesse“ in China bleiben. Das kann Daten in der Geoforschung betreffen, die chinesische Forscher mit wohlmeinenden deutschen Wissenschaftlern gewonnen haben. Ein Dilemma: Für Spitzenforschung in manchen Bereichen gibt es die besten Labore oder Großanlagen nur in China, da müsse man also hin – aber was hilft es, wenn deutsche Forscher die dort selbst gewonnenen Daten zu Hause gar nicht nutzen dürfen? Es ist wie überall: In eine Richtung schottet sich China ab, in die andere gibt es Öffnungen.
Viele chinesische Beamte, Professoren und Wissenschaftler müssen ganz selbstverständlich ihre Reisepässe abgeben und dürfen nur auf Antrag für oft wenige Tage ins Ausland. Einige sehen dafür bei Betrachtung der Zustände in den USA auch immer weniger Gründe. Bei anderen ist Selbstzensur Gebot der Stunde. In Geistes- und Sozialwissenschaften fällt China in den Ranglisten sogar zurück, heißt es von berufener Quelle. Auch Tsinghua-Professor Li sagt: „Unser Einfluss in der Philosophie und den Sozialwissenschaften ist nach wie vor begrenzt, das muss man sich stets vor Augen halten.“
Auch das verwundert kaum in einem Land, wo jeder für seine Aussagen ohne Rechtsschutz belangt werden kann – und wird. Aber das misst kein Ranking.
Mitarbeit Wang Binghao
Source: faz.net