Die russische Gesellschaft hat infolge der Invasion in die Ukraine nicht nur einen Teil ihrer europäischen Kulturschicht und nach NATO-Schätzungen bis zu einer Million Männer an der Front verloren, ihr stehen infolge der Heimkehr einer großen Zahl von Frontveteranen auch innere Konflikte bevor, deren Ausmaß sich abzuzeichnen beginnt. Die Deutsche Sacharow Gesellschaft hat dazu jetzt eine Online-Konferenz mit dem Titel „Rückkehr mit Schrecken“ veranstaltet, auf der unabhängige Journalisten in Russland sowie im Exil über die Präsenz von Ukraineveteranen und die Einstellung ihrer Landsleute ihnen gegenüber berichteten.
Erwartungsgemäß sehe man sie in Moskau eher selten, sagte der dort tätige Korrespondent der „Nowaja Gaseta“, Andrej Kolesnikow, der auch jüngste Umfrageergebnisse des unabhängigen Levada-Instituts zitierte, wonach sechzig Prozent der Bevölkerung Respekt für die „Helden“ des Ukrainefeldzugs bekunden, etwa vierzig Prozent jedoch vor allem einen Anstieg von Gewaltkriminalität durch sie befürchten.
Der sei im Ural, Russlands Waffenschmiede, wo einem Kriegsheimkehrer allenthalben begegneten, jetzt schon Realität, berichtete die Journalistin Olesja, die dort in einer Millionenstadt lebt und für unabhängige Exilmedien schreibt.
Da in Jekaterinburg viele Veteranen als Taxifahrer arbeiten, weil Publikumskontakt sich positiv auf posttraumatische Belastungsstörungen auswirken soll, bestellten Frauen aus Angst nur noch Nobel-Taxis, so Olesja. Auch Putin-Anhänger fürchteten Veteranen wegen deren Gewaltbereitschaft. Wohnungen in Häusern, in denen Kriegsheimkehrer lebten, fielen im Preis.
Veteranen werden erst gar nicht eingestellt
Olesja berichtete von etlichen verurteilten Mördern in ihrer Region, die frei herumliefen, weil sie in der Ukraine gekämpft hatten. Manche Männer mit familiären, psychischen oder Karriereproblemen betrachteten den Kriegsdienst als Therapieersatz, hat die Journalistin beobachtet. Ihnen blieben dann die Frontkameraden oft als einzige Freunde, deren Wert auch erlebte Grausamkeiten, sogar seitens der Armeekommandeure, aufwiege.
Der heute in Wien lebende Politologe Kirill Rogow bezeichnete Präsident Putins Kommerzialisierung des Kriegsdienstes als erfolgreiche Idee. Sie erlaube es, die Mobilisierung der Gesellschaft auf die Ideologie zu beschränken und das Kämpfen Söldnern zu überlassen. Für Vertragssoldaten aus abgehängten Regionen bedeute der Sold und noch mehr die Kompensationszahlung an die Familie im Fall ihres Todes sowie die Studienplatzquote für ihre Kinder einen raketenhaften sozialen Aufstieg.
Doch solidarisiere sich die Gesellschaft nicht mit ihnen. Familien, für die Leben und Gesundheit ihrer Männer Priorität hätten und die dafür Armut in Kauf nähmen, fühlten sich gegenüber den „Helden der militärischen Spezialoperation“ und deren Angehörigen in keiner Weise verpflichtet.
Das dürfte die Wiedereingliederung der Veteranen erschweren, die Putin zufolge eine „neue Elite“ bilden sollen. Heimkehrer, die selbst über ihre Gewaltneigung sprächen, fänden jetzt schon schwer eine Arbeit, weil sie als Sicherheitsproblem gälten, berichtete der ebenfalls im Exil lebende Journalist Iwan Filippow. Zwar sollen sie gesetzlich gegen Entlassungen gefeit sein, das führe aber nur dazu, dass sie gar nicht erst angestellt würden, so Filippow. Auch die Hochschulquoten für ihre oft nicht sonderlich qualifizierten Kinder erzeugten in der Gesellschaft Unzufriedenheit.
Mehrere Sprecher betonten, dass die Aussicht, Veteranen integrieren zu müssen, die mehr als vier Jahre Krieg geführt hätten, ohne Beispiel sei. Russische Afghanistan- und Tschetschenienheimkehrer, die vielfach kriminell wurden, aber auch etwa die amerikanischen Vietnamveteranen hätten eine viel kürzere Kampferfahrung gehabt.
Filippow betonte, dass die Heimkehrer aus dem Ukrainefeldzug gelernt hätten, billige Mörderdrohnen zu bauen, und oftmals Hunderte Menschen getötet hätten. Auch Russlands politische Führung sei sich darüber im Klaren, dass diese Fertigkeiten, gepaart mit dem Groll vieler Veteranen auf die im sicheren „Hinterland“ Gebliebenen, aber auch auf ihre korrupten und inkompetenten Vorgesetzten in der Armee sowie ihr fehlendes Unrechtsbewusstsein für die Sicherheit des Landes über Jahre eine ernste Gefahr darstellen werde. Filippow prophezeit daher, dass viele von ihnen, nicht ohne staatlichen Zwang, auf Stützpunkten in Grenzregionen oder im russischen Afrikakorps landen werden.
Source: faz.net